Es sollte eigentlich um die neue Regierungslinie gehen. Stattdessen wirkt Westminster derzeit wie die britische Version von „Succession“ – nur mit weniger Stil und schlechteren Umfragewerten.
Premierminister Keir Starmer trifft heute Gesundheitsminister Wes Streeting, ausgerechnet jenen Mann, den viele längst als möglichen Nachfolger betrachten. Das Treffen findet in einer Atmosphäre statt, die für Labour inzwischen irgendwo zwischen Führungskrise, Nervenzusammenbruch und stiller Meuterei liegt.
Mehr als 80 Abgeordnete gegen Starmer
Der Aufstand gegen Starmer ist längst nicht mehr nur Flurfunk. Mehr als 80 Labour-Abgeordnete sollen ihn zum Rücktritt aufgefordert haben. Vier Minister warfen bereits hin, darunter die prominente Jess Phillips. Ihre Rücktrittsbriefe lasen sich teilweise wie öffentliche Trennungsnachrichten mit politischem Unterton: „Du bist kein schlechter Mensch, aber es reicht einfach nicht mehr.“
Besonders bitter für Starmer: Viele der Kritiker stammen aus den eigenen Reihen der Parteimitte – also genau jenem Lager, das ihn einst ins Amt getragen hatte.
Wes Streeting: Loyal oder schon bereit?
Im Zentrum der Spekulationen steht nun Wes Streeting. Der Gesundheitsminister gilt seit Jahren als ehrgeizig, medienfest und beliebt bei vielen moderaten Labour-Abgeordneten.
Offiziell wird Streeting heute selbstverständlich nichts tun, „was vom King’s Speech ablenken könnte“. Übersetzt aus Westminster-Sprache bedeutet das ungefähr: Niemand wird öffentlich putschen, solange noch Kameras laufen.
Hinter den Kulissen rechnen Starmer-Vertraute allerdings fieberhaft durch, ob Streeting überhaupt genug Unterstützer hätte, um eine echte Führungswahl auszulösen. Dafür bräuchte er 81 Labour-Abgeordnete. Im Moment scheint niemand sicher zu wissen, ob diese Zahl existiert oder nur als kollektive Drohkulisse durch die Parteibüros geistert.
Starmer regiert – theoretisch
Der Premier selbst versucht weiter, Ruhe auszustrahlen. Bei der Kabinettssitzung erklärte er demonstrativ, das Land erwarte von der Regierung, „weiterzuarbeiten“. Diskussionen über seine Zukunft wollte er nur noch einzeln führen – vermutlich, um Massenpaniken im Sitzungssaal zu vermeiden.
Doch die Autorität des Premiers wirkt sichtbar angeschlagen. Selbst die Vorstellung des neuen Regierungsprogramms durch den König wird nun von der Frage überschattet, ob Starmer überhaupt lange genug im Amt bleibt, um seine Gesetzesvorhaben umzusetzen.
Labour zwischen Machtkampf und Sinnkrise
Besonders problematisch für Starmer: Auch die Gewerkschaften beginnen sich abzusetzen. Mehrere sollen erklären wollen, dass er die Partei nicht mehr in die nächste Wahl führen sollte.
Damit steht Labour plötzlich wieder dort, wo die Partei traditionell am liebsten landet: mitten in einer existenziellen Debatte über Führung, Richtung und die Kunst, sich selbst im entscheidenden Moment maximalen Schaden zuzufügen.
Außenminister David Lammy versuchte zwar, Geschlossenheit zu demonstrieren und fragte trotzig, wer denn überhaupt ein besserer Kandidat sei. Die Antwort scheint derzeit zu lauten: möglicherweise jeder – solange er nicht gerade Keir Starmer heißt.
Und während Westminster auf den nächsten Rücktritt wartet, bleibt vorerst nur eine Gewissheit:
Die Opposition muss momentan erstaunlich wenig tun. Labour erledigt vieles selbst.
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