Xi Jinping reist nach Pjöngjang – doch hinter den offiziellen Bildern von Einigkeit und „Brüderlichkeit“ steckt weit mehr als diplomatische Höflichkeit. Chinas Staatschef verfolgt vor allem ein Ziel: Nordkorea nicht an Russland zu verlieren.
Die Beziehungen zwischen China und Nordkorea werden von beiden Staaten gern als „mit Blut geschmiedete Freundschaft“ bezeichnet – eine Anspielung auf den Koreakrieg. Doch hinter dieser historischen Rhetorik wachsen seit Jahren Spannungen und gegenseitiges Misstrauen.
Für Peking ist Nordkorea gleichzeitig strategischer Schutzschild, geopolitisches Risiko und schwer kontrollierbarer Nachbar. Genau deshalb ist Xi Jinpings Besuch in Pjöngjang von großer Bedeutung.
Chinas Sorge: Kim orientiert sich immer stärker an Putin
Besonders alarmiert verfolgt Peking die immer engere Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und Russland.
Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich die Partnerschaft zwischen Wladimir Putin und Kim Jong Un deutlich intensiviert. Beide Staaten schlossen 2024 sogar einen gegenseitigen Verteidigungspakt. Nordkorea liefert nach westlichen Erkenntnissen Waffen und Munition für Russlands Krieg, während Moskau Öl, Rohstoffe und wirtschaftliche Unterstützung bereitstellt.
Nach Angaben westlicher Geheimdienste sollen zudem tausende nordkoreanische Soldaten auf russischer Seite im Ukraine-Krieg eingesetzt worden sein.
Für China entsteht dadurch ein Problem: Je stärker Kim Jong Un von Russland profitiert, desto unabhängiger wird er von Peking.
Xi will Nordkorea wieder enger an China binden
Noch vor wenigen Jahren war das Verhältnis zwischen China und Nordkorea deutlich abgekühlt.
Bei wichtigen Jubiläen blieben hochrangige chinesische Vertreter fern. Diplomatische Kontakte wurden reduziert. Gleichzeitig intensivierte Pjöngjang seine Beziehungen zu Moskau.
Nun versucht Xi Jinping offenbar, diesen Trend umzukehren.
Bereits Ende 2025 hatte Xi Kim demonstrativ zu einer Militärparade nach Peking eingeladen und ihn neben Putin platziert. Der aktuelle Besuch setzt diese Strategie fort.
China möchte deutlich machen: Nordkorea gehört weiterhin zur chinesischen Einflusszone.
Nordkorea bleibt für China unverzichtbar
Trotz aller Spannungen kann Peking auf Nordkorea nicht verzichten.
Das Land dient als geopolitischer Puffer zwischen China und den in Südkorea stationierten US-Truppen. Ein Zusammenbruch Nordkoreas oder ein Machtwechsel zugunsten westlicher Interessen wäre aus chinesischer Sicht ein strategischer Albtraum.
Gleichzeitig sorgt Nordkoreas Atomprogramm immer wieder für Instabilität in der Region.
China steckt damit in einem Dilemma: Es möchte Nordkorea schützen, aber dessen nukleare Eskalationen nicht offen unterstützen.
Kim Jong Un spielt geschickt auf mehreren Klavieren
Auch Kim Jong Un verfolgt eigene Interessen.
Er weiß, dass Russland derzeit ein wichtiger Partner ist. Gleichzeitig erkennt er aber, dass Moskaus Aufmerksamkeit und Ressourcen stark vom Krieg in der Ukraine abhängig sind.
Sollte dieser Konflikt enden, könnte Russlands Interesse an Nordkorea deutlich nachlassen.
China hingegen bleibt dauerhaft die wirtschaftliche Lebensader des abgeschotteten Landes. Allein im vergangenen Jahr stiegen die chinesischen Exporte nach Nordkorea auf rund 2,3 Milliarden Dollar – den höchsten Stand seit sechs Jahren.
Kim kann es sich deshalb nicht leisten, Peking zu verprellen.
Freundschaft auf dem Papier, Misstrauen in der Realität
Die offiziellen Bilder zeigen Xi und Kim als enge Verbündete. Die Realität ist deutlich komplizierter.
China misstraut Nordkoreas Atompolitik. Nordkorea misstraut Chinas Einflussansprüchen. Beide Seiten verfolgen unterschiedliche Ziele und konkurrieren teilweise sogar um politische Handlungsspielräume.
Xi Jinpings Besuch ist daher weniger ein Zeichen grenzenloser Freundschaft als vielmehr eine strategische Machtdemonstration.
Peking will verhindern, dass Russland dauerhaft die Oberhand in Pjöngjang gewinnt. Kim wiederum will die Vorteile beider Großmächte nutzen, ohne sich vollständig an eine Seite zu binden.
Die Botschaft hinter dem Besuch lautet deshalb: China und Nordkorea brauchen einander – aber vertrauen tun sie sich noch lange nicht.
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