Erst verbringen soziale Netzwerke Jahre damit, ihre Nutzer möglichst lange auf dem Bildschirm zu halten. Nun könnte Snapchat Jugendlichen sagen: Für heute reicht’s. Firmenchef Evan Spiegel zeigt sich offen für tägliche Zeitlimits – während Snap gleichzeitig seine neue KI-Brille für mehr als 2.000 Dollar präsentiert.
Es geschehen noch Zeichen und Wunder im Silicon Valley.
Jahrelang galt bei sozialen Netzwerken ungefähr folgende Geschäftsphilosophie:
Noch ein Video.
Noch eine Story.
Noch ein Snap.
Noch eine Benachrichtigung.
Und wenn der Jugendliche irgendwann nachts um 2.37 Uhr immer noch aufs Smartphone schaut, dann hat der Algorithmus offenbar einen hervorragenden Arbeitstag gehabt.
Nun entdeckt Snapchat eine revolutionäre technische Innovation:
die Uhr.
Snap-Chef Evan Spiegel erklärte gegenüber der BBC, sein Unternehmen sei bereit, tägliche Zeitlimits für jugendliche Nutzer einzuführen.
Man stelle sich das vor.
Eine Social-Media-App könnte ihren Nutzer irgendwann tatsächlich darauf hinweisen:
„Du warst jetzt lange genug hier. Geh mal raus.“
Ausgerechnet die App selbst.
Eltern weltweit dürften kurz prüfen, ob sie versehentlich in ein Paralleluniversum geraten sind.
Meta macht Druck – nach einem Milliardenvergleich
Ganz freiwillig ist die neue Besinnlichkeit der Branche allerdings nicht entstanden.
Meta hatte sich im August in einem Rechtsstreit mit US-Bundesstaaten auf einen milliardenschweren Vergleich verständigt. Dem Facebook- und Instagram-Mutterkonzern war vorgeworfen worden, seine Plattformen gezielt so gestaltet zu haben, dass junge Nutzer möglichst stark gebunden würden.
Meta bestreitet Fehlverhalten, erklärte sich im Rahmen des Vergleichs aber zu umfangreichen Änderungen bereit.
Dazu gehört standardmäßig ein tägliches Zwei-Stunden-Limit für Jugendliche. Außerdem sollen Benachrichtigungen während der Schulzeit stummgeschaltet und die Nutzung nachts eingeschränkt werden.
Jetzt möchte Meta offenbar, dass die Konkurrenz ebenfalls mitmacht.
Denn nichts ist im Silicon Valley unangenehmer, als plötzlich allein vernünftig sein zu müssen.
Snapchat sagt: Können wir machen
Spiegel bezeichnete ein standardmäßiges Zeitlimit als Beispiel für eine Maßnahme, zu der Snapchat bereit wäre.
Wann?
Das weiß man noch nicht.
Man habe intern darüber gesprochen, sagte Spiegel. Mehr könne er derzeit nicht mitteilen.
Das ist die klassische Technologiebranche in einem Satz:
Wir sind absolut bereit, etwas zu tun. Einen Termin dafür haben wir selbstverständlich nicht.
Snapchat verweist außerdem auf sein bestehendes „Family Center“. Dort können Eltern bereits Teile der Snapchat-Nutzung ihrer Kinder nachvollziehen.
Spiegel sagt, sein Unternehmen wolle herausfinden, wie es „Teil der Lösung“ sein könne.
Auch dieser Satz besitzt eine gewisse historische Schönheit.
Denn die großen Social-Media-Konzerne diskutieren inzwischen darüber, wie sie Probleme lösen können, bei denen Gerichte und Behörden seit Jahren untersuchen, welchen Anteil die Plattformen selbst an deren Entstehung haben könnten.
Und jetzt bitte die 2.195-Dollar-Brille aufsetzen
Fast zeitgleich präsentiert Snap allerdings seine nächste große Idee:
Specs.
Eine intelligente Brille mit künstlicher Intelligenz.
Preis in den USA:
2.195 Dollar.
In Großbritannien:
1.995 Pfund.
Für diesen Betrag bekommt man immerhin nicht einfach nur eine Brille.
Specs soll digitale Inhalte in die reale Umgebung einblenden, Videos wiedergeben, Übersetzungen in rund 60 Sprachen ermöglichen und mit iPhones sowie Macs zusammenarbeiten.
Und natürlich darf künstliche Intelligenz nicht fehlen.
Die Brille soll nach Angaben von Spiegel mit der Zeit verstehen, was dem Nutzer wichtig ist – etwa seine Ziele, Beziehungen und Routinen.
Darauf aufbauend soll sie selbstständig Empfehlungen und nächste Schritte anbieten.
Früher fragte die Brille:
„Kurzsichtig oder weitsichtig?“
2026 fragt sie offenbar:
„Und wie läuft eigentlich deine Beziehung?“
Fortschritt!
Der Chatbot sitzt künftig auf der Nase
Spiegel beschreibt die Idee so: Heute müsse man einen Chatbot aktiv etwas fragen. Die Brille dagegen könne lernen, was für ihren Träger wichtig sei, und anschließend von sich aus Empfehlungen machen.
Das klingt faszinierend.
Und ein kleines bisschen so, als hätte man einen sehr aufmerksamen persönlichen Assistenten dauerhaft zwischen die Augen geschraubt.
Specs wiegt rund 130 Gramm und besitzt durchsichtige Gläser. Snap möchte damit eine neue Kategorie zwischen großen VR-Headsets und leichteren Smart Glasses schaffen.
Die erste Zielgruppe besteht allerdings vor allem aus Technikenthusiasten, Entwicklern und Unternehmen.
Bei 2.195 Dollar ist das vermutlich eine vernünftige Entscheidung.
Der durchschnittliche Teenager müsste sonst zunächst sehr viele Monate Taschengeld sparen, bevor Snapchat ihm anschließend erklären kann, dass seine tägliche Nutzungszeit leider abgelaufen ist.
Und dann gibt es noch das Kamera-Problem
Smart Glasses besitzen nämlich eine gesellschaftlich etwas heikle Eigenschaft:
Sie können filmen.
Und der Mensch gegenüber erkennt möglicherweise nicht sofort, dass er gerade aufgenommen wird.
Bei konkurrierenden intelligenten Brillen von Meta hat das bereits heftige Kritik ausgelöst. Die BBC berichtet von Fällen, in denen Frauen heimlich gefilmt worden sein sollen. Online werden solche Geräte deshalb teilweise äußerst abwertend als „Pervert Glasses“ bezeichnet.
Snap versucht dieses Problem technisch zu entschärfen.
Bei Video- oder Fotoaufnahmen soll an der Vorderseite der Specs ein weißes Licht blinken, damit Menschen in der Umgebung erkennen können, dass die Kamera aktiv ist.
Gesichtserkennung zur Identifizierung anderer Personen soll die Brille nicht verwenden.
Das Problem bleibt allerdings grundsätzlich bestehen:
Technik kann anzeigen, dass aufgenommen wird.
Ob Menschen diese Anzeige respektieren, manipulieren oder überhaupt bemerken, ist eine andere Frage.
Bei Meta-Brillen haben Nutzer bereits versucht, Aufnahmeindikatoren zu verdecken oder technisch zu manipulieren. Meta gibt an, bei Tausenden entsprechend veränderter Geräte die Kameras aus der Ferne deaktiviert zu haben.
Silicon Valley entdeckt Verantwortung
Damit liefert Snap derzeit ein bemerkenswertes Doppelprogramm.
Auf der einen Seite:
Jugendliche sollten vielleicht weniger Zeit in sozialen Netzwerken verbringen.
Auf der anderen:
Hier ist unsere neue Computerbrille, die du möglichst den ganzen Tag tragen kannst.
Das muss kein Widerspruch sein.
Aber ein bisschen komisch ist es schon.
Vielleicht sieht die digitale Zukunft also folgendermaßen aus:
18.00 Uhr.
Snapchat meldet:
„Dein tägliches Zeitlimit ist erreicht.“
Sehr verantwortungsvoll.
Man legt das Smartphone weg.
Setzt die 2.195-Dollar-KI-Brille auf.
Und die sagt:
„Keine Sorge. Ich bin noch da.“
Willkommen in der nächsten Stufe der digitalen Entgiftung.
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