Startseite Allgemeines Seat vor dem Aus: Diese Markenbereinigung bei VW ist überfällig
Allgemeines

Seat vor dem Aus: Diese Markenbereinigung bei VW ist überfällig

makamuki0 (CC0), Pixabay
Teilen

Man kann es nostalgisch sehen. Seat gehört seit Jahrzehnten zum Straßenbild, der Ibiza war für viele das erste eigene Auto, der Leon galt lange als sportlichere und oft günstigere Alternative zum Golf.

Aber Nostalgie ist kein Geschäftsmodell.

Wenn Volkswagen Seat tatsächlich spätestens 2029 vom Markt nehmen und sich stärker auf Cupra konzentrieren will, dann ist das aus Konzernsicht eine nachvollziehbare und aus meiner Sicht richtige Entscheidung. Denn VW hat sich über Jahre ein Problem selbst geschaffen: zu viele Marken, zu viele ähnliche Modelle, zu viel Konkurrenz im eigenen Haus.

VW, Seat, Skoda – am Ende oft dieselbe Kundschaft

Das Kernproblem liegt seit Jahren auf der Hand.

Volkswagen verkauft nicht nur Autos gegen Toyota, Hyundai, Renault oder chinesische Hersteller. Volkswagen konkurriert auch gegen sich selbst.

Ein Kunde, der früher selbstverständlich einen Golf gekauft hätte, schaut heute auf einen Skoda Octavia. Ein anderer nimmt statt eines VW-T-Roc lieber einen Cupra Formentor. Wieder ein anderer landet beim Seat Leon, weil Technik und Plattform vertraut sind, der Preis aber attraktiver erscheint.

Für den Konzern bleibt der Kunde zwar häufig im Haus.

Für die Marke Volkswagen ist er trotzdem weg.

Und genau das führt zur entscheidenden Frage: Wie sinnvoll ist es, mit großem Aufwand mehrere Marken zu unterhalten, die sich gegenseitig Kunden wegnehmen?

Das ist dann weniger Wachstum als Umsatzverschiebung innerhalb derselben Familie.

Viele frühere VW-Käufer sind zu Skoda und Seat abgewandert

Gerade Skoda hat vorgemacht, wie gefährlich interne Konkurrenz für die Kernmarke werden kann.

Die tschechische Tochter bietet seit Jahren Fahrzeuge an, die technisch eng mit VW verwandt sind, häufig viel Platz bieten und preislich attraktiver positioniert sind. Für Kunden war das oft eine einfache Rechnung:

Warum deutlich mehr für das VW-Logo zahlen, wenn darunter sehr ähnliche Konzerntechnik steckt?

Seat spielte lange eine ähnliche Rolle, nur etwas sportlicher und jünger inszeniert.

Das funktionierte für Seat.

Aber es machte die Positionierung des gesamten Konzerns immer komplizierter.

Denn Volkswagen muss dann erklären, warum ein Golf mehr kosten soll als ein Leon, warum ein Tiguan gegenüber einem Kodiaq die bessere Wahl ist und wo eigentlich genau Seat endet und Cupra beginnt.

Irgendwann wird aus Markenvielfalt schlicht Markenwirrwarr.

Cupra hat Seat faktisch bereits überholt

Die Verkaufszahlen aus dem ersten Halbjahr 2026 sprechen laut dem vorliegenden Bericht eine deutliche Sprache.

Cupra kam auf 170.100 ausgelieferte Fahrzeuge, Seat auf 129.600.

Das ist bemerkenswert, weil Cupra ursprünglich einmal als sportliche Submarke von Seat begann.

Heute passiert praktisch das Gegenteil:

Die Tochter hat die Mutter überholt.

Cupra besitzt zudem etwas, was Seat zuletzt immer weniger hatte: eine klar erkennbare Identität.

Sportlicher.

Emotionaler.

Eigenständiger.

Etwas höher positioniert.

Ob einem das Design gefällt, ist Geschmackssache. Aber man weiß zumindest ziemlich schnell, wofür Cupra stehen soll.

Bei Seat war diese Antwort zuletzt deutlich schwieriger.

Eine Marke nur aus Tradition weiterzuführen wäre teuer

Natürlich könnte Volkswagen Seat künstlich am Leben erhalten.

Neue Modelle entwickeln.

Marketing bezahlen.

Händlerstrukturen pflegen.

Software anpassen.

Markenauftritt finanzieren.

Managementstrukturen unterhalten.

Nur wofür?

Wenn am Ende ein großer Teil dieser Fahrzeuge ohnehin Kunden anspricht, die alternativ einen VW, Skoda oder Cupra kaufen würden, entsteht dadurch nicht automatisch zusätzliches Geschäft.

Es werden vor allem Umsätze innerhalb des Konzerns verschoben.

Gerade in einer Phase, in der Volkswagen massiv Kosten senken muss, wäre es schwer zu erklären, warum man an jeder historischen Marke festhält, obwohl sich deren Aufgaben immer stärker überschneiden.

Die Idee vom „Dacia des VW-Konzerns“ klingt besser, als sie ist

Der Vorschlag, Seat künftig als besonders günstige Einstiegsmarke zu positionieren, klingt zunächst reizvoll.

Also Seat als eine Art Dacia von Volkswagen.

Nur müsste VW dafür wieder Geld investieren.

Neue günstige Modelle entwickeln.

Die Marke neu positionieren.

Eine entsprechende Kostenstruktur schaffen.

Und gleichzeitig verhindern, dass Seat Skoda das Wasser abgräbt.

Denn genau dort liegt das nächste Problem.

Volkswagen besitzt bereits eine Marke, die von vielen Kunden als preislich vernünftige Alternative zur Kernmarke wahrgenommen wird:

Skoda.

Warum sollte man daneben noch eine zweite günstige Konzernmarke aufbauen?

Dann hätte VW das alte Problem lediglich neu lackiert.

Weniger Marken können Volkswagen stärker machen

Eine Markenbereinigung bedeutet nicht automatisch Schwäche.

Im Gegenteil.

Wenn sie konsequent gemacht wird, kann sie einem Konzern helfen, seine einzelnen Marken wieder klarer zu positionieren.

Volkswagen müsste stärker für das klassische Volumengeschäft stehen.

Skoda für viel Auto und Nutzwert zu einem attraktiveren Preis.

Cupra für sportlichere und emotionalere Modelle.

Audi für Premium.

Porsche für Sport und Luxus.

Das versteht ein Kunde.

Was schwieriger zu erklären ist, sind vier oder fünf Modelle auf derselben technischen Plattform, die sich hauptsächlich durch Kühlergrill, Softwaredetails und Preisliste voneinander unterscheiden.

Der eigentliche Fehler wurde viel früher gemacht

Man kann deshalb über das mögliche Seat-Aus traurig sein.

Aber das Problem ist nicht, dass Volkswagen jetzt eine Marke streichen könnte.

Das Problem ist, dass der Konzern es über viele Jahre zugelassen hat, dass sich seine Marken immer stärker kannibalisieren.

Seat wurde sportlicher.

Dann kam Cupra und wurde noch sportlicher.

Skoda wurde hochwertiger.

Volkswagen wurde teurer.

Und irgendwann stand der Kunde im Autohaus und fragte sich:

Warum soll ich eigentlich noch genau dieses Modell kaufen?

Wenn ein Konzern darauf keine klare Antwort mehr geben kann, muss er seine Markenstrategie verändern.

Cupra statt Seat ist deshalb konsequent

Cupra verkauft inzwischen mehr Fahrzeuge als Seat und besitzt die schärfere Positionierung.

Dann ist es wirtschaftlich nachvollziehbar, die Ressourcen dorthin zu verschieben, wo das größere Wachstumspotenzial gesehen wird.

Das heißt nicht, dass Seat schlechte Autos gebaut hätte.

Ganz im Gegenteil.

Vielleicht war genau das sogar ein Teil des Problems.

Seat war teilweise so nah an Volkswagen dran, dass Kunden feststellen konnten:

Warum VW kaufen, wenn ich ähnliche Technik günstiger bekomme?

Für den einzelnen Käufer wunderbar.

Für die langfristige Markenstrategie des Konzerns eher weniger.

Volkswagen muss endlich aufhören, gegen Volkswagen zu kämpfen

VW steht unter enormem Druck. Chinesische Hersteller werden stärker, Elektromobilität verlangt Milliardeninvestitionen, Software kostet Milliarden, die europäischen Werke sind teuer und gleichzeitig wachsen die Märkte nicht mehr wie früher.

In einer solchen Situation kann sich ein Konzern keine unnötigen Doppelstrukturen leisten.

Deshalb ist eine Markenbereinigung kein Tabubruch.

Sie ist überfällig.

Natürlich wird Seat fehlen.

Aber ein Konzern kann nicht jede Marke nur deshalb weiterführen, weil Generationen von Autofahrern schöne Erinnerungen an Ibiza, Leon oder Toledo haben.

Am Ende muss Volkswagen vor allem eines schaffen:

Wieder mehr Autos verkaufen, ohne sich dabei im eigenen Konzern gegenseitig die Käufer wegzunehmen.

Wenn dafür Seat gehen muss und Cupra die klar definierte sportliche Rolle übernimmt, dann ist das schmerzhaft.

Aber vermutlich sinnvoller, als noch weitere Jahre zuzusehen, wie VW, Skoda, Seat und Cupra um denselben Kunden kreisen.

Denn interne Konkurrenz sieht auf dem Papier manchmal nach Vielfalt aus.

In der Bilanz ist sie häufig einfach nur Umsatzverteilung im eigenen Haus.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Das hat er sich verdient! Qué gesto tan increíble… pero se lo ha ganado

Manche Fußballer bekommen zum Abschied Blumen. Andere ein gerahmtes Trikot, ein paar...

Allgemeines

Wann holt Deutschland sein Gold zurück aus einer unberechenbaren USA, Herr Merz?

Frankreich hat gehandelt. Die Niederlande handeln jetzt ebenfalls. Und Deutschland? Während immer...

Allgemeines

Sachsen-Anhalt vor der Wahl: Wer die Bürger bevormunden will, sollte sich über die Reaktion nicht wundern

Ein Kommentar zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Wenn man den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt...

Allgemeines

Schalke 04 bekommt ein neues Stadionsprecher-Duo – immerhin noch ohne KI

Als Schalke-Fan ist man ja einiges gewohnt. Trainer kommen, Trainer gehen, Spieler...