Mehr als 50 Jahre nach der Öffnung des College Footballs für schwarze Spieler im Süden der USA zeigt sich ein auffälliger Widerspruch:
Während schwarze Athleten heute rund die Hälfte aller Spieler in der höchsten College-Liga stellen, bleiben schwarze Cheftrainer weiterhin massiv unterrepräsentiert.
Von aktuell 136 Teams im sogenannten Football Bowl Subdivision (FBS) werden nur 13 von schwarzen Head Coaches trainiert. Besonders deutlich wird das Ungleichgewicht in den mächtigen Conferences Big Ten und SEC:
Von insgesamt 34 Cheftrainern ist nur einer schwarz – Mike Locksley von der University of Maryland Terrapins.
In der traditionsreichen SEC gab es seit 2020 keinen dauerhaft beschäftigten schwarzen Cheftrainer mehr.
Ehemalige NFL-Stars wie Marshall Faulk, Eddie George oder Michael Vick kritisieren deshalb offen die bestehenden Strukturen im College Football.
Marshall Faulk, Mitglied der Pro Football Hall of Fame und inzwischen Trainer an der Southern University, formulierte es deutlich:
„Football ist die einzige Sportart, in der Spieler nach ihrer Karriere kaum Chancen bekommen, Trainer zu werden.“
Viele Betroffene sprechen dabei von einem „Comfort“-Problem – also davon, dass Entscheidungsträger häufig Menschen einstellen, die ihnen ähnlich sind oder aus denselben Netzwerken stammen.
Tatsächlich zeigt sich:
Nur 22 der 136 Universitäten haben schwarze Athletic Directors – also Sportdirektoren. Die große Mehrheit der Entscheider im College Football ist weiterhin weiß.
Deshalb fanden viele ehemalige NFL-Stars ihre erste Chance nicht an großen Universitäten, sondern an sogenannten Historically Black Colleges and Universities (HBCUs) – Hochschulen mit historisch schwarzer Tradition.
So begannen etwa:
- Eddie George bei Tennessee State University,
- Michael Vick bei Norfolk State University
oder - Deion Sanders bei Jackson State University ihre Trainerkarrieren.
Viele dieser Trainer hatten zuvor kaum Coaching-Erfahrung. Kritiker sehen darin ein Risiko. Faulk hält dagegen:
Auch weiße Ex-Spieler oder Trainer würden regelmäßig große Chancen erhalten, obwohl sie wenig Erfahrung hätten.
Als Beispiele nennt er:
- den ehemaligen NBA-Spieler JJ Redick, der ohne Trainererfahrung Chefcoach der Los Angeles Lakers wurde,
- oder ehemalige NFL-Spieler, die schnell hohe Management- oder Trainerposten erhalten.
Faulk kritisiert deshalb doppelte Standards:
„Kann Marshall Faulk den Job bei den Rams bekommen? Auf keinen Fall.“
Auch Eddie George sieht strukturelle Probleme:
Viele schwarze Trainer würden jahrelang auf unteren Positionen festhängen, während andere schneller aufsteigen.
Deshalb suchen ehemalige NFL-Stars inzwischen neue Wege:
Sie nutzen ihre Bekanntheit, ihre Erfahrung und ihre Netzwerke, um direkt als Cheftrainer bei kleineren Colleges einzusteigen – in der Hoffnung, sich später für größere Programme zu empfehlen.
Besonders Deion Sanders gilt dabei als Vorbild. Nach erfolgreichen Jahren bei Jackson State wechselte er später zur University of Colorado und machte damit vielen ehemaligen Spielern Hoffnung.
Michael Vick beschreibt das Problem vor allem als Netzwerk-Thema:
„Manchmal geht es mehr darum, wen man kennt, als darum, was man kann.“
Der ehemalige Quarterback Doug Williams schilderte bereits vor Jahren ähnliche Erfahrungen. Nach einem erfolgreichen Engagement an der Grambling State University verlor er einen Trainerjob an der University of Kentucky offenbar wegen fehlender „Passung“ und mangelndem „Comfort“-Faktor.
Experten sehen darin ein langfristiges Strukturproblem.
Denn während schwarze Coaches im College-Basketball inzwischen deutlich sichtbarer sind und nationale Titel gewinnen konnten, fehlt ein solcher Durchbruch im College Football bis heute weitgehend.
Hinzu kommt:
Schwarze Trainer erhalten statistisch seltener zweite Chancen nach Entlassungen als ihre weißen Kollegen.
Eddie George bringt es deshalb auf den Punkt:
„Als schwarzer Coach musst du nahezu perfekt sein, um überhaupt eine weitere Chance zu bekommen.“
Trotzdem wollen viele ehemalige NFL-Stars den Weg weitergehen.
Für Michael Vick ist Coaching inzwischen mehr als nur ein Job:
„Es ist eine Leidenschaft.“
Und auch Eddie George erklärt:
„Coaching bedeutet, junge Männer zu führen. Alles, was ich erlebt habe, soll irgendwann anderen helfen.“
Die Debatte über Gleichberechtigung im amerikanischen Football dürfte damit noch lange nicht beendet sein.
Kommentar hinterlassen