Sachsens Energieminister Dirk Panter versucht derzeit den vermutlich schwierigsten Job der Republik: Er möchte mehr Windräder bauen – ohne dass irgendjemand Windräder sieht. Oder hört. Oder sich daran erinnert, dass sie existieren.
„Niemand soll von Windrädern umzingelt werden“, verspricht der SPD-Politiker beruhigend. Eine Nachricht, die vermutlich sofort Panik bei sämtlichen Windkraftplanern ausgelöst hat. Denn Sachsen schafft aktuell gerade einmal 0,3 Prozent ausgewiesene Windflächen – also ungefähr so viel Fortschritt wie ein Faxgerät im Digitalministerium.
Während andere Bundesländer mit Windkraft längst Geld verdienen, diskutiert Sachsen weiterhin erbittert darüber, ob ein Windrad möglicherweise die Sicht auf den Lieblingshügel des Nachbardorfs beeinträchtigen könnte. In Norddeutschland dreht sich der Rotor, in Sachsen dreht sich vor allem die Debatte.
Panter spricht inzwischen von einem „Energie-Kulturkampf“. Die eine Seite wolle sofort 100 Prozent erneuerbare Energien, die andere am liebsten zurück zu Braunkohle, Öl und vermutlich einem Kohleofen im Wohnzimmer. Dazwischen steht der Minister und versucht, die Energiewende so vorsichtig zu formulieren, dass sich weder Bürgerinitiativen noch Stromkunden erschrecken.
Besonders kreativ wird es beim Thema Windkraft-Ausbau: Sachsen müsse bis 2027 immerhin 1,3 Prozent der Landesfläche ausweisen. Nicht bebauen, wohlgemerkt – erst mal nur irgendwo auf Karten einzeichnen. Bereits das gilt offenbar als ambitioniertes Großprojekt.
Denn die Angst vor dem „Einkesseln“ der Bevölkerung durch Windräder ist groß. In Sachsen klingt ein Windpark mittlerweile ungefähr wie eine militärische Bedrohungslage. Panter warnt deshalb selbst davor, dass ohne Planung plötzlich überall gebaut werden könnte. Die Botschaft: Entweder wir planen Windräder kontrolliert – oder die Windräder kommen unkontrolliert aus dem Wald.
Besonders tragisch: Ausgerechnet die steigenden Öl- und Gaspreise zeigen gerade ziemlich brutal, warum die Abhängigkeit von fossilen Energien vielleicht doch keine brillante Langzeitstrategie war. Doch statt nüchterner Debatten dominieren weiterhin Diskussionen über „verschandelte Sichtachsen“ und die mögliche psychische Belastung durch Rotorblätter am Horizont.
Panter versucht deshalb einen Mittelweg: ein bisschen Windkraft, ein bisschen Gas, noch etwas Braunkohle und möglichst wenig Streit. Politisch entspricht das ungefähr dem Versuch, gleichzeitig Veganer, Grillverein und Fleischindustrie glücklich zu machen.
Immerhin lockt die Regierung inzwischen mit Geld: Gemeinden sollen pro Windrad bis zu 45.000 Euro jährlich erhalten. Das ist der Moment, in dem manche Bürgermeister plötzlich feststellen könnten, dass Windräder vielleicht doch erstaunlich ästhetisch aussehen.
Und so bleibt Sachsen vorerst das vielleicht einzige Bundesland, in dem man die Energiewende zwar grundsätzlich gut findet – solange sie bitte außerhalb des eigenen Sichtfeldes stattfindet.
Kommentar hinterlassen