Über Jahre galt Russlands größter Vorteil im Krieg gegen die Ukraine als nahezu unerschöpflich: mehr Menschen, mehr Soldaten, mehr Ressourcen. Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass genau dieser Trumpf an Wirkung verliert. Trotz immer höherer Prämien und neuer Anreize gelingt es dem Kreml offenbar zunehmend schwerer, genügend Freiwillige für den Krieg zu gewinnen.
Wer sich heute in Russland für den Militärdienst meldet, dem winken Summen, die für viele Bürger einem kleinen Vermögen entsprechen. Rekrutierungsplakate versprechen umgerechnet bis zu 80.000 Dollar Handgeld, Schuldenerlasse von mehr als 140.000 Dollar oder beschleunigte Einbürgerungsverfahren. Hinzu kommen patriotische Botschaften, die den Dienst an der Front als Weg zum Heldenstatus inszenieren.
Doch trotz dieser Angebote sinken die Rekrutierungszahlen. Nach Angaben von Experten lag die Zahl neuer Freiwilliger im ersten Quartal 2026 rund 20 Prozent unter dem Vorjahreswert. Damit wächst die Sorge, dass Russland inzwischen mehr Soldaten verliert, als es ersetzen kann.
Ein teurer Krieg wird noch teurer
Die Herausforderung ist nicht nur militärischer Natur. Der Krieg belastet zunehmend auch die russische Wirtschaft.
Der Kreml setzt bislang darauf, den Konflikt durchzustehen und die Ukraine in einem langwierigen Abnutzungskrieg zu zermürben. Höhere Ölpreise infolge des Konflikts mit Iran spülen zwar zusätzliche Einnahmen in die Staatskassen. Doch Geld allein löst das Kernproblem nicht.
„Rubel führen keine Kriege“, sagt Russland-Experte Nigel Gould-Davies vom International Institute for Strategic Studies. Anders als in früheren Konflikten bezahlt Russland seine Soldaten heute in großem Umfang, statt sie massenhaft einzuziehen. Das schafft neue finanzielle Belastungen und erhöht den Druck auf den Arbeitsmarkt.
Arbeitskräftemangel auf Rekordniveau
Die Folgen sind längst in der gesamten Wirtschaft spürbar.
Hunderttausende Männer wurden eingezogen oder meldeten sich freiwillig zum Militär. Andere verließen das Land, um einer Mobilisierung zu entgehen. Nach westlichen Schätzungen kamen zudem bereits Hunderttausende russische Soldaten im Krieg ums Leben.
Das Ergebnis: Russland kämpft inzwischen mit dem schwersten Arbeitskräftemangel seiner Geschichte. Unternehmen finden kaum noch Personal. Fabriken arbeiten rund um die Uhr. Gleichzeitig benötigt die Rüstungsindustrie immer mehr Fachkräfte, um Waffen, Munition und Drohnen zu produzieren.
„Sie haben nicht nur Schwierigkeiten, Menschen für die Front zu finden“, sagt Gould-Davies. „Sie haben auch Schwierigkeiten, Menschen für die Wirtschaft zu finden.“
Immer neue Rekrutierungsquellen
Um die Lücken zu schließen, greift Moskau zunehmend auf ungewöhnliche Personalreserven zurück.
Bereits Zehntausende ehemalige Strafgefangene wurden an die Front geschickt. Nordkorea entsandte mehrfach Soldaten zur Unterstützung Russlands. Zudem wirbt der Kreml gezielt Migranten sowie Arbeitskräfte aus Afrika und Asien an.
Experten halten es für möglich, dass Russland künftig noch stärker auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sein wird – sowohl in der Wirtschaft als auch im Militär.
Eine weitere Option wäre eine neue Zwangsmobilisierung. Genau davor schreckt Präsident Wladimir Putin bislang jedoch zurück. Die Teilmobilmachung von 2022 löste erhebliche Proteste aus und führte zu einer Massenflucht vieler wehrpflichtiger Männer ins Ausland.
Wirtschaft zeigt Ermüdungserscheinungen
Auch wirtschaftlich mehren sich die Warnsignale.
Analysten beobachten eine stagnierende Konjunktur, sinkendes Verbrauchervertrauen und zahlreiche Unternehmensschließungen. Die Inflationsrate liegt offiziell bei mehr als fünf Prozent, Lebensmittel sind im Vergleich zu Anfang 2024 um über 18 Prozent teurer geworden. Gleichzeitig belasten steigende Energie- und Lebenshaltungskosten viele Haushalte.
Der Krieg verschlingt inzwischen einen erheblichen Teil des Staatshaushalts. Schätzungen zufolge entfallen rund 9,5 Prozent der föderalen Ausgaben auf Soldzahlungen, Rekrutierungsprogramme und militärische Personalmaßnahmen.
Ukraine setzt auf Technologie statt Masse
Während Russland zunehmend unter Personalproblemen leidet, versucht die Ukraine ihre Unterlegenheit bei Menschen und Material durch technologische Innovationen auszugleichen.
Besonders bei Drohnen und autonomen Systemen sehen westliche Beobachter inzwischen Vorteile auf ukrainischer Seite. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte Anfang des Jahres, ukrainische Einheiten hätten erstmals eine russische Stellung ausschließlich mit Drohnen und Robotersystemen eingenommen. Allein in den ersten drei Monaten 2026 seien mehr als 22.000 unbemannte Bodenmissionen durchgeführt worden.
Nach ukrainischen Angaben verursachen die eigenen Drohnenverbände mittlerweile mehr russische Verluste, als Moskau durch neue Rekruten ausgleichen kann. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Zahlen allerdings nicht.
Der Kreml vor schwierigen Entscheidungen
Für den Kreml entsteht damit ein strategisches Dilemma. Einerseits will Putin seine Kriegsziele nicht aufgeben. Andererseits steigen die Kosten – finanziell, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Viele Analysten erwarten deshalb, dass Moskau in den kommenden Monaten vor einer Grundsatzentscheidung stehen wird: Entweder die Belastungen für Bevölkerung und Wirtschaft weiter erhöhen oder die eigenen Kriegsziele realistischer definieren.
Bislang deutet jedoch wenig darauf hin, dass die russische Führung zu einem Kurswechsel bereit ist. Eher scheint sie entschlossen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen – selbst wenn die personellen und wirtschaftlichen Reserven zunehmend schrumpfen.
Kommentar hinterlassen