Bei Reform UK wird es offenbar nie langweilig.
Kaum hat Nigel Farage einen Spendenskandal halbwegs wegerklärt, steht schon der nächste vor der Tür und klopft nicht einmal höflich an.
Diesmal geht es um den Verdacht, dass Funktionäre der Partei versucht haben könnten, ausländisches Geld irgendwie in die politische Kasse zu bekommen.
Und weil ausländische Parteispenden in Großbritannien verboten sind, wird aus „irgendwie“ sehr schnell „juristisch interessant“.
Eine Dokumentation von Channel 4 News bringt Reform UK nun erneut in Bedrängnis.
Im Mittelpunkt stehen zwei Männer aus dem engeren Parteiumfeld: Dan Jukes, ein langjähriger Vertrauter Farages, und James Orr, Politikchef der Partei.
Beide sind inzwischen zurückgetreten.
Das ist im politischen Betrieb meistens kein Zeichen dafür, dass alles hervorragend gelaufen ist.
Reform UK erklärte, man habe nach der Ausstrahlung der Sendung eine interne Untersuchung eingeleitet.
Parteichef Lee Anderson machte gleich klar, dass die beiden ehemaligen Funktionäre nicht zurückkehren würden.
Mit anderen Worten:
Die Tür ist zu.
Und diesmal offenbar nicht nur angelehnt.
Der Vorwurf ist heikel.
Nach den Recherchen sollen Wege diskutiert worden sein, wie Geld eines ausländischen Unternehmers für politische Zwecke genutzt werden könnte, ohne offen gegen die britischen Spendengesetze zu verstoßen.
Mit dem Geld hätten unter anderem mehrere Umfragen finanziert werden sollen.
Nur gab es einen kleinen Haken.
Der vermeintliche amerikanische Unternehmer und dessen vermeintlicher Sohn waren gar keine spendablen Geschäftsleute.
Es handelte sich um verdeckte Reporter.
Das ist ungefähr jener Moment, in dem aus einem vertraulichen Gespräch plötzlich Bewegtbildmaterial wird.
Und aus einem gemütlichen politischen Gedankenaustausch eine Pressekonferenz.
Farage selbst weist die Vorwürfe entschieden zurück.
Seine Partei habe kein Gesetz gebrochen, kein dubioses Geld angenommen und überhaupt sei das Ganze im Wesentlichen eine Falle gewesen.
Die Formulierung „Falle“ gehört inzwischen zum Standardrepertoire politischer Krisenkommunikation.
Wenn die Kamera läuft und man nicht wusste, dass die Kamera läuft, war es natürlich nie ein Gespräch.
Es war eine Falle.
Channel 4 berichtet allerdings, Farage und andere prominente Reform-Vertreter seien sogar dabei gefilmt worden, wie sie sich über die Aussicht auf eine große Spende freuten.
Nun ist Freude über Geld zunächst nicht strafbar.
Das wäre für politische Parteien auch ausgesprochen ungünstig.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr, woher das Geld kommen sollte und unter welchen Bedingungen.
Genau das prüft inzwischen die britische Wahlkommission.
Auch die Polizei ist nach Angaben der Behörde informiert.
Labour und die Liberaldemokraten hatten die Vorwürfe an die Metropolitan Police weitergeleitet.
Der Zeitpunkt könnte für Reform UK kaum ungünstiger sein.
Die Partei hält gerade ihre Jahreskonferenz in Birmingham ab.
Eigentlich soll so eine Veranstaltung Stärke zeigen.
Fahnen.
Applaus.
Große Reden.
Visionen.
Und möglichst wenig Diskussionen darüber, ob jemand ausländische Gelder organisieren wollte.
Farage nutzte seine Rede deshalb zur Gegenoffensive.
Er sprach von einer aus dem Ausland finanzierten Aktivistengruppe, die seine Partei seit mehr als einem Jahr gezielt ins Visier genommen habe.
Die verdeckten Aufnahmen seien eine Falle gewesen.
Einige Aussagen seiner Funktionäre bezeichnete er als unüberlegt und falsch.
Außerdem seien die angeblich diskutierten Umfragen gar nicht von Reform UK finanziert worden.
Und dann kam der Satz, den man bei solchen Affären immer gerne hört:
Die Partei nehme die Einhaltung der Gesetze äußerst ernst.
Das ist beruhigend.
Vor allem dann, wenn gerade eine Wahlkommission prüft, ob diese Gesetze vielleicht doch nicht ganz so ernst genommen wurden.
Farage hat allerdings noch ein zweites Geldproblem.
Es geht um fünf Millionen Pfund.
Ein Betrag, bei dem selbst in der britischen Politik niemand mehr versehentlich die falsche Hosentasche erwischt.
Farage soll kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten im Jahr 2024 ein Geldgeschenk des in Thailand lebenden Kryptounternehmers Christopher Harborne erhalten haben.
Farage bestreitet, dass es sich dabei um eine politische Spende gehandelt habe.
Seiner Darstellung zufolge war das Geld ein persönliches Geschenk ohne Bedingungen.
Fünf Millionen Pfund.
Persönlich.
Unter Freunden.
Man bekommt zum Geburtstag eben manchmal Socken.
Und manchmal 5,9 Millionen Euro.
Die parlamentarischen Behörden sahen sich die Sache jedenfalls genauer an.
Im Sommer trat Farage wegen der laufenden Untersuchung sogar von seinem Mandat zurück.
Seine Argumentation:
Die Wähler sollten entscheiden.
Also wurde neu gewählt.
Farage trat wieder an.
Und gewann.
Sein bekanntester Gegenkandidat war dabei ausgerechnet „Count Binface“.
Eine britische Satirefigur mit einem Mistkübel als Kopf.
Man könnte nun sagen:
Wenn man nach einem Spendenskandal gegen einen sprechenden Mülleimer antreten muss, hat die politische Karriere eine interessante Wendung genommen.
Farage gewann trotzdem.
Damit war die Sache politisch aber keineswegs erledigt.
Nach seiner Rückkehr ins Parlament kann nun erneut geprüft werden, ob die fünf Millionen Pfund gegen Transparenzregeln verstießen.
Der Rücktritt hat das Problem also möglicherweise nicht gelöst.
Er hat ihm nur kurz Urlaub gegeben.
Sollte tatsächlich ein Regelverstoß festgestellt werden, könnte Farage erneut sein Mandat verlieren.
Und dann gäbe es womöglich wieder eine Nachwahl.
Count Binface dürfte schon den Terminkalender prüfen.
Politisch kommt die Affäre zu einem schwierigen Zeitpunkt.
Reform UK verfügt im Parlament zwar nur über acht Abgeordnete, lag in den vergangenen Jahren aber lange Zeit überraschend stark in den Umfragen.
Doch seit dem Rücktritt von Premierminister Keir Starmer und der Übernahme durch Andy Burnham hat Labour wieder deutlich Boden gutgemacht.
Farages Partei wirkt plötzlich nicht mehr ganz so unangreifbar wie noch vor wenigen Monaten.
Und dann wäre da noch das Thema Großspender.
Reform UK nahm im vergangenen Quartal 5,3 Millionen Pfund an Spenden ein.
Davon kamen allein vier Millionen vom Kryptoinvestor Ben Delo.
75 Prozent der gesamten Spendensumme von einem einzigen Mann.
Das ist praktisch Diversifikation auf britische Art.
Delo ist politisch und wirtschaftlich nicht unumstritten.
Er wurde in den USA wegen eines Verstoßes gegen Vorschriften zum Bankgeheimnis verurteilt und später von Donald Trump begnadigt.
Nun unterstützt er Reform UK großzügig.
Die Partei freut sich über die Unterstützung erfolgreicher britischer Unternehmer.
Natürlich.
Vier Millionen Pfund lösen in Parteizentralen selten schlechte Laune aus.
Der frühere Hauptgeldgeber Christopher Harborne überwies in diesem Quartal dagegen nichts.
Das ist bemerkenswert, weil er Reform UK im vergangenen Jahr noch mit neun Millionen Pfund unterstützt hatte.
Neun Millionen.
Eine der größten Einzelspenden in der britischen Geschichte.
Damit lag Harborne nur knapp unter dem bisherigen Rekord von zehn Millionen Pfund.
Reform UK hat also innerhalb kurzer Zeit eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht.
Früher hatte die Partei Schwierigkeiten, große Geldgeber zu finden.
Heute besteht das Problem eher darin, dass zu viele große Geldbeträge unangenehme Fragen produzieren.
Und genau darin liegt die eigentliche Ironie.
Reform UK wurde einst als Anti-Establishment-Partei groß.
Gegen das politische System.
Gegen die alten Eliten.
Gegen die üblichen Netzwerke.
Nun beschäftigt sie sich mit Millionen-Spenden, Wahlkommissionen, Ermittlungen und verdeckten Reportern.
Also ziemlich genau mit jenen Dingen, die normalerweise etablierte Parteien beschäftigen.
Man könnte sagen:
Reform UK ist im politischen Mainstream angekommen.
Nur etwas schneller, als Nigel Farage vermutlich lieb ist.
Die Partei bestreitet weiterhin, gegen Gesetze verstoßen zu haben.
Das muss festgehalten werden.
Bislang handelt es sich um Vorwürfe und laufende Prüfungen.
Aber das Bild ist trotzdem bemerkenswert.
Zwei Funktionäre weg.
Eine interne Untersuchung.
Die Wahlkommission prüft.
Die Polizei schaut hin.
Farage erklärt.
Und irgendwo in Großbritannien sitzt vermutlich Count Binface und denkt:
Vielleicht sollte ich schon einmal Wahlplakate drucken lassen.
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