Online-Investments, Kryptowährungen, Goldgeschäfte und vermeintlich sichere Festgeldangebote locken immer mehr Menschen mit hohen Renditen. Gleichzeitig explodiert die Zahl der Betrugsfälle. Allein in Österreich entstand 2024 laut Behörden ein Schaden von rund 95,5 Millionen Euro durch dubiose Online-Investments.
Im Interview erklärt Rechtsanwalt Maurice Högel, warum gerade soziale Medien für Betrüger ideal sind, wie Anleger typische Warnsignale erkennen – und weshalb viele Opfer selbst nach ersten Zweifeln weiter Geld einzahlen.
„Betrüger arbeiten heute hochprofessionell“
Frage: Herr Högel, warum funktionieren Investment-Scams inzwischen so erfolgreich?
Maurice Högel: Weil die Täter extrem professionell auftreten. Viele Menschen stellen sich Betrüger immer noch wie dilettantische E-Mail-Schreiber vor. Die Realität sieht völlig anders aus. Die Plattformen wirken oft modern und seriös, es gibt angebliche Berater, Hotlines, professionell gestaltete Webseiten und teilweise sogar gefälschte Zulassungen oder Prominentenwerbung. Für Verbraucher ist das auf den ersten Blick oft kaum von echten Finanzdienstleistern zu unterscheiden.
„Hohe Renditen ohne Risiko gibt es nicht“
Frage: Besonders häufig werben solche Plattformen mit außergewöhnlich hohen Gewinnen.
Maurice Högel: Genau das ist eines der größten Warnsignale. Sobald jemand dauerhaft hohe Renditen bei angeblich geringem Risiko verspricht, sollten Anleger extrem vorsichtig werden. Gerade Kleinanleger werden gezielt mit Aussagen wie „sicher“, „garantiert“ oder „risikofrei“ angesprochen. Solche Versprechen sind im seriösen Finanzmarkt praktisch nicht möglich.
„Die Täter nutzen gezielt Vertrauen und Emotionen“
Frage: Viele Opfer berichten, dass sie durch persönliche Kontakte überzeugt wurden.
Maurice Högel: Das ist typisch. Betrüger arbeiten oft mit psychologischen Methoden. Manche sprechen Menschen über soziale Netzwerke oder Dating-Plattformen an, bauen zunächst Vertrauen auf und lenken Gespräche dann langsam auf Investments. Andere setzen auf WhatsApp-Gruppen, Influencer oder vermeintliche Experten. Das Ziel ist immer dasselbe: emotionale Bindung schaffen und kritisches Denken reduzieren.
„Gerade Gold und Kryptowährungen werden häufig missbraucht“
Frage: Warum tauchen Gold und Kryptowährungen so oft in solchen Modellen auf?
Maurice Högel: Weil beide Bereiche für viele Menschen schwer nachvollziehbar sind. Gold wirkt sicher und wertbeständig, Kryptowährungen modern und gewinnträchtig. Genau diese Mischung aus Vertrauen und Hoffnung nutzen Betrüger aus. Häufig existieren die angeblichen Werte aber gar nicht oder nur auf dem Papier.
„Viele Plattformen zeigen nur fiktive Gewinne“
Frage: Auf den Plattformen sehen Anleger oft steigende Gewinne. Sind diese Zahlen echt?
Maurice Högel: In vielen Fällen nein. Die angezeigten Gewinne dienen oft nur dazu, weitere Einzahlungen auszulösen. Anleger glauben, ihr Investment entwickle sich hervorragend und investieren deshalb noch mehr Geld. Spätestens wenn Auszahlungen verlangt werden, beginnen dann Verzögerungen, neue Gebührenforderungen oder plötzliche Kontaktabbrüche.
„Recovery-Scams machen die Lage oft noch schlimmer“
Frage: Was passiert nach einem Betrug häufig?
Maurice Högel: Leider geraten viele Geschädigte anschließend erneut ins Visier von Kriminellen. Dann melden sich angebliche Helfer, Inkassofirmen oder Ermittler und versprechen, das verlorene Geld zurückzuholen – natürlich gegen Vorauszahlungen. Das nennt man Recovery-Room-Betrug. Die Opfer verlieren dadurch oft noch mehr Geld.
„Anleger sollten Zulassungen immer überprüfen“
Frage: Wie können sich Verbraucher schützen?
Maurice Högel: Ganz wichtig ist die Prüfung, ob ein Anbieter überhaupt über eine Zulassung verfügt. Viele Plattformen operieren ohne Genehmigung. Außerdem sollten Anleger niemals unter Zeitdruck investieren und keine Entscheidungen nur auf Basis von Social-Media-Werbung treffen. Wenn komplexe Modelle, hohe Renditen und aggressive Werbung zusammenkommen, ist höchste Vorsicht geboten.
„Netzwerk-Systeme und Schneeballmodelle bleiben gefährlich“
Frage: Immer wieder geraten auch Netzwerk- und Empfehlungsmodelle in die Kritik.
Maurice Högel: Ja, gerade sogenannte Ponzi- oder Schneeballsysteme funktionieren häufig über persönliche Empfehlungen. Alte Anleger werden mit Geld neuer Anleger ausbezahlt. Solange ständig frisches Kapital ins System fließt, wirkt das Modell erfolgreich. Irgendwann bricht es aber zwangsläufig zusammen.
„Viele Opfer schämen sich zu Unrecht“
Frage: Was möchten Sie Betroffenen mitgeben?
Maurice Högel: Viele Opfer schämen sich und sprechen nicht darüber. Dabei sind die Täter psychologisch und technisch oft hervorragend organisiert. Wichtig ist, möglichst früh rechtliche Hilfe zu suchen, Zahlungen zu dokumentieren und Strafanzeige zu erstatten. Je schneller reagiert wird, desto größer ist zumindest die Chance, Spuren nachzuverfolgen.
„Wenn etwas zu gut klingt, ist es meist nicht real“
Frage: Ihr wichtigster Rat?
Maurice Högel: Anleger sollten sich immer fragen:
Warum sollte mir jemand hohe Gewinne praktisch ohne Risiko schenken?
Im Finanzbereich gilt nach wie vor ein einfacher Grundsatz:
Wenn ein Angebot zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es das meistens auch.
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