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Interview mit Rechtsanwalt Jens Reime: „Bei solchen Börsenwerbungen sollten Anleger extrem vorsichtig sein“

Tomasz_Mikolajczyk (CC0), Pixabay
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Immer häufiger stoßen Anleger im Internet auf aggressive Werbeartikel über angebliche „Geheimtipps“ an der Börse. Besonders kleine Biotech-Aktien werden dabei oft mit riesigen Gewinnchancen, spektakulären Kurszielen und emotionalen Zukunftsvisionen beworben. Doch wie seriös sind solche Angebote wirklich?

Darüber spricht Rechtsanwalt Jens Reime aus Bautzen im Interview.

„Die Sprache solcher Werbetexte ist hochgradig emotionalisiert“

Frage: Herr Reime, was fällt Ihnen bei solchen Investment-Artikeln als Erstes auf?

Jens Reime: Zunächst die Sprache. Solche Texte arbeiten extrem stark mit Emotionen, Zukunftsphantasien und dem Gefühl, man könne jetzt noch „vor allen anderen“ einsteigen. Das ist ein typisches Muster hochspekulativer Börsenwerbung. Anleger sollen den Eindruck bekommen, sie würden kurz vor einem riesigen Durchbruch stehen.

„Der Hinweis ‚bezahlte Werbung‘ wird oft unterschätzt“

Frage: Der Artikel weist mehrfach darauf hin, dass es sich um bezahlte Werbung handelt. Reicht das rechtlich aus?

Jens Reime: Formal kann ein solcher Hinweis ausreichend sein. Das Problem ist aber: Viele Leser nehmen diese Hinweise emotional kaum wahr, weil der restliche Text wie eine unabhängige Analyse aufgebaut ist. Wenn gleichzeitig von angeblichen Kurszielen von 45 Dollar gesprochen wird und enorme Gewinnchancen in Aussicht gestellt werden, bleibt bei vielen Anlegern vor allem die Fantasie hängen – nicht der Risikohinweis.

„Biotech-Aktien gehören zu den riskantesten Anlagen überhaupt“

Frage: Warum sind gerade Biotech-Unternehmen so riskant?

Jens Reime: Weil ihr wirtschaftlicher Erfolg oft von einzelnen Studien abhängt. Eine negative Phase-2- oder Phase-3-Studie kann den Aktienkurs regelrecht vernichten. Viele dieser Unternehmen schreiben jahrelang Verluste und leben von Kapitalerhöhungen oder neuen Anlegergeldern. Selbst vielversprechende Medikamente scheitern häufig am Ende doch an regulatorischen oder medizinischen Hürden.

„Ein Kursziel ist keine Garantie“

Frage: Im Artikel wird auf Analysten verwiesen, die ein enormes Kurspotenzial sehen.

Jens Reime: Anleger dürfen niemals vergessen:
Ein Analystenkursziel ist keine Garantie und oft nur ein theoretisches Szenario. Gerade bei kleinen Nebenwerten können solche Bewertungen extrem spekulativ sein. Teilweise beruhen sie auf sehr optimistischen Annahmen über Studienerfolge, Zulassungen oder spätere Umsätze, die niemals eintreten müssen.

„Interessenkonflikte sind hier offensichtlich“

Frage: Wie bewerten Sie den Hinweis, dass für die Kampagne 150.000 Dollar gezahlt wurden?

Jens Reime: Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Wenn eine Werbeagentur oder Plattform bezahlt wird, um Aufmerksamkeit für eine Aktie zu erzeugen, besteht selbstverständlich ein erheblicher Interessenkonflikt. Das wird im Disclaimer zwar eingeräumt, aber viele Privatanleger unterschätzen die Bedeutung solcher Hinweise massiv.

„Gerade Kleinanleger geraten schnell in Euphorie“

Frage: Warum funktionieren solche Kampagnen trotzdem so gut?

Jens Reime: Weil sie psychologisch geschickt aufgebaut sind. Es wird ein Narrativ erzeugt:
kleine Firma, riesiger Markt, angeblich revolutionäre Technologie, niedrige Bewertung, bevorstehender Durchbruch. Genau diese Mischung erzeugt FOMO – also die Angst, eine große Chance zu verpassen.

„Auch der Rechtsstreit wird wie ein Zusatzgewinn verkauft“

Frage: Im Artikel wird zusätzlich ein milliardenschwerer Rechtsstreit als möglicher Werttreiber dargestellt.

Jens Reime: Auch das ist typisch. Solche Verfahren werden gerne als zusätzlicher „Bonus“ dargestellt. Tatsächlich sind Gerichtsverfahren aber hochunsicher, langwierig und oft schwer kalkulierbar. Anleger sollten daraus niemals sichere Gewinnerwartungen ableiten.

„Die Risiken stehen meist am Ende – die Fantasie ganz vorne“

Frage: Was ist Ihr Hauptkritikpunkt an solchen Veröffentlichungen?

Jens Reime: Die Gewichtung. Die Chancen werden emotional und ausführlich dargestellt, die Risiken oft erst ganz am Ende in juristischen Standardformulierungen versteckt. Rein rechtlich mag das zulässig sein. Für unerfahrene Anleger entsteht aber schnell ein verzerrtes Bild.

„Anleger sollten niemals nur wegen Werbung investieren“

Frage: Ihr wichtigster Rat an Anleger?

Jens Reime: Niemals investieren, nur weil ein Artikel euphorisch klingt oder enorme Kursgewinne verspricht. Gerade bei Small-Cap- und Biotech-Aktien ist das Risiko extrem hoch. Anleger sollten immer unabhängige Quellen prüfen, Geschäftsberichte lesen und sich bewusst machen:
Hohe Gewinnchancen bedeuten fast immer auch hohe Verlustrisiken – bis hin zum Totalverlust.

„Werbung ersetzt keine seriöse Anlageberatung“

Frage: Bedeutet das automatisch, dass das Unternehmen unseriös ist?

Jens Reime: Nein, das wäre zu pauschal. Es kann durchaus reale Forschung, echte Studien und ernsthafte Entwicklungen geben. Aber Anleger müssen klar unterscheiden zwischen wissenschaftlicher Hoffnung und wirtschaftlicher Realität. Werbung ersetzt keine neutrale Analyse und schon gar keine seriöse Anlageberatung.

„Der wichtigste Satz steht meist ganz unten“

Frage: Welcher Satz im gesamten Dokument ist aus Ihrer Sicht der wichtigste?

Jens Reime: Eigentlich der unscheinbarste:
„Investitionen in Wertpapiere sind mit Risiken verbunden.“

Genau diesen Satz sollten Anleger bei solchen Werbekampagnen ganz besonders ernst nehmen.

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