Manchmal liegen die größten Schätze buchstäblich auf dem Dachboden. Während Freiwillige in Waseca County im US-Bundesstaat Minnesota ihre Ausstellung für das alljährliche Volksfest auf Vordermann bringen wollten, stießen sie auf ein Paket, das jahrzehntelang unbeachtet unter dem Dach eines historischen Holzhauses geschlummert hatte.
Was zunächst wie alter Gerümpel aussah, entpuppte sich nach dem Auspacken als patriotischer Koloss: eine amerikanische Flagge von rund 19 mal 36 Fuß – so groß wie eine kleine Einzimmerwohnung in New York. Offenbar hatte niemand so recht auf dem Schirm, dass man ein derartiges Monument der Stars and Stripes einfach vergessen kann.
Die riesige Fahne trägt lediglich 48 Sterne und stammt damit aus einer Zeit, bevor Alaska und Hawaii in die Vereinigten Staaten aufgenommen wurden. Allein diese Tatsache grenzt ihre Entstehung auf den Zeitraum zwischen 1912 und 1959 ein. Wer sie jedoch gefertigt hat, wo sie einst flatterte und wie sie überhaupt im Besitz der örtlichen Geschichtsgesellschaft landete, weiß bis heute niemand.
Die Verarbeitung liefert immerhin einige Hinweise. Während die roten und weißen Streifen maschinell zusammengenäht wurden, sind die Sterne per Hand aufgenäht – allerdings mit einer Präzision, die eher an engagierte Freiwillige als an professionelle Schneider erinnert. Manche Nähte verlaufen schnurgerade, andere eher nach dem Motto: Hauptsache, der Stern bleibt irgendwie an seinem Platz.
Da die Flagge aus Respekt vor dem amerikanischen Flaggenkodex nicht über den Boden gezogen werden durfte, musste zunächst eine logistische Meisterleistung organisiert werden. Über 50 Freiwillige, Feuerwehr, Sheriff, Veteranen und Lokalpolitiker rückten an, um das gewaltige Stoffmeer erstmals seit Jahrzehnten vollständig auszubreiten. Schließlich braucht es eben eine ganze Gemeinde, wenn eine Flagge die Ausmaße eines kleinen Hauses besitzt.
Die Überraschung war groß: Unter freiem Himmel entfaltete sich ein beeindruckendes Stück amerikanischer Geschichte. 13 rote und weiße Streifen, 48 Sterne und jede Menge offene Fragen.
Historische Fotos bringen inzwischen Bewegung in den Fall. Aufnahmen aus den Jahren 1940 und 1942 zeigen eine riesige Flagge bei den Unabhängigkeitsparaden in Waseca. Damals trugen 48 Kinder den Sternenbanner durch die Straßen. Ob es sich tatsächlich um dieselbe Flagge handelt, ist zwar noch nicht endgültig bewiesen – allerdings sind überdimensionale 48-Sterne-Flaggen selbst in Minnesota keine Massenware gewesen.
Als mögliche Schlüsselfiguren gelten der damalige Organisator Herman Peterson sowie die Lehrerin Nina Clement, unter deren Leitung die Flagge angefertigt worden sein soll. Beide hinterließen jedoch keine direkten Nachkommen, sodass die Spurensuche zur historischen Detektivarbeit wird.
Nun hofft die Waseca County Historical Society auf das Gedächtnis der Bevölkerung. Alte Fotos, Erinnerungen oder Familiengeschichten könnten helfen, das Rätsel zu lösen und der imposanten Flagge ihre Geschichte zurückzugeben.
Bis dahin bleibt der Stoffgigant das wohl spektakulärste Fundstück eines Dachbodens, der eigentlich nur aufgeräumt werden sollte. Und wer weiß – vielleicht wird die riesige 48-Sterne-Flagge zum 300. Geburtstag der Vereinigten Staaten im Jahr 2076 wieder durch die Straßen getragen. Diesmal hoffentlich ohne vorher ein halbes Jahrhundert unter Staub und Spinnweben verbringen zu müssen.
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