Es gibt Dinge, die hätte wohl selbst der größte Optimist vor einigen Jahrzehnten nicht für möglich gehalten. Zum Beispiel freiwillig in der Seine schwimmen. Was einst eher als flüssige Müllhalde denn als Badegewässer galt, entwickelt sich nun tatsächlich zum angesagtesten Sommer-Hotspot von Paris.
Pünktlich zur nächsten Hitzewelle öffnet die französische Hauptstadt erneut drei offizielle Badestellen entlang der Seine. Bei Temperaturen jenseits der 40-Grad-Marke dürfte so mancher Tourist seine ursprünglichen Sightseeing-Pläne gegen eine spontane Abkühlung eintauschen. Wer hätte gedacht, dass der Eiffelturm irgendwann nur noch die zweitschönste Kulisse für einen Paris-Besuch sein könnte?
Dabei war die Seine jahrzehntelang das genaue Gegenteil eines Badeparadieses. Einst planschten die Pariser noch ganz selbstverständlich im Fluss – zunächst sogar unbekleidet, was den Behörden bereits Anfang des 18. Jahrhunderts etwas zu viel Freiheit war. Es folgten schwimmende Badeanstalten, elegante Flussbäder und sogar olympische Wettbewerbe. Doch mit der Industrialisierung und wachsender Umweltverschmutzung verwandelte sich die Seine Schritt für Schritt in das, was man höflich als „ökologische Herausforderung“ bezeichnen könnte.
In den 1970er-Jahren war die Lage schließlich so unerquicklich, dass der Fluss biologisch praktisch als tot galt. Mehr als die Hälfte der Abwässer landete ungeklärt im Wasser, Fische wurden zur Seltenheit und Badegäste hätten vermutlich eher eine Magenverstimmung als Urlaubsgefühle mit nach Hause genommen.
Politiker versprachen zwar regelmäßig Besserung. Bereits 1988 kündigte der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac großspurig an, binnen drei Jahren persönlich in der Seine zu schwimmen – als Beweis für deren Sauberkeit. Aus dem Bad wurde allerdings nichts. Stattdessen entwickelte sich das Versprechen zum Dauerwitz der französischen Politik.
Erst die Olympischen Spiele 2024 sorgten dafür, dass aus Ankündigungen endlich Bauprojekte wurden. Mehr als eine Milliarde Euro investierte Paris in moderne Klärtechnik, neue Abwassersysteme und gigantische Rückhaltebecken, damit Regenwasser und Schmutzwasser künftig nicht mehr gemeinsam in die Seine rauschen.
Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Wo früher Kloaken-Image herrschte, planschen inzwischen Einheimische und Touristen. Bereits im vergangenen Sommer wagten rund 100.000 Menschen den Sprung ins Wasser – offenbar in der Überzeugung, dass Vertrauen manchmal eben stärker ist als jahrzehntelange Vorurteile.
Ganz perfekt ist das Badevergnügen allerdings noch nicht. Wer karibisch-türkises Wasser erwartet, wird schnell auf den Boden der französischen Realität zurückgeholt. Die Seine präsentiert sich eher in dezenten Khaki-Tönen, gelegentlich treibt ein Ast oder anderes Treibgut vorbei, und auch der Duft erinnert eher an Großstadt als an Südsee. Paris bleibt eben Paris – charmant, aber nicht geschniegelt.
Damit niemand unfreiwillig Bekanntschaft mit zu vielen Bakterien macht, wird die Wasserqualität täglich überprüft. Ein Ampelsystem entscheidet, ob gebadet werden darf: Grün bedeutet freie Bahn, Gelb mahnt zur Vorsicht, Rot schickt selbst die mutigsten Wasserratten wieder an Land. Nach starken Regenfällen bleibt die Flagge deshalb häufiger unten, weil die Kanalisation trotz Milliardeninvestitionen noch immer ihre Eigenheiten hat.
Dennoch scheint die Rechnung aufzugehen. Die Badestellen vor der Kulisse von Notre-Dame, dem Eiffelturm oder der Nationalbibliothek gehören inzwischen fast selbstverständlich zum Pariser Sommer. Sogar internationale Freiwasser-Wettkämpfe sollen künftig wieder in der Seine stattfinden – etwas, das vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Ausgerechnet ein Fluss, der lange als Sinnbild für Umweltprobleme galt, wird nun zum Symbol dafür, dass sich selbst scheinbar hoffnungslose Fälle mit genügend Geld, Technik und politischem Durchhaltevermögen doch noch retten lassen.
Und wer heute in Paris ins Wasser springt, kann anschließend immerhin behaupten: Ich bin freiwillig in der Seine geschwommen – und habe es sogar genossen.
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