Startseite Allgemeines „Primetime“: Robert Pattinson brilliert in einer verstörenden Mediensatire
Allgemeines

„Primetime“: Robert Pattinson brilliert in einer verstörenden Mediensatire

OpenClipart-Vectors (CC0), Pixabay
Teilen

Robert Pattinson setzt sein außergewöhnliches Kinojahr mit einer seiner bisher stärksten Leistungen fort. In „Primetime“ spielt er eine fiktionalisierte Version des umstrittenen US-Fernsehjournalisten Chris Hansen. Das Ergebnis ist eine düstere, surreale und berauschend unangenehme Satire über Sensationsfernsehen.

Nach seinem Durchbruch als romantisches Idol in der „Twilight“-Reihe brauchte Pattinson einige Jahre, um die Rollen zu finden, die wirklich zu ihm passen. In Filmen wie „Good Time“, „The Lighthouse“, „Mickey 17“ und „Die My Love“ etablierte er sich als einer der interessantesten Darsteller des modernen Autorenkinos.

Auch in großen Produktionen wie „The Batman“ überzeugte er. Besonders wohl scheint er sich jedoch in Rollen zu fühlen, die möglichst weit vom klassischen Helden entfernt sind. Pattinson spielt Verlierer, Lügner, Sonderlinge und moralisch fragwürdige Figuren mit sichtlicher Freude. Gerade diese Bereitschaft, unsympathisch zu wirken, macht ihn so faszinierend.

Nach seinen Auftritten in „The Drama“ und „The Odyssey“ findet Pattinson in „Primetime“ nun die ideale Bühne für seine eigenwillige Schauspielkunst. Der Film feierte beim Filmfestival von Venedig Premiere und dürfte in der kommenden Preissaison eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig ist mit kontroversen Reaktionen zu rechnen.

„Primetime“ orientiert sich an der Geschichte des amerikanischen Journalisten Chris Hansen und seiner bekanntesten Fernsehsendung „To Catch a Predator“. Das Format lief von 2004 bis 2007 als Teil des NBC-Nachrichtenmagazins „Dateline“.

Für die Sendung gaben sich Mitarbeiter in Online-Chats als Minderjährige aus und verabredeten Treffen mit erwachsenen Männern. Erschienen diese am vereinbarten Ort, wurden sie von Hansen und einem Kamerateam konfrontiert. Mit betont ruhiger Höflichkeit fragte der Moderator die Männer, weshalb sie gekommen seien.

Chris Hansen war an der Entstehung des Films nicht beteiligt und kritisierte die Produktion bereits, ohne sie gesehen zu haben. Gleichzeitig nutzt er die Aufmerksamkeit für eigene Zwecke: Vor den US-Kinovorstellungen ließ er Werbespots für seinen Streamingdienst schalten.

Mit der Darstellung seiner Person dürfte er dennoch kaum zufrieden sein. Das Drehbuch von Ajon Singh betrachtet „To Catch a Predator“ als Symbol für einen Wandel im amerikanischen Fernsehen. Während erfolgreiche klassische Formate verschwanden, begann eine neue Phase des Reality-TV, in der Bloßstellung, Verbrechen und Erniedrigung als publikumswirksame Unterhaltung vermarktet wurden.

Der Film stellt eine unbequeme Frage: Was geschieht, wenn die Entlarvung mutmaßlicher Sexualstraftäter nicht mehr nur journalistische Aufklärung ist, sondern zur quotenstarken Show wird?

Pattinsons Hansen freut sich ausgelassen, als seine Sendung einen besseren Sendeplatz erhält. Mehr Zuschauer als die Erfolgsserie „Lost“ könnten nun einschalten, prahlt er. Dass der Erfolg auf der öffentlichen Demütigung realer Menschen beruht, scheint ihn kaum zu beschäftigen.

Dabei richtet der Film seinen kritischen Blick nicht nur auf die vorgeführten Männer. Er fragt auch nach dem Umgang mit den erwachsenen Lockvögeln, die sich in den Chats als sehr junge Teenager ausgeben müssen. Skyler Gisondo und Phoebe Bridgers verkörpern diese psychisch belastende Arbeit eindrucksvoll.

Die Botschaft des Films ist nicht vollkommen neu. Auch andere Produktionen beschäftigen sich mit dem Aufstieg eines sensationsgetriebenen Medienbetriebs. „Primetime“ hebt sich jedoch durch seine außergewöhnliche Form ab.

Regisseur Lance Oppenheim, der zuvor vor allem Dokumentarfilme drehte, inszeniert keine nüchterne Nacherzählung. Er interessiert sich weder ausführlich für Hansens Vorgeschichte noch für die schrittweise Entstehung der Sendung. Stattdessen wirft er das Publikum mitten in einen fiebrigen Albtraum.

Alles wirkt grundsätzlich glaubwürdig und gleichzeitig beunruhigend fremd. Die Realität wird leicht überhöht, bis aus dem bekannten Fernsehformat eine halluzinatorische schwarze Komödie entsteht.

Pattinson trägt diesen schwindelerregenden Ton beinahe mühelos. Sein Spiel ist groß, theatralisch und manchmal grotesk, ohne zur bloßen Karikatur zu werden. Er verschwindet vollständig in der merkwürdigen Persönlichkeit seiner Figur.

Mal wirkt Hansen wie ein selbstverliebter Trottel, mal wie ein berechnender Medienprofi und dann wieder wie jemand, der kurz davorsteht, den Verstand zu verlieren. Regisseur Oppenheim beschrieb die Figur als Mischung aus dem erfolgshungrigen Sportagenten Jerry Maguire und Graf Dracula. Diese ungewöhnliche Kombination trifft Pattinsons Darstellung erstaunlich genau.

Der Schauspieler versucht zu keinem Zeitpunkt, das Publikum um Verständnis für Hansen zu bitten. Er darf schmierig, eitel und abstoßend erscheinen. Gerade weil der Film seine Hauptfigur nicht künstlich sympathisch macht, bleibt die Darstellung so kraftvoll.

„Primetime“ zeigt, wie leicht sich moralische Empörung in Unterhaltung verwandeln lässt. Das Publikum soll die vorgeführten Männer verurteilen, wird aber zugleich dazu gebracht, über das Spektakel und seine Macher nachzudenken. Wer verdient an der öffentlichen Bloßstellung? Wo endet Aufklärung und wo beginnt Ausbeutung?

Der Film liefert darauf keine einfachen Antworten. Stattdessen schafft er eine Atmosphäre, in der sich Abscheu, schwarzer Humor und Faszination ständig überlagern.

Robert Pattinson ist dabei der entscheidende Mittelpunkt. Seine Darstellung ist verstörend, witzig und unberechenbar. Man muss seine Figur nicht mögen, um ihm gebannt zuzusehen.

„Primetime“ ist eine bitterböse Mediensatire und zugleich ein weiterer Beweis für Pattinsons außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit. Es ist möglicherweise die beste Leistung seiner bisherigen Karriere – und die Krönung eines bemerkenswerten Jahres.

Regie: Lance Oppenheim
Darsteller: Robert Pattinson, Merritt Wever, Skyler Gisondo, Phoebe Bridgers
Laufzeit: 110 Minuten
US-Kinostart: 25. September
Kinostart in Großbritannien: 30. Oktober

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Gefährlicher Netz-Trend: „Choking-Game“ endet für Jugendlichen in Bewusstlosigkeit

Eine vermeintliche Mutprobe aus dem Internet hat im Landkreis Schaumburg einen Rettungseinsatz...

Allgemeines

Europas Griff nach den Sternen: Macron fordert eigenes Programm für bemannte Raumfahrt

Europa soll im internationalen Wettlauf um das Weltall eine wesentlich größere Rolle...

Allgemeines

Der Gewinn blieb eine Illusion: Frau verliert 100.000 Euro an Anlagebetrüger

Ein vermeintlich lukratives Investment im Internet hat für eine 57-Jährige aus dem...

Allgemeines

Investmentprüfung.de: Neues Rechercheportal für Anleger und Verbraucher

Unter www.investmentpruefung.de ist ein neues Investmentrechercheportal für Anleger und Verbraucher gestartet. Die...