Der Traum von der Gesundheit aus der Dose
Vitamin D für die Knochen, Magnesium für die Muskeln, Kollagen für die Haut, Kreatin fürs Gehirn und dazu noch ein grünes Pulver für das gute Gewissen.
Was früher ein einzelnes Vitaminpräparat war, entwickelt sich für viele Menschen mittlerweile zu einer regelrechten Nahrungsergänzungs-Sammlung.
Experten schlagen nun Alarm: Immer mehr Menschen nehmen täglich mehrere Präparate gleichzeitig ein – oft ohne medizinische Notwendigkeit und teilweise mit erheblichen gesundheitlichen Risiken.
Der Küchenschrank als kleine Apotheke
Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass rund drei Viertel der Befragten regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel verwenden. Fast jeder Fünfte nimmt sogar vier oder mehr Produkte täglich ein.
Angetrieben wird der Boom vor allem durch soziale Medien. Dort berichten Influencer und Werbebotschaften regelmäßig von mehr Energie, besserem Schlaf, schönerer Haut oder höherer Leistungsfähigkeit.
Der Eindruck entsteht schnell: Für jedes Problem gibt es die passende Kapsel.
Aus Gesundheitsvorsorge wird Gesundheitsrisiko
Dabei warnen Mediziner zunehmend vor den Folgen des unkontrollierten Konsums.
Ärzte berichten von Patienten mit Leber-, Nieren- und Magen-Darm-Problemen, die auf die Einnahme verschiedener Nahrungsergänzungsmittel zurückgeführt werden.
Besonders problematisch wird es, wenn mehrere Präparate gleichzeitig eingenommen werden. Viele Nutzer wissen gar nicht, dass sich Inhaltsstoffe überschneiden oder gegenseitig beeinflussen können.
Wenn zu viel des Guten krank macht
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Geschichte der US-Amerikanerin Ginger Smith.
Die Influencerin nahm über Jahre hinweg hoch dosierte Vitaminpräparate, Kurkuma-Produkte, Elektrolyte und weitere Nahrungsergänzungen ein. Sie war überzeugt, ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun.
Dann kamen starke Rückenschmerzen.
Die Diagnose: Ein riesiger Nierenstein, der operativ entfernt werden musste.
Nach Angaben ihrer Ärzte könnte die Kombination der eingenommenen Präparate die Entstehung begünstigt haben.
Auch die Leber leidet
Nicht nur die Nieren geraten unter Druck.
Ärzte beobachten zunehmend Fälle von Leberschäden, die mit pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln in Verbindung gebracht werden.
Besonders hohe Dosen von Vitamin A, Grüntee-Extrakten oder Ashwagandha gelten als potenziell belastend für die Leber.
Das Problem: Viele Menschen betrachten Nahrungsergänzungsmittel automatisch als harmlos, weil sie frei verkäuflich sind.
Doch frei verkäuflich bedeutet nicht automatisch risikofrei.
Mehr ist nicht immer besser
Hausärzte berichten außerdem von Patienten, die verschiedene Präparate kombinieren und dadurch ungewollt deutlich höhere Mengen bestimmter Vitamine aufnehmen als empfohlen.
So kann beispielsweise eine langfristige Überdosierung von Vitamin B6 zu Nervenschäden führen.
Auch Eisen, Magnesium und Calcium können sich gegenseitig bei der Aufnahme behindern.
Hinzu kommt: Fettlösliche Vitamine wie A, D, E und K werden vom Körper gespeichert und müssen nicht zwangsläufig täglich ergänzt werden.
Die Industrie boomt
Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel wächst seit Jahren rasant.
Viele Anbieter werben mit Begriffen wie „Biohacking“, „Longevity“ oder „Optimierung“.
Die Botschaft lautet häufig: Wer erfolgreich, gesund und leistungsfähig sein möchte, benötigt zusätzliche Produkte.
Ernährungsfachleute sehen diese Entwicklung kritisch.
Sie weisen darauf hin, dass eine ausgewogene Ernährung in den meisten Fällen deutlich wichtiger ist als eine Sammlung von Pillen und Pulvern.
Was Experten empfehlen
Für gesunde Erwachsene ohne bekannte Mangelerscheinungen reicht häufig eine ausgewogene Ernährung aus.
In den Wintermonaten kann Vitamin D sinnvoll sein. Auch bestimmte Personengruppen benötigen gelegentlich zusätzliche Nährstoffe, etwa Eisen bei nachgewiesenem Mangel.
Entscheidend sei jedoch, Nahrungsergänzungsmittel gezielt und nicht auf Verdacht einzunehmen.
Wer einen Mangel vermutet, sollte dies ärztlich abklären lassen, statt wahllos Produkte zu kombinieren.
Fazit
Nahrungsergänzungsmittel können sinnvoll und in bestimmten Situationen sogar notwendig sein.
Sie sind jedoch kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und kein Freifahrtschein für unbegrenzten Konsum.
Die wichtigste Botschaft der Experten ist deshalb überraschend einfach:
Manchmal ist ein Teller mit frischem Gemüse, Obst und ausgewogenen Mahlzeiten wirksamer als die teuerste Sammlung von Kapseln im Küchenschrank.
Oder wie eine Ernährungsberaterin es auf den Punkt bringt:
„Eine Pille ist kein besseres Lebensmittel.“
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