Wer an Robin Hood denkt, sieht meistens einen fröhlichen Kerl in Grün vor sich, der den Reichen das Geld aus der Tasche zieht, um es den Armen zu schenken. Dazu ein paar lustige Gefährten, die schöne Maid Marian und irgendwo im Hintergrund ein Sheriff, der zuverlässig verliert.
Kurz gesagt: Disney hat ganze Arbeit geleistet.
Doch die historische Wahrheit sieht deutlich anders aus. Der ursprüngliche Robin Hood war weit entfernt vom freundlichen Sozialarbeiter des Sherwood Forest. Er war ein Gesetzloser, Gewalttäter, Trickbetrüger und nach heutigen Maßstäben alles andere als ein Vorbild für Kindergeburtstage.
Robin Hood: Der mittelalterliche Problemfall
Die ersten Geschichten über Robin Hood entstanden bereits im 12. Jahrhundert als mündliche Überlieferungen. Schriftlich tauchte die Figur erst rund 200 Jahre später in Balladen auf.
Und dort begegnet uns kein edler Ritter, sondern ein sogenannter Yeoman – also ein freier Mann irgendwo zwischen Bauer und Kleinadel.
Von Maid Marian fehlt jede Spur. Vom edlen Kämpfer für soziale Gerechtigkeit ebenfalls.
Robin legte sich vor allem mit reichen Grundbesitzern, korrupten Kirchenvertretern und Vertretern der Obrigkeit an. Armen Menschen half er gelegentlich, aber das war eher Nebeneffekt als Lebensziel.
Vor allem machte er das, was viele Gesetzlose damals machten: rauben, kämpfen und gelegentlich töten.
Vom Outlaw zum Königsliebling
Im Laufe der Jahrhunderte wurde Robin Hood immer weiter entschärft.
Besonders im 16. Jahrhundert begann seine Verwandlung vom rebellischen Außenseiter zum akzeptablen Volkshelden. Selbst König Heinrich VIII. soll ein großer Fan gewesen sein und sich gelegentlich als Robin Hood verkleidet haben.
Plötzlich wurde aus dem einfachen Gesetzlosen ein Adliger. Aus dem Feind der Herrschenden wurde ein Verteidiger des rechtmäßigen Königs. Aus dem Gesellschaftskritiker wurde ein Unterstützer der bestehenden Ordnung.
Die Revolution war abgesagt.
Disney gibt ihm den Rest
Spätestens im 19. Jahrhundert machten Kinderbücher aus Robin Hood einen moralisch einwandfreien Helden.
Den endgültigen Ritterschlag erhielt die Figur jedoch 1973 durch den Disney-Klassiker Robin Hood.
Dort ist Robin ein sympathischer Fuchs mit Hut, Charme und Humor. Sein größtes Verbrechen besteht praktisch darin, dass er den falschen Leuten das Geld wegnimmt.
Für Generationen von Zuschauern wurde genau dieses Bild zur Wahrheit.
Die Rückkehr des dunklen Robin Hood
Doch inzwischen erleben die ursprünglichen Wurzeln der Figur eine Renaissance.
Der neue Film The Death of Robin Hood zeigt einen gealterten, von Schuld geplagten Robin Hood, der mit seiner eigenen Vergangenheit ringt.
Gespielt von Hugh Jackman, blickt die Figur auf ein Leben voller Gewalt zurück und stellt die Legende infrage, die aus ihr gemacht wurde.
Seine schonungslose Selbsteinschätzung lautet sinngemäß:
Robin Hood war kein Held. Er raubte und tötete, weil er Freude daran hatte.
Damit nähert sich die moderne Interpretation erstaunlich stark den mittelalterlichen Ursprüngen an.
Warum Robin Hood heute wieder aktuell ist
Der Erfolg dieser düsteren Neuinterpretationen hat auch mit der Gegenwart zu tun.
Viele Menschen misstrauen inzwischen einfachen Heldengeschichten. Die Welt wirkt komplizierter als früher. Figuren müssen Ecken und Kanten haben. Niemand glaubt mehr automatisch an den makellosen Retter.
Genau deshalb passt der ursprüngliche Robin Hood plötzlich wieder in unsere Zeit.
Er war nie ein Heiliger.
Er war ein Widerspruch.
Ein Mann, der gegen Ungerechtigkeit kämpfte, dabei aber selbst Gewalt ausübte. Ein Rebell, der Menschen inspirierte und gleichzeitig Leid verursachte. Ein Mythos, dessen Geschichte über die Jahrhunderte immer wieder neu geschrieben wurde.
Oder anders gesagt:
Robin Hood war vermutlich nie der nette Fuchs aus dem Disney-Film.
Aber er war auch nie der reine Bösewicht.
Gerade deshalb fasziniert die Figur bis heute – fast 900 Jahre nachdem die ersten Geschichten durch englische Wälder und Wirtshäuser wanderten.
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