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Orbán ade: Ungarn hat den Dauer-Regenten aus dem Amt gewählt – und zwar mit dem politischen Vorschlaghammer

stevepb (CC0), Pixabay
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16 Jahre Viktor Orbán, 16 Jahre Fidesz, 16 Jahre Dauerbeschallung mit Nation, Angst, Feindbildern und dem Gefühl, Ungarn sei weniger ein Staat als vielmehr ein Familienbetrieb mit Fahne – und dann kommt ein 45-jähriger Ex-Insider namens Péter Magyar und räumt das ganze System in einer Nacht ab, als hätte jemand endlich den Stecker gezogen.

Kurz gesagt: Orbáns Ära ist vorbei. Und zwar nicht irgendwie, sondern krachend.

Was sich am Sonntagabend in Ungarn abgespielt hat, ist nicht bloß ein Regierungswechsel. Das ist ein politisches Erdbeben mit Nachbeben-Garantie. Nach Auszählung von mehr als 98 Prozent der Stimmen steuert Magyars Partei Tisza auf 138 Sitze im 199-köpfigen Parlament zu. Orbáns Fidesz landet bei nur noch 55 Mandaten, die Rechtsaußen-Partei Mi Hazánk bei sechs.

Heißt auf gut Ungarisch:
Nicht nur verloren. Zerlegt.

Und das besonders Bittere für Orbán: Magyar hat damit genau jene Zweidrittelmehrheit erreicht, die nötig ist, um den ganzen Orbán-Baukasten zurückzubauen – also jenes fein austarierte Machtkonstrukt aus Verfassungsumbauten, Staatsmedien-Propaganda, Patronage-Netzwerken und politisch einbetonierter Selbstbedienung, das man in höflichen Kreisen „illiberale Demokratie“ nennt und in ehrlichen Kreisen eher: autokratisch geschniegelt.

Magyar ließ am Wahlabend keine Zweifel daran, wie er diesen Sieg versteht. Vor jubelnden Anhängern an der Donau, mit Blick auf das Parlament, rief er:

„Wir haben es geschafft. Gemeinsam haben wir das ungarische Regime gestürzt.“

Das ist kein Satz für den Verwaltungsakt.
Das ist ein Satz für den politischen Schlusspunkt unter 16 Jahre Orbán.

Und es ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil Orbáns System bis zuletzt so tat, als sei alles wie immer. In einem Ungarn lief die Fidesz-Maschine auf Hochtouren: staatsnahe Umfragen, staatsnahe Medien, staatsnahe Gewissheit, dass Viktor natürlich wieder gewinnt, weil Viktor immer gewinnt. Im anderen Ungarn zog Péter Magyar seit zwei Jahren durch Dörfer, Städte und Marktplätze, sammelte Wut, Frust und die Sehnsucht nach einem normalen Staat ein – und machte daraus eine Bewegung.

Am Sonntagabend sind diese zwei Ungarns frontal ineinandergekracht.
Und eines davon war offenbar nur noch Kulisse.

Historisch war nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Beteiligung. Rund 79 Prozent der Wahlberechtigten gingen an die Urnen – so viele wie noch nie im demokratischen Ungarn. Und während Orbán jahrelang davon lebte, dass sein System träge, loyal und alternativlos wirkte, kam diesmal genau das Gegenteil zustande: eine Mobilisierung gegen den Dauerzustand.

Magyar brachte auf den Punkt, was viele Ungarn längst dachten: Noch nie hätten so viele Menschen abgestimmt, und noch nie habe eine einzelne Partei ein derart starkes Mandat erhalten. Für Orbán muss das wie ein politischer Albtraum klingen. Denn seine Herrschaft beruhte auf vier Wahlsiegen in Serie, auf Dominanz, Kontrolle und dem Mythos der Unbesiegbarkeit. Und dann zerfällt diese Unbesiegbarkeit in wenigen Minuten live vor laufenden Kameras.

Besonders demütigend: Noch während in Budapest erst rund 30 Prozent der Stimmen ausgezählt waren, postete Magyar bereits, Orbán habe ihn angerufen und zum Sieg gratuliert. Wenig später trat Orbán selbst auf eine Bühne – flankiert von Fidesz-Gesichtern, die ungefähr so aussahen, als hätte jemand gerade die Parteizentrale in eine Steuerprüfung verwandelt.

Sein Fazit: Das Ergebnis sei „klar und schmerzhaft“.
Selten klang eine Niederlage so höflich formuliert und gleichzeitig so vernichtend.

Immerhin: Orbán erkennt die Niederlage an. Das ist in Zeiten globaler Autokraten-Eitelkeiten schon fast eine Nachricht für sich. Aber niemand sollte sich täuschen: Der Mann ist politisch erledigt – und gleichzeitig noch nicht ganz weg. Er bleibt vorerst geschäftsführend im Amt, zurücktreten als Parteichef will er bisher nicht. Und genau da beginnt die nächste Frage: Was bleibt von Fidesz, wenn Orbán nicht mehr gewinnt?

Denn Fidesz war nie einfach nur eine Partei.
Fidesz war Orbán mit Logo.

Ohne ihn ist das Gebilde ungefähr so stabil wie ein Kartenhaus im Windkanal.

Für Péter Magyar beginnt jetzt die heikle Phase: Der Triumph ist gewaltig, aber die Aufgabe ist es auch. Er hat angekündigt, die Orbán-Ära nicht nur symbolisch, sondern strukturell zu beenden. Heißt konkret:

  • Reformen bei Bildung und Gesundheit
  • Kampf gegen Korruption
  • Wiederherstellung einer unabhängigen Justiz
  • Ende des verhassten Patronage-Systems NER, das Parteifreunde reich und den Staat ärmer gemacht hat
  • Umbau der staatsnahen Medienlandschaft, allen voran des notorisch regierungstreuen Senders M1

Gerade dort zeigte sich am Wahlabend die Absurdität des alten Systems in Reinform. Der Sender wirkte zwischenzeitlich so orientierungslos, dass er eine frühere Rede von Magyar wiederholte – ausgerechnet jene Ansprache, in der er noch vorsichtig von Hoffnung sprach. Blöd nur: Zu diesem Zeitpunkt hatte er längst gewonnen.

Man könnte sagen:
Selbst das Staatsfernsehen kam mit der Realität nicht mehr hinterher.

Politisch hat dieser Abend auch weit über Ungarn hinaus Sprengkraft. Orbán war in Europa das Lieblingsprojekt all jener, die Demokratie gern als lästige Formalie behandeln: Donald Trump als Fanboy, Wladimir Putin als stiller strategischer Partner, Brüssel als Feindbild für jeden Anlass. Orbán blockierte EU-Hilfen für die Ukraine, pflegte seine Russland-Nähe mit der Ausrede billiger Energie und verkaufte das alles als nationale Souveränität.

Dass ausgerechnet jetzt ein klar pro-europäischer Herausforderer ihn mit Zweidrittelwucht aus dem Amt schiebt, ist auch ein Signal an Europa:
Die Orbánisierung ist nicht alternativlos. Man kann sie abwählen.

Entsprechend schnell kamen die Glückwünsche. Polens Premier Donald Tusk jubelte über einen „glorreichen Sieg“ und setzte auf Ungarisch gleich noch den passenden Schlachtruf hinterher: „Ruszkik haza“ – Russen heim.

Auch Magyar selbst machte klar, wohin die Reise geht. Seine erste Auslandsreise als neuer Premier soll nach Warschau führen. Ein demonstrativer Neustart, ein außenpolitischer Mittelfinger Richtung Moskau und ein klares Zeichen: Ungarn will wieder in Europa andocken – nicht am Kreml.

Das eigentlich Faszinierende an diesem Abend bleibt aber etwas anderes: Orbán wirkte über Jahre wie einer dieser Politiker, die nicht einfach Wahlen gewinnen, sondern Realität besetzen. Er hatte Institutionen umgebaut, Narrative monopolisiert, Gegner dämonisiert und das Land in eine Art politischen Dauer-Ausnahmezustand versetzt, in dem er selbst die einzig denkbare Antwort auf alle Fragen war.

Und dann passiert das, was bei solchen Figuren am meisten weh tut:
Die Leute hören auf, an ihre Unvermeidlichkeit zu glauben.

Genau das ist am Sonntag in Ungarn passiert.

Nicht Brüssel hat Orbán gestürzt.
Nicht Soros.
Nicht Selenskyj.
Nicht die übliche Feindbild-Lotterie.

Es waren die Ungarn selbst.

Und zwar in Rekordzahl.

Was jetzt folgt, wird kompliziert. Ein Wahlsieg allein baut noch kein kaputtes System zurück. Orbán hat Spuren hinterlassen – in Institutionen, Medien, Behörden, Machtstrukturen. Aber der wichtigste Mythos ist zerstört:

Viktor Orbán ist nicht unbesiegbar.

Und das ist für ihn wahrscheinlich die bitterste Niederlage von allen.

Die Bewertung:
16 Jahre lang tat Orbán so, als sei Ungarn sein persönliches Langzeitprojekt mit Nationalhymne. Jetzt haben ihm die Wähler gezeigt: Auch ein Dauer-Regent ist am Ende nur ein Mieter auf Zeit – selbst wenn er sich benimmt wie der Eigentümer.

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