Christopher Nolans neuer Film „The Odyssey“ begeistert Kritiker und lockt weltweit zahlreiche Zuschauer in die Kinos. Eine ausgewiesene Homer-Expertin zeigt sich jedoch alles andere als überzeugt.
Die Literaturwissenschaftlerin Emily Wilson, deren 2017 erschienene englische Übersetzung der „Odyssee“ Nolan nach eigenen Angaben beeinflusst hat, veröffentlichte in der London Review of Books eine ausgesprochen kritische Besprechung. Sie bezeichnet die Erzählstruktur des dreistündigen Films als effekthascherisch und hält das Drehbuch für misslungen.
Nach Wilsons Einschätzung fehlt es den Figuren an nachvollziehbaren Motiven sowie an psychologischer, emotionaler und politischer Tiefe. Auch die weiblichen Charaktere blieben trotz ihrer vergleichsweise großen Zahl blass. Anders als in Homers Dichtung hätten sie im Film wenig zu sagen.
Besonders bissig fällt Wilsons Vergleich mit einem Feuerwerk zum amerikanischen Unabhängigkeitstag aus: Nolans Werk sei ein familienfreundliches audiovisuelles Spektakel – beeindruckend anzusehen, aber ähnlich begrenzt in seiner erzählerischen und emotionalen Wirkung. Große Explosionen und riesenhafte Gestalten könne der Regisseur überzeugend inszenieren, große Ideen dagegen nur andeuten.
Ganz ohne Lob bleibt ihre Kritik dennoch nicht. Wilson begrüßt, dass der Film ein neues Massenpublikum für Homers Klassiker begeistert. Seit dem Kinostart würden Übersetzungen der „Odyssee“, darunter auch ihre eigene, stärker nachgefragt. Möglicherweise könne der Erfolg sogar dazu beitragen, das Interesse an Literatur, Sprachen und Geschichte an Hochschulen zu stärken. Auch ihre eigenen Kinder hätten bei der Vorstellung durchaus ihren Spaß gehabt.
Nolan hatte während der Werbetour erklärt, der berühmte Beginn von Wilsons Übersetzung – die Aufforderung, von einem komplizierten Mann zu erzählen – habe ihm als Leitmotiv für seine Darstellung des Odysseus gedient. Gespielt wird der griechische König von Matt Damon. Zum prominent besetzten Ensemble gehören außerdem Zendaya, Tom Holland, Robert Pattinson, Anne Hathaway, Charlize Theron und Lupita Nyong’o.
Während Wilson enttäuscht urteilt, überschlagen sich viele Filmkritiker mit Lob. Britische Medien bezeichneten das Werk unter anderem als Film des Jahres, Meisterwerk und monumentales Kinoereignis.
Die Handlung folgt Odysseus auf seiner langen und gefährlichen Heimreise nach dem Trojanischen Krieg. Während sein Weg zurück nach Ithaka im Film für volle Kinos sorgt, bleibt Wilsons Urteil eindeutig: technisch gewaltig, erzählerisch jedoch erstaunlich oberflächlich.
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