Neue Videoaufnahmen bringen Bewegung in einen der umstrittensten Aspekte der Aufarbeitung der Terroranschläge vom 11. September 2001. Im Mittelpunkt steht Omar al-Bayoumi, ein Saudi, dem Familien von 9/11-Opfern vorwerfen, zwei der späteren Entführer unterstützt zu haben.
Die BBC hat bislang nicht öffentlich gezeigtes Videomaterial ausgewertet, das nach eigenen Angaben bereits wenige Tage nach den Anschlägen im Besitz des FBI war. Die Aufnahmen zeigen Bayoumi unter anderem gemeinsam mit Anwar al-Awlaki, der später zu einem führenden Vertreter von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel wurde.
In einem Video ist zu sehen, wie Bayoumi al-Awlaki umarmt. Eine weitere Aufnahme zeigt beide bei Paintball-Übungen in der Nähe von San Diego. Anwesend war dabei auch ein Mitarbeiter des saudischen Ministeriums für islamische Angelegenheiten.
Die neuen Aufnahmen sind Bestandteil einer milliardenschweren Klage von Angehörigen der Opfer des 11. September gegen Saudi-Arabien.
Die Kläger werfen dem Königreich vor, in die Anschläge verwickelt gewesen zu sein beziehungsweise einzelne Täter unterstützt zu haben. Saudi-Arabien weist diese Vorwürfe seit Jahren entschieden zurück.
Bayoumi soll zwei spätere Entführer unterstützt haben
Omar al-Bayoumi war 1994 aus Saudi-Arabien nach San Diego gekommen. Nach außen erklärte er, dort Englisch zu studieren. Gerichtsunterlagen zufolge beschäftigte er sich später jedoch kaum noch mit seinem Studium und organisierte stattdessen häufig religiöse Veranstaltungen.
Besonders bedeutsam ist seine Verbindung zu Nawaf al-Hazmi und Khalid al-Mihdhar.
Die beiden Männer gehörten zu den 19 Entführern des 11. September. Sie waren Teil jener Gruppe, die American-Airlines-Flug 77 entführte und in das Pentagon steuerte.
Bayoumis Name tauchte auf dem Mietvertrag einer Wohnung auf, die von Hazmi und Mihdhar genutzt wurde.
Die Familien der Opfer argumentieren deshalb, Bayoumi habe die beiden Männer bei ihrer Ankunft und ihrem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten unterstützt.
Bayoumi bestreitet bis heute, von den Anschlagsplänen gewusst zu haben oder für den saudischen Geheimdienst tätig gewesen zu sein.
Paintball mit Anwar al-Awlaki
Besondere Aufmerksamkeit erhält nun ein Video aus den Jahren 1997 oder 1998.
Die Aufnahme zeigt eine Gruppe von Männern bei Paintball-Übungen in der Nähe von San Diego. Einige Teilnehmer tragen militärische Kleidung und üben offenbar Kampfsituationen.
Unter den Teilnehmern befindet sich Anwar al-Awlaki.
In einer Szene stürmen Männer nach vorn und rufen „Allahu Akbar“. Bayoumi ist auf der Aufnahme ebenfalls zu hören und spricht al-Awlaki respektvoll als „Scheich Anwar“ an.
Nach den Terroranschlägen wurde Paintball für amerikanische Ermittler zu einem wichtigen Thema, weil entsprechende Übungen in mehreren Terrorismusverfahren als mögliches Kampftraining untersucht wurden.
Bayoumi und Awlaki sollen mindestens drei Jahre lang an solchen Paintball-Treffen teilgenommen haben.
Nach Angaben der BBC berichteten Zeugen später dem FBI, einige Teilnehmer hätten die Übungen als Vorbereitung auf einen Dschihad verstanden.
Al-Awlaki wurde später zu einer prominenten Figur des internationalen Dschihadismus. Er wurde 2011 bei einem US-Drohnenangriff im Jemen getötet.
Bayoumi hatte noch 2021 erklärt, er habe Awlaki überhaupt nicht gekannt.
Die nun veröffentlichten Aufnahmen widersprechen dieser Darstellung.
Brisante Unterlagen bei Festnahme in Großbritannien
Nach den Anschlägen vom 11. September geriet Bayoumi früh in den Fokus der Ermittler.
Das FBI fand heraus, dass er inzwischen mit seiner Familie nach Birmingham in Großbritannien gezogen war.
Am 21. September 2001 wurde er dort von britischen Anti-Terror-Ermittlern festgenommen.
Bei der Durchsuchung seiner Wohnungen fanden die Beamten Tausende Seiten Dokumente, Hunderte Fotos, Flugtickets, Telefonkarten sowie mindestens 80 Videokassetten.
Unter den beschlagnahmten Gegenständen befand sich auch ein Telefonbuch mit mehr als zwei Dutzend Namen saudischer Regierungsvertreter in den USA und Saudi-Arabien.
Außerdem fanden die Ermittler Flugsimulator-Software und ein handschriftliches Blatt mit einer Zeichnung eines Flugzeugs sowie mathematischen Berechnungen.
Diese Berechnungen beschäftigen Ermittler und Angehörige der Opfer bis heute.
Zeichnung eines Flugzeugs und Berechnungen zum Sinkflug
Auf einem gelben Notizblatt befand sich eine Skizze eines Flugzeugs zusammen mit mathematischen Formeln.
Nach Einschätzung der Anwälte der 9/11-Familien beschreiben die Berechnungen, welche Höhe und Entfernung ein Flugzeug benötigt, um auf ein bestimmtes Ziel am Boden zuzusteuern.
Jodi Westbrook Flowers, eine Anwältin der Opferfamilien, bezeichnete dieses Dokument gegenüber der BBC als einen entscheidenden Hinweis.
Ein US-Bundesrichter stellte im vergangenen Jahr fest, dass das Dokument zumindest auf den ersten Blick Bayoumi mit Kenntnissen über die Anschläge vom 11. September in Verbindung bringen könne.
Bayoumi erklärte hingegen, er habe die Formel lediglich notiert, weil er sich allgemein für mathematische Gleichungen interessiert habe. Wann er das Dokument geschrieben habe, könne er nicht mehr sagen.
Warum wurde Bayoumi damit nicht konfrontiert?
Besonders brisant ist die Frage, wie FBI und britische Behörden damals mit dem Dokument umgingen.
Bereits am Abend des 22. September 2001 lagen Kopien der Flugzeugzeichnung sowohl dem FBI als auch britischen Anti-Terror-Ermittlern in London vor.
Bayoumi befand sich zu diesem Zeitpunkt nur wenige Meter entfernt in Polizeigewahrsam.
Trotzdem wurden die britischen Ermittler nach Angaben der BBC offenbar nicht angewiesen, Bayoumi zu diesem Dokument zu befragen.
Auch andere Beweismittel wurden bei der Vernehmung nicht vollständig thematisiert.
So verfügten die Behörden zwar über die Paintball-Aufnahmen, doch Bayoumi wurde offenbar weder zu diesem Video noch zu seinen Verbindungen zu Anwar al-Awlaki ausführlich befragt.
Bayoumi wurde nach sieben Tagen freigelassen
Nach damaligem britischem Recht konnten die Ermittler Bayoumi nur sieben Tage ohne Anklage festhalten.
Kurz vor Ablauf dieser Frist nahmen britische Beamte an einer Telefonkonferenz mit hochrangigen Vertretern des FBI und des US-Justizministeriums teil.
Nach Aussagen von Beteiligten legten die britischen Ermittler dar, dass aus ihrer Sicht genügend Material für eine Auslieferung Bayoumis in die Vereinigten Staaten vorhanden sein könnte.
Von amerikanischer Seite wurde jedoch entschieden, keine Auslieferung zu beantragen. Die Beweislage sei nicht ausreichend.
Am 28. September 2001 wurde Bayoumi freigelassen.
Zu diesem Zeitpunkt war ein großer Teil der in Birmingham beschlagnahmten Materialien noch nicht einmal vollständig ausgewertet worden.
FBI-Stellen erhielten wichtige Beweise offenbar nicht
Nach der Freilassung Bayoumis wurden die Ermittlungen fortgesetzt.
Die Flugzeugzeichnung wurde nach Informationen der BBC zur Analyse an die FBI-Niederlassung in New York geschickt.
Was dort genau mit dem Dokument geschah, bleibt jedoch unklar.
Die BBC konnte keine Unterlagen finden, aus denen hervorgeht, wie die Zeichnung ausgewertet wurde und zu welchem Ergebnis die Ermittler kamen.
Auch die FBI-Stelle in San Diego, die Bayoumis Umfeld untersuchte, erhielt offenbar einen Großteil der in Großbritannien beschlagnahmten Beweise nicht.
Rick Lambert, der damals die Ermittlungen in San Diego leitete, erklärte, sein Team habe mehrfach darum gebeten, die Unterlagen aus New York zu erhalten.
Diese Bitten seien weitgehend erfolglos geblieben.
Lambert glaubt, dass seine Ermittler mit vollständigem Zugang zu den Materialien möglicherweise wesentlich schneller Zusammenhänge hätten erkennen können.
Früherer Terrorermittler: „Wir haben Menschen für weniger verurteilt“
Auch frühere Mitarbeiter des US-Justizministeriums zeigen sich heute erstaunt.
Jeffrey Breinholt war damals stellvertretender Leiter der Anti-Terror-Abteilung des Justizministeriums und beaufsichtigte Terrorismusverfahren nach dem 11. September.
Er sagte gegenüber der BBC, Bayoumi sei damals als einer der aussichtsreicheren Kandidaten für eine mögliche Anklage betrachtet worden.
Ein konkreter Anklagevorschlag aus New York sei bei ihm jedoch nie eingegangen.
Hätte er die Flugzeugzeichnung als Beweismittel gesehen, wäre diese aus seiner Sicht von erheblicher Bedeutung gewesen.
Breinholt erklärte sinngemäß, in anderen Fällen seien Menschen auf Grundlage geringerer Beweismengen verurteilt worden.
Auch das Paintball-Video bezeichnete er als besonders aufschlussreich. Vor allem die Anwesenheit Anwar al-Awlakis hätte seiner Ansicht nach sofort Aufmerksamkeit erregen müssen.
Trotzdem wurde Bayoumi nie angeklagt.
Ermittler berichten von Blockaden
Die BBC-Recherchen zeigen außerdem, dass FBI-Agenten bei ihren Untersuchungen saudischer Kontakte Bayoumis auf Widerstände gestoßen sein sollen.
Im Oktober 2001 wollten Ermittler in San Diego mehrere saudische Regierungsvertreter in den Vereinigten Staaten befragen.
Einige von ihnen standen mit dem saudischen Ministerium für islamische Angelegenheiten in Verbindung.
Die Ermittler vermuteten, dass diese Personen möglicherweise bei der Unterstützung von Hazmi und Mihdhar eine Rolle gespielt haben könnten.
Da einige der Betroffenen diplomatischen Schutz genossen, benötigten die Beamten eine Genehmigung der FBI-Zentrale und des US-Außenministeriums.
Diese Genehmigung wurde nach Darstellung des damaligen Ermittlungsleiters nicht erteilt.
Ähnliche Erfahrungen machten Agenten in Los Angeles.
Auch dort wollten Ermittler einen saudischen Religionsdiplomaten befragen, den Bayoumi unmittelbar nach seiner ersten Begegnung mit Hazmi und Mihdhar getroffen hatte.
Die notwendige Erlaubnis sei trotz mehrfacher Anträge nicht erteilt worden.
Das FBI und das US-Außenministerium wollten sich gegenüber der BBC zu diesen Vorgängen nicht äußern.
9/11-Kommission kannte wichtige Beweismittel nicht
Im Oktober 2003 wurde Bayoumi schließlich von der offiziellen 9/11-Kommission in Saudi-Arabien befragt.
Das Gespräch fand in Riad in Anwesenheit saudischer Sicherheitsbeamter statt.
Die Kommission war vom US-Kongress eingesetzt worden, um die Hintergründe der Anschläge umfassend zu untersuchen.
Während der Befragung wurde Bayoumi laut damaligen Aufzeichnungen signalisiert, dass niemand davon ausgehe, er habe die Entführer wissentlich bei ihrem Terrorplan unterstützt.
Bayoumi erklärte, er sei ein friedliebender Mensch und selbst zu einem Opfer der Anschläge und ihrer Folgen geworden.
Im Abschlussbericht der Kommission von 2004 wurde er weitgehend entlastet.
Dort hieß es, es gebe keine Belege dafür, dass Bayoumi extremistische Ansichten vertreten habe.
Doch intern waren offenbar nicht alle Mitarbeiter der Kommission überzeugt.
Einige hielten es durchaus für möglich, dass Bayoumi wusste, dass Hazmi und Mihdhar Verbindungen zu al-Qaida besaßen.
Besonders problematisch erscheint aus heutiger Sicht, dass die 9/11-Kommission mehrere zentrale Beweismittel überhaupt nicht kannte.
Nach Recherchen der BBC sah sie weder die Flugzeugzeichnung noch das Paintball-Video. Auch weitere Unterlagen über mögliche extremistische Ansichten Bayoumis und ein großer Teil der in Birmingham beschlagnahmten Materialien wurden ihr offenbar nicht vorgelegt.
Klage der Opferfamilien gegen Saudi-Arabien
Die neuen Veröffentlichungen sind Teil eines umfangreichen Rechtsstreits von Angehörigen der Opfer des 11. September gegen Saudi-Arabien.
Die Familien verlangen Schadenersatz und argumentieren, saudische Regierungsvertreter beziehungsweise mit dem Staat verbundene Personen hätten die späteren Attentäter unterstützt.
Nachdem ein Gericht 2018 entschieden hatte, dass die Klage weitergeführt werden kann, wurden Tausende Dokumente, Fotos und Videoaufnahmen für das Verfahren zugänglich.
Zusätzliche Unterlagen wurden später aufgrund einer Anordnung des damaligen US-Präsidenten Joe Biden freigegeben.
Saudi-Arabien bestreitet weiterhin jede Beteiligung.
Das Königreich erklärt, Vorwürfe, wonach Saudi-Arabien oder saudische Regierungsvertreter in die Anschläge verwickelt gewesen seien, seien grundsätzlich falsch.
Auch Bayoumi bestreitet, ein saudischer Agent gewesen zu sein oder gewusst zu haben, dass Hazmi und Mihdhar Terroranschläge planten.
25 Jahre später bleiben entscheidende Fragen offen
Fast ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen werfen die neu veröffentlichten Materialien vor allem Fragen über die damaligen Ermittlungen auf.
Warum wurden wichtige Beweismittel nicht an alle beteiligten FBI-Stellen weitergegeben?
Warum erfuhren britische Ermittler während Bayoumis Vernehmung nichts von der möglicherweise bedeutenden Flugzeugzeichnung?
Warum wurde seine Verbindung zu Anwar al-Awlaki damals offenbar nicht umfassend untersucht?
Und warum erhielt die 9/11-Kommission keinen Zugang zu mehreren zentralen Beweismitteln?
Die neuen Videos beweisen für sich genommen nicht, dass Bayoumi von den Anschlagsplänen wusste oder daran beteiligt war.
Sie stellen jedoch frühere Aussagen über seine Kontakte und sein Umfeld infrage.
Für die Angehörigen der fast 3.000 Menschen, die am 11. September 2001 getötet wurden, geht es deshalb nicht nur um mögliche saudische Verbindungen.
Es geht auch um die Frage, ob Hinweise, die bereits kurz nach den Anschlägen vorhanden waren, von den amerikanischen Behörden vollständig und konsequent verfolgt wurden.
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