Zwei Jahre nach ihrem viel diskutierten Auftritt bei den Olympischen Spielen in Paris spricht die australische Breakdancerin Rachael Gunn alias Raygun ausführlich über die Folgen ihres plötzlichen Internet-Ruhms. Ihre ungewöhnliche Performance machte sie 2024 innerhalb weniger Stunden weltweit bekannt – allerdings nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Heute sagt Gunn, sie habe gelernt, mit der Erfahrung Frieden zu schließen. Geholfen hätten ihr dabei vor allem Abstand, intensive Auseinandersetzung mit ihrer psychischen Gesundheit und viel Therapie. Paris sei inzwischen einfach ein Teil ihrer Geschichte, erklärt sie.
Von Olympia zum weltweiten Meme
Raygun trat in Paris im olympischen Breaking-Wettbewerb an und setzte dabei bewusst auf einen ungewöhnlichen, kreativen Stil. Einige ihrer Bewegungen waren von Australien inspiriert – darunter ein Sprung, der an ein Känguru erinnerte.
Sportlich verlief der Wettbewerb allerdings ernüchternd: Gunn verlor ihre drei Duelle jeweils mit 0:18.
Noch während der Spiele verbreiteten sich Ausschnitte ihres Auftritts millionenfach in sozialen Netzwerken. Aus der australischen Olympiateilnehmerin wurde innerhalb kürzester Zeit eines der bekanntesten Internet-Memes der Spiele.
Die Aufmerksamkeit nahm enorme Ausmaße an. Gunn wurde in amerikanischen Unterhaltungssendungen parodiert, in Podcasts diskutiert und sogar bei einem Konzert von Adele erwähnt.
Gleichzeitig kursierten falsche Behauptungen und Verschwörungstheorien darüber, wie sie sich überhaupt für die Olympischen Spiele qualifiziert habe.
Neue Netflix-Dokumentation erzählt ihre Geschichte
Nun steht Gunn im Mittelpunkt einer neuen Netflix-Dokumentation mit dem Titel „Untold Raygun: Breaking Badly“, die am 1. September veröffentlicht werden soll.
Der Film beschäftigt sich mit ihrem Weg zum Breaking, der Qualifikation für Olympia und insbesondere mit den psychischen Folgen des weltweiten Spotts.
Für Gunn ist die Dokumentation auch eine Möglichkeit, ihre eigene Perspektive darzustellen. Nach zwei Jahren habe sie genügend Abstand gewonnen und fühle sich inzwischen stabil genug, über die Ereignisse zu sprechen.
Sie macht dabei deutlich, dass sie sich nicht dauerhaft auf die Rolle eines Internet-Memes reduzieren lassen möchte.
„Es war wie ein Autounfall in Zeitlupe“
Gunn räumt ein, schon vor ihrem Auftritt gewusst zu haben, dass sie sportlich nicht mit den stärksten Konkurrentinnen mithalten konnte.
Kurz vor dem Wettbewerb hatte sie nach eigener Darstellung große Angst davor, sich auf der größten Sportbühne der Welt zu blamieren. In der Dokumentation berichtet sie sogar von einer Panikattacke im Olympischen Dorf.
Rückblickend beschreibt sie die Situation selbst als eine Art „Autounfall in Zeitlupe“. Trotzdem bereut sie ihre Teilnahme nicht.
Es sei ihr wichtig gewesen, kreativ zu sein, ihren eigenen Stil zu zeigen und sich nicht davor zu fürchten, anders zu sein.
Therapie half bei Verarbeitung
Nach den Olympischen Spielen zog sich Gunn zunächst stark zurück.
Sie probierte verschiedene Methoden aus, um mit der Situation umzugehen, darunter Meditation und Achtsamkeitsübungen. Diese hätten ihr allerdings wenig geholfen.
Zeitweise vermied sie sogar das Fitnessstudio, weil sie Angst hatte, dort erkannt zu werden.
Entscheidend sei schließlich die Erkenntnis gewesen, dass sie nicht kontrollieren könne, was andere Menschen über sie schreiben, sagen oder im Internet verbreiten.
Kontrollieren könne sie lediglich ihre eigene Reaktion darauf. Diese Einsicht habe viel Zeit und therapeutische Arbeit benötigt, sei für sie letztlich aber entscheidend gewesen.
Viraler Ruhm wurde zur psychischen Belastung
Besonders eindringlich beschreibt Gunn, wie es sich anfühlte, plötzlich weltweit viral zu gehen.
Sie habe zunächst kaum glauben können, dass ihr Gesicht überall im Internet auftauchte. Die enorme Aufmerksamkeit habe bei ihr ein Gefühl von Angst und Kontrollverlust ausgelöst.
Dabei kritisiert sie auch den Umgang sozialer Netzwerke mit Menschen, die unfreiwillig zu Internetphänomenen werden.
Hinter einem viralen Video stehe schließlich kein erfundener Charakter, sondern ein realer Mensch mit Familie, Freunden, Arbeit und einem eigenen Leben. Nutzer sollten deshalb stärker darüber nachdenken, welche Inhalte sie kommentieren, verspotten oder weiterverbreiten.
Kritik kam auch aus der Breaking-Szene
Nicht nur Internetnutzer kritisierten Gunn.
Auch einige australische Breakdancerinnen äußerten sich enttäuscht über ihre Olympia-Performance. Manche sahen darin sogar eine Belastung für die öffentliche Wahrnehmung ihres Sports.
Gunn zeigt inzwischen Verständnis für diese Reaktionen. Auch andere australische B-Girls seien damals massiv kritisiert und teilweise belästigt worden.
Gleichzeitig hofft sie, dass die neue Dokumentation dazu beiträgt, mehr Menschen für Breaking zu interessieren.
Sie wolle keineswegs die einzige Stimme ihres Sports sein. Vielmehr wünsche sie sich, dass erfolgreiche und erfahrene Breaker stärker in die öffentliche Diskussion einbezogen werden.
Raygun sieht stärkeren Druck auf Frauen
Gunn glaubt außerdem, dass ihr Geschlecht eine Rolle bei der außergewöhnlich heftigen Reaktion gespielt habe.
Sportlerinnen würden ihrer Ansicht nach stärker beurteilt als männliche Athleten – nicht nur wegen ihrer Leistung, sondern auch hinsichtlich Aussehen, Kleidung und Körperform.
Frauen seien häufig entweder zu muskulös oder nicht muskulös genug, zu dünn oder zu kräftig. Diese besondere öffentliche Beobachtung habe ihrer Einschätzung nach auch die Reaktionen auf ihren Olympia-Auftritt verstärkt.
„Das Internet ist nicht die reale Welt“
Heute versucht Raygun, die Erfahrung anders einzuordnen.
Im Internet werde sie weiterhin häufig verspottet. Im persönlichen Kontakt erlebe sie dagegen meist ganz andere Reaktionen.
Deshalb lautet ihre Botschaft an Menschen, die aus Angst vor öffentlichem Spott davor zurückschrecken, etwas Neues auszuprobieren: Online-Reaktionen sollten nicht überbewertet werden.
Wer im Internet Aufmerksamkeit bekomme, habe zumindest etwas getan, das andere Menschen wahrgenommen hätten.
Für Gunn ist der vielleicht wichtigste Unterschied deshalb inzwischen klar:
Das Internet kann sehr laut sein – aber es ist nicht die ganze Realität.
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