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Mahnwache

BruceEmmerling (CC0), Pixabay
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In Washington, mit Blick auf das Weiße Haus, versammelten sich am Samstag mehr als 100 Menschen zu einer stillen, zugleich politisch aufgeladenen Gedenkfeier für Virginia Giuffre. Ein Jahr nach ihrem Tod erinnerten Familie, Freunde und Unterstützer an die Frau, die wie kaum eine andere zur Symbolfigur im Kampf gegen Jeffrey Epstein und dessen Netzwerk geworden war. Der Zeitpunkt war bewusst gewählt: Wenige Stunden vor der Ankunft von König Charles III. und Königin Camilla zu einem Staatsbesuch in den USA erneuerten Weggefährten Giuffres ihre Forderung, das britische Königshaus solle den Überlebenden sexueller Gewalt endlich öffentlich zuhören.

Ihr Bruder Sky Roberts sprach von einer Schwester, die es geschafft habe, »Schmerz in Sinn« zu verwandeln. Giuffre, die Epstein und später auch Prinz Andrew schwer belastete, habe anderen Betroffenen Mut gemacht, sich zu melden. Roberts hatte bereits im Vorfeld an den britischen König appelliert, mit den Überlebenden zu sprechen – notfalls nur für wenige Minuten. Es gehe, so seine Botschaft, nicht um ein politisches Signal, sondern um Anerkennung: darum, zu zeigen, dass hinter den Schlagzeilen echte Menschen stünden.

Auch Giuffres Anwältin Sigrid McCawley nutzte die Mahnwache für deutliche Worte. Dass es nach aktuellem Stand kein Treffen zwischen Charles und den Epstein-Überlebenden geben werde, nannte sie eine verpasste Gelegenheit. Zwar verstehe sie die Sorge, ein solches Treffen könne laufende juristische Verfahren berühren. Doch die Betroffenen, sagte sie, hätten auch ein stilles Zuhören akzeptiert – ohne öffentliche Stellungnahme, ohne rechtliche Einlassung.

Die Kritik richtet sich nicht nur gegen den Palast, sondern auch gegen die symbolische Inszenierung des Staatsbesuchs. Während es offenbar kein direktes Treffen mit Überlebenden geben wird, soll Königin Camilla bei offiziellen Terminen Vertreterinnen von Kampagnen gegen Gewalt an Frauen empfangen. Für viele der Anwesenden reicht das nicht. Eine Teilnehmerin aus Kentucky sagte, wenn die Monarchie künftig relevant bleiben wolle, müsse sie auch mit jenen sprechen, die Gewalt erlebt hätten. Nur so könne sie informierte Entscheidungen treffen und glaubwürdig Aufmerksamkeit schaffen.

Die Mahnwache selbst war mehr als eine Trauerfeier. Zwischen Redebeiträgen, Musik und Performance hielten Aktivisten Schilder mit Aufschriften wie »Survivors are powerful« oder forderten die vollständige Veröffentlichung der Epstein-Akten. Die Botschaft war klar: Giuffres Tod soll nicht das Ende der Aufarbeitung markieren, sondern ihr Antrieb bleiben.

Virginia Giuffre hatte in ihren letzten Jahren immer wieder öffentlich über den Missbrauch gesprochen, den sie nach eigenen Angaben durch Epstein erlitten hatte. Internationale Aufmerksamkeit erhielt sie vor allem durch ihre Vorwürfe gegen den damaligen Prinzen Andrew. Das Verfahren endete mit einem finanziellen Vergleich; Andrew bestritt jede Schuld.

Der demokratische Kongressabgeordnete Jamie Raskin würdigte Giuffre als Frau, die andere Überlebende von Epsteins »alptraumhaftem Menschenhandelsapparat« ermutigt habe, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung, sagte er, sei inzwischen unumkehrbar. Zugleich geißelte er ein System aus Korruption, Privilegien und politischer Gleichgültigkeit, das solche Taten über Jahre begünstigt habe.

Auch andere Betroffene meldeten sich zu Wort. Die Epstein-Überlebende Wendy Pesante sagte, der Tag sei zugleich Gedenken und Mahnung. Man müsse weiter zusammenkommen, weiter reden, weiter Druck machen.

Die Szene in Washington machte deutlich, worum es an diesem Wochenende für viele ging: nicht um royale Symbolik, sondern um die Frage, wer in dieser Geschichte gehört wird – und wer wieder einmal außen vor bleibt.

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