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Luxusproblem Wildnis: Wenn der Hippo am Zelt kratzt und der Gast nach dem Manager ruft

Pexels (CC0), Pixabay
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Abschalten, entschleunigen, eins mit der Natur werden – bis der erste Vogel morgens zwitschert, ein Frosch nachts quakt oder das Meer tatsächlich Wellen macht. Willkommen im neuen Lieblingsgenre des modernen Luxusreisenden: „Off-Grid-Urlaub, aber bitte mit Lautstärkeregler.“

Es gibt Geschichten, die sind so perfekt, dass man sie eigentlich für Satire halten müsste.
Sind sie aber nicht.

Da buchen Menschen ernsthaft eine „Desert Island Survival“-Reise, also eine Art „Cast Away“ mit Rechnungsstellung, lassen sich freiwillig auf einer einsamen tropischen Insel aussetzen – mit Messer, Angelschnur und Abenteuerromantik im Kopf – und schreiben dann nach 24 Stunden SOS in den Sand, weil das mit der Wildnis irgendwie… wild war.

Man muss sich das vorstellen:

Monatelang wahrscheinlich gesagt:
„Wir wollen raus aus dem System.“
Und nach einem Tag dann:
„Entschuldigung, das System soll uns bitte wieder abholen.“

Breaking News: Vögel machen Geräusche

Besonders rührend sind die Beschwerden aus der Welt des sanften Luxus-Abenteuers.

Ein Gast auf den Seychellen war laut Reiseveranstalter unzufrieden, weil er morgens von Vögeln geweckt wurde.

Ja.
Von Vögeln.
Auf den Seychellen.
Nicht von Presslufthämmern. Nicht von einem DHL-Fahrer.
Von Vögeln.

Ein anderer Gast auf den Malediven beschwerte sich darüber, dass sein Overwater-Bungalow zu nah am Meer sei, weil ihn das Geräusch der Wellen wach hielt.

Das ist ungefähr so, als würde man sich in einem Skihotel darüber beschweren, dass da überall Schnee rumliegt.

Der Nilpferd-Skandal

Der vielleicht schönste Fall:
Ein Gast in einem luxuriösen Zeltcamp in Kenia fühlte sich offenbar in seiner inneren Balance gestört, weil ein Nilpferd am Zelt entlangstreifte.

Früher nannte man so etwas „Safari“.
Heute offenbar: unzumutbare Belästigung im Premiumsegment.

Man wartet förmlich auf die nächste Bewertung bei Google:

⭐☆☆☆☆
„Tolle Aussicht, freundliches Personal, aber leider zu viele Tiere in unmittelbarer Tierbeobachtungszone.“

Schwedisch Lappland: Zu viel Ruhe, bitte etwas Verkehrslärm

Auch im hohen Norden wird gelitten.
In einem Iglu-Resort in Schwedisch-Lappland beschwerte sich ein Gast darüber, dass die Stille so intensiv gewesen sei, dass sie ihn wach hielt.

Wahrscheinlich zum ersten Mal im Leben ein Ort, an dem nicht im Hintergrund irgendwo ein Motorroller, ein Martinshorn oder ein Nachbar mit Laubbläser seine Existenz verteidigt.

Aber nein:
Zu ruhig. Zu friedlich. Zu viel Natur.

Der moderne Mensch scheint inzwischen so urban beschädigt, dass er ohne 17 Nebengeräusche nicht mehr schlafen kann.

Thailand: Frösche bitte entfernen

In Thailand wurde es dann endgültig surreal.
In einem nachhaltigen Luxusresort im Wald verlangten Gäste, dass das Personal nachts die Frösche einsammelt, weil deren Quaken störte.

Ja, richtig gelesen.

Nicht die Minibar.
Nicht das WLAN.
Die Frösche.

Man fragt sich unweigerlich:
Soll als Nächstes der Sonnenuntergang leiser eingestellt werden?
Bekommt der Dschungel bald Hausordnung?
Muss der Regen künftig vorher an der Rezeption angemeldet werden?

Instagram wollte Wildnis. Der Mensch wollte Roomservice mit Filter

Das eigentliche Problem ist herrlich modern:
Viele wollen gar nicht wirklich Natur erleben.

Sie wollen nur so aussehen, als hätten sie Natur erlebt.

Das Foto soll sagen:

  • frei
  • mutig
  • reduziert
  • spirituell
  • digital detox
  • eins mit sich selbst

Die Realität sagt dann:

  • Mücke
  • Schweiß
  • Geräusche
  • Sand
  • Tierkontakt
  • kein Flat White in 90 Sekunden

Oder anders gesagt:

Die Leute buchen nicht die Wildnis. Sie buchen das Selbstbild, das sie in der Wildnis gern wären.

Fazit: Der Mensch will raus aus dem Alltag – aber bitte ohne Realität

Die moderne Luxusreisebranche hat ein neues Kernproblem:

Menschen wollen „off-grid“,
meinen aber in Wahrheit:
„on-grid, aber hübscher fotografiert.“

Sie wollen Natur,
aber bitte kuratiert.

Sie wollen Stille,
aber nur mit angenehmem Grundrauschen.

Sie wollen Abenteuer,
aber ohne Unvorhergesehenes.

Sie wollen Wildnis,
aber möglichst ohne Wildtiere.

Kurz gesagt:

Viele Reisende möchten heute offenbar auf eine einsame Insel – solange dort das WLAN stabil ist, die Vögel schweigen, die Frösche deportiert werden und das Nilpferd bitte erst nach dem Checkout vorbeikommt.

Die Natur ist eben wunderschön.
Solange sie sich benimmt.

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