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Leipzig feiert Sensation: Bürger darf ohne Termin zur Behörde und überlebt

Kaufdex (CC0), Pixabay
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In Leipzig ist am Mittwoch etwas passiert, das in normalen Städten vielleicht schlicht „Bürgerservice“ heißen würde. In Leipzig hingegen hatte es den Charakter eines kommunalen Mondflugs: Die Kfz-Zulassungsstelle öffnete für einen Tag ihre Türen – ohne Termin.

Ja, richtig gelesen. Menschen durften spontan in eine Behörde gehen. Einfach so. Ohne vorher wochenlang im Online-Portal nach einem freien Zeitfenster zu suchen wie nach einer günstigen Wohnung in Schleußig. Ohne morgens um 6.59 Uhr mit zitternder Hand auf „Aktualisieren“ zu klicken. Ohne das Gefühl, man wolle nicht ein Auto zulassen, sondern einen Studienplatz in Humanmedizin ergattern.

Der Anlass für dieses Verwaltungs-Woodstock war allerdings weniger romantisch. Seit Monaten gibt es massive Kritik an der Leipziger Kfz-Zulassung. Termine sind knapp, Wartezeiten lang, Autohäuser genervt, Bürger erschöpft. Zwischenzeitlich lagen bei Großkunden rund 1.800 Vorgänge unbearbeitet herum. Ein Stau also nicht auf der B2, sondern im Behördenflur.

Die Stadt reagierte nun mit einem kühnen Experiment: Man ließ die Leute einfach kommen. Eine Idee, so revolutionär, dass man sie früher vermutlich „Öffnungszeiten“ genannt hätte.

Im Technischen Rathaus an der Prager Straße bekamen Besucherinnen und Besucher eine Wartenummer. Dann ging es in den Warteraum, wo etwa 30 Menschen bereits Platz genommen hatten. Für Leipziger Verhältnisse war das kein Andrang, sondern fast schon Wellness. Man saß, wartete, atmete Behördenluft und durfte sich wundern, dass der Vorgang nicht automatisch ins nächste Quartal verschoben wurde.

Der Test zeigte: Es kann funktionieren. Ein neuer Fahrzeugschein war nach rund 45 Minuten erledigt. 45 Minuten! In Leipzig ist das fast schon Expressbearbeitung. Andere warten länger auf eine Straßenbahn mit funktionierender Klimaanlage.

Ordnungsamtsleiter Matthias Laube erklärte die Lage mit dem Klassiker jeder Verwaltung: zu viel Arbeit, zu wenig Personal. Von etwas mehr als 30 Beschäftigten fehlten zuletzt zwölf. Das ist nicht nur eine Lücke, das ist ein Gruppenbild mit Leerstellen. Bei mehr als 270.000 registrierten Fahrzeugen und über 156.000 Vorgängen im vergangenen Jahr wird daraus schnell ein Verwaltungs-Marathon mit angezogener Handbremse.

Zur Entlastung wurden ausgelernte Azubis geschickt, Nordsachsen half mit Amtshilfe, und die Digitalisierung wurde erneut als Zukunft gepriesen. Viele Vorgänge lassen sich inzwischen online erledigen. Das ist schön, solange man kein Anliegen hat, bei dem man doch wieder persönlich erscheinen muss. Dann endet die digitale Zukunft nämlich zuverlässig am Schalter 13.

Besonders hübsch ist nun, dass die Stadt den terminfreien Publikumsverkehr künftig regelmäßig anbieten will. In welchem Umfang, weiß man noch nicht. Es hängt – Überraschung – vom Personal ab. Spätestens im September soll entschieden werden, ob die Terminpflicht grundsätzlich fällt oder ob Leipzig weiter an ausgewählten Tagen die große Freiheit probt.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eine Verwaltung lässt Bürger ohne Termin vorsprechen, und es wird behandelt wie ein Pilotprojekt mit wissenschaftlicher Begleitung. Fehlen nur noch Absperrbänder, Eröffnungsrede und ein kleines Schild: „Heute live: Behörde macht Behördendinge.“

Natürlich darf man fair sein: Wenn ein Drittel des Personals fehlt und die Vorgangszahlen steigen, ist das kein Spaziergang. Aber der Jubel darüber, dass ein Fahrzeugschein in 45 Minuten getauscht werden kann, sagt auch viel über den Zustand des Systems. In einer gesunden Verwaltung wäre das ein normaler Vormittag. In Leipzig ist es offenbar ein Ereignis mit Erlebnisbericht.

Am Ende bleibt ein bemerkenswerter Befund: Man gab den Menschen Wartenummern, setzte genug Personal ein, ließ sie der Reihe nach vorsprechen – und siehe da, die Republik ist nicht zusammengebrochen.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Nachricht: Bürgerkontakt funktioniert manchmal sogar dann, wenn Bürger tatsächlich auftauchen.

Leipzig hat an diesem Mittwoch also nicht nur Fahrzeugscheine ausgegeben. Leipzig hat bewiesen, dass eine Behörde mit offenen Türen keine Naturkatastrophe sein muss. Ein kleiner Schritt für die Zulassungsstelle, ein großer Schritt für alle, die dachten, spontane Verwaltung sei in Deutschland nur noch aus Erzählungen der Großeltern bekannt.

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