Wenn Burkhard Jung eines Tages das Leipziger Rathaus verlässt, wird man vieles aufzählen können: wachsende Stadt, neue Viertel, Kultur, Zuzug, Imagegewinn, Dauerbaustellen, Verwaltungsmodernisierung im Schneckentempo – und am Ende vermutlich vor allem einen ziemlich großen Schuldenberg, der im Neuen Rathaus stehen bleibt wie ein Denkmal ohne Einweihungsrede.
Leipzig war einmal die Stadt, die sich gern als Aufsteigerin erzählte. Dynamisch, jung, kreativ, wachsend. Eine Kommune mit Rekordeinnahmen, Überschüssen und dem Gefühl, dass nach Jahren des Schrumpfens endlich alles möglich sei. Heute klingt die Lage weniger nach Aufbruch und mehr nach Dispo am Anschlag. Die Stadt pfeift, wie Jung selbst sagte, „auf dem letzten Loch“. Das ist immerhin ehrlich. Nur fragt man sich: Wer hat jahrelang daneben gesessen und die Melodie für solide Haushaltsführung gehalten?
Bis 2025 wuchs die Verschuldung auf 1,1 Milliarden Euro. Bis 2028 sollen daraus 1,47 Milliarden Euro werden. Und weil die laufenden Einnahmen nicht einmal mehr reichen, um Sozialausgaben, Gehälter, Kultur, Verwaltung und Kredite zu finanzieren, greift Leipzig zusätzlich zu Kassenkrediten. Ende 2025 waren es 377 Millionen Euro, bald könnte sich diese Summe verdoppeln. In zwei Jahren droht nach den vorliegenden Zahlen eine Gesamtverschuldung von 2,5 Milliarden Euro. Das ist keine Haushaltslücke mehr, das ist ein finanzpolitischer Tagebau.
Natürlich ist nicht alles hausgemacht. Die Kommunen sind chronisch unterfinanziert. Bund und Land bestellen Leistungen, die Städte sollen liefern – und bleiben anschließend auf einem erheblichen Teil der Rechnung sitzen. Leipzig zahlte im vergangenen Jahr 688,8 Millionen Euro für staatlich vorgeschriebene Sozialausgaben und erhielt nur 269,9 Millionen Euro erstattet. Macht 418,9 Millionen Euro Eigenanteil für Aufgaben, die sich die Stadt nicht freiwillig ausgedacht hat. Das Prinzip „Wer bestellt, bezahlt“ wurde offenbar durch „Wer vor Ort ist, hat Pech“ ersetzt.
Doch dieser Hinweis darf nicht zur Generalamnestie werden. Wer viele Jahre eine wachsende Stadt regiert, trägt Verantwortung dafür, wie belastbar Strukturen, Verwaltung und Haushalt aufgestellt sind. Leipzig hat lange von Wachstum gelebt, aber nicht ausreichend dafür gesorgt, dass dieses Wachstum finanziell und organisatorisch abgefedert wird. Jetzt ist die Party vorbei, und jemand muss feststellen, dass die Rechnung nicht nur offen, sondern verzinst ist.
Die Folgen werden bitter. Der Stadtrat wird künftig weniger verteilen können. Investitionen werden gekürzt, Stellen gestrichen, Projekte verschoben. Tilgung und Zinsen fressen Spielräume auf. Ab 2029 soll allein die Tilgung auf über 80 Millionen Euro steigen. Hinzu kommen 77 Millionen Euro Zinsen. Geld, das dann nicht in Schulen, Straßen, Bürgerdienste, Kultur, Sport, Sicherheit oder Digitalisierung fließt, sondern in die Bedienung vergangener Entscheidungen.
Und damit stellt sich die eigentliche Frage: Was kann ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin überhaupt noch bewegen?
Die ehrliche Antwort lautet: weniger, als im Wahlkampf versprochen werden wird. Wer nach Jung übernimmt, bekommt keine weiße Leinwand, sondern ein vollgekritzeltes Haushaltsbuch. Große Visionen werden zunächst an der Realität der Kassenlage zerschellen. Neue Projekte? Nur mit Gegenfinanzierung. Mehr Personal? Schwierig. Bessere Bürgerdienste? Gerne, aber bitte ohne Stellen. Mehr Investitionen? Natürlich, sobald der Kreditrahmen wieder atmet.
Der nächste Oberbürgermeister oder die nächste Oberbürgermeisterin wird nicht einfach gestalten, sondern vor allem sortieren müssen: Was ist Pflicht, was ist Luxus, was ist politisch schön, aber finanziell tot? Die Verwaltung wird effizienter werden müssen, nicht als Schlagwort, sondern aus purer Not. Der Stadtrat wird Verteilungskämpfe erleben, bei denen jede Million wirkt wie ein Erbstreit um die letzte funktionsfähige Kaffeemaschine.
Gleichzeitig wird Leipzig weiter Erwartungen bedienen müssen. Die Stadt wächst, braucht Schulen, Kitas, bezahlbaren Wohnraum, funktionierende Ämter, Verkehrsinfrastruktur, soziale Angebote und kulturelle Vielfalt. Nur leider wächst der Geldbeutel nicht im gleichen Tempo. Leipzig ist damit in der unangenehmen Lage eines Gastgebers, der immer mehr Gäste einlädt, aber irgendwann merkt, dass der Kühlschrank leer ist und die Stromrechnung offensteht.
Was also bleibt von Burkhard Jung? Ein Oberbürgermeister, der Leipzig durch wichtige Jahre des Wachstums führte, aber auch einer, unter dessen Amtszeit die Stadt in eine Finanzlage rutschte, die seinen Nachfolger politisch fesseln wird. Er hinterlässt keine Ruine, aber ein Rathaus mit eingebauter Schuldenbremse im Kopf. Keine Stadt ohne Zukunft, aber eine Stadt, in der Zukunft erst einmal bezahlt werden muss.
Vielleicht wird man später sagen: Jung war der Oberbürgermeister des großen Leipziger Aufstiegs. Vielleicht wird man ergänzen müssen: und des noch größeren Kassensturzes.
Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird dann das undankbare Amt übernehmen, aus Versprechen Prioritäten zu machen und aus Prioritäten Streichlisten. Gestalten kann man auch in der Krise. Aber in Leipzig wird Gestaltung künftig wohl öfter bedeuten: erklären, warum etwas nicht geht.
Das ist nicht gerade die glamouröseste politische Erbschaft. Aber immerhin eine ehrliche: Leipzig hat viele Träume – und jetzt auch die Mahnungen dazu.
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