In Singapur gilt Klimaanlage fast als Grundrecht. Jetzt aber kommt der große Schweiß-Schock: Wegen der Energiekrise infolge des Iran-Kriegs dreht der Stadtstaat die Temperatur hoch – und testet damit die wohl empfindlichste nationale Gewohnheit überhaupt: die Liebe zur eiskalten Dauer-Klimaanlage.
Die Regierung hat Staatsbedienstete angewiesen, die Klimaanlagen in öffentlichen Büros künftig auf mindestens 25 Grad einzustellen. Dazu kommen LED-Lampen, intelligente Sensoren und strengere Vorgaben bei der Nutzung von Strom. Kurz gesagt: In Singapurs Amtsstuben wird ab sofort nicht mehr arktisch, sondern nur noch tropisch gearbeitet.
Für viele dürfte das ein echter Kulturschock sein. Denn Singapur ist in Asien berüchtigt für seinen fast schon fanatischen Einsatz von Klimaanlagen. In Büros ist es oft so kalt, dass Mitarbeiter Pullis oder Strickjacken mitbringen. Einkaufszentren sind praktisch komplett klimatisiert, Busse und Bahnen sowieso. Selbst beim Vorbeigehen an Mall-Eingängen bekommen Passanten regelmäßig eine Gratis-Dusche aus Polarluft ins Gesicht.
Und zuhause? Da läuft die Aircon in vielen Wohnungen gern auch mal die ganze Nacht durch.
Jetzt heißt es plötzlich: Weniger Frost, mehr Vernunft. Das Umweltministerium erklärte, die Regierung wolle beim Energiesparen „mit gutem Beispiel vorangehen“. Hintergrund ist die angespannte Lage auf den Weltenergiemärkten, weil durch den Krieg im Nahen Osten wichtige Lieferketten getroffen wurden. Besonders kritisch: Die Straße von Hormus, durch die ein großer Teil des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports läuft, ist seit Kriegsbeginn faktisch blockiert.
Für Singapur ist das heikel. Rund zwei Drittel der Rohölimporte des Stadtstaats kommen laut US-Daten aus dem Nahen Osten. Entsprechend steigen nun auch die Spritpreise – und die Regierung warnt bereits vor weiteren wirtschaftlichen Verwerfungen.
Die Rechnung hinter der neuen Temperatur-Regel klingt simpel, aber schmerzhaft für alle Frost-Fans: Jedes Grad mehr spart etwa 10 Prozent Energie. Deshalb sollen Beschäftigte auch öfter Ventilatoren nutzen und möglichst mit Bus oder Bahn fahren, um Treibstoff zu sparen. Unternehmen und Bürger werden ebenfalls aufgerufen, mitzumachen.
Singapur ist damit nicht allein. In ganz Asien greifen Regierungen zu Notmaßnahmen. Thailand bittet seine Bürger, Klimaanlagen auf 26 bis 27 Grad zu stellen und mehr Fahrgemeinschaften zu bilden. Die Philippinen haben wegen explodierender Spritpreise sogar den Arbeitsrhythmus in Behörden verändert und als erstes Land den nationalen Energienotstand ausgerufen. Südkorea startet Energiesparkampagnen mit Tipps wie kürzer duschen und Waschmaschinen nur am Wochenende laufen lassen.
Dabei ist ausgerechnet in Singapur die Klimaanlage fast Staatsdoktrin. Staatsgründer Lee Kuan Yew hatte einst gesagt, Aircon habe das Leben in den Tropen verändert – und die Effizienz des öffentlichen Dienstes überhaupt erst möglich gemacht. Seine Botschaft damals: Erst die Klimaanlage, dann der Fortschritt.
Jetzt lautet die neue Staatsdoktrin offenbar: Erst schwitzen, dann sparen.
Noch hat Singapur keine strategischen Reserven angezapft und auch keine Rationierung eingeführt. Aber die Botschaft ist klar: Selbst im vielleicht am stärksten klimatisierten Land Asiens ist plötzlich Schluss mit Tiefkühl-Modus.
Kurz gesagt: Wenn in Singapur die Klimaanlage hochgedreht wird, ist die Krise wirklich heiß.
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