Startseite Allgemeines Kanadas mächtige Milchbranche gerät ins Visier von Donald Trump
Allgemeines

Kanadas mächtige Milchbranche gerät ins Visier von Donald Trump

geralt (CC0), Pixabay
Teilen

Kanadas Milchwirtschaft gilt im Land als politisch nahezu unantastbar. Kaum ein anderes Agrarthema ist so eng mit nationaler Identität, ländlichen Regionen und dem Schutz heimischer Produzenten verbunden. Doch genau dieses System ist nun erneut ins Visier von Donald Trump geraten.

Der US-Präsident nennt Kanadas sogenanntes Supply-Management-System, also die staatlich regulierte Steuerung von Produktion, Preisen und Importquoten bei Milch, Eiern und Geflügel, als einen der zentralen Streitpunkte im Handel mit Kanada. Trump bezeichnet das System als unfair gegenüber amerikanischen Landwirten, die ihre Produkte stärker auf dem kanadischen Markt verkaufen wollen.

Der Konflikt gewinnt an Schärfe, weil Trump eine Sonderbelastung von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar angekündigt hat. Die Maßnahme soll im August in Kraft treten. Neben anderen Streitpunkten steht die kanadische Milchpolitik dabei besonders im Mittelpunkt.

Kanada verteidigt sein System entschlossen. Politikerinnen und Politiker verweisen darauf, dass das Supply Management Bauern stabile Einkommen sichere und Verbrauchern eine verlässliche Versorgung mit hochwertigen heimischen Produkten garantiere. Besonders in Québec, der wichtigsten Milchprovinz des Landes, gilt jeder Angriff auf dieses System als politisch heikel. Die dortige Premierministerin Christine Fréchette machte bereits deutlich, dass die Versorgungspolitik im Milchsektor nicht verhandelbar sei.

Auch Kanadas Handelsminister Dominic LeBlanc stellte klar, das System sei ein Grundpfeiler der kanadischen Wirtschaft und der ländlichen Gemeinden. Es sorge dafür, dass kanadische Verbraucher Zugang zu qualitativ hochwertigen Milchprodukten aus heimischer Produktion hätten.

Das System besteht seit den frühen 1970er-Jahren. Landwirte verfügen über Produktionsquoten, die festlegen, wie viel Milch sie erzeugen dürfen. Die Preise werden von Vermarktungsgremien in den Provinzen festgelegt. Ausländische Produkte dürfen nur in begrenztem Umfang zollfrei oder zu niedrigen Zollsätzen eingeführt werden. Wer diese Quoten überschreitet, muss mit extrem hohen Abgaben rechnen, die teils zwischen 200 und knapp 300 Prozent liegen. Für ausländische Anbieter wird der kanadische Markt dadurch wirtschaftlich nur schwer zugänglich.

Aus amerikanischer Sicht ist das ein großes Ärgernis. US-Produzenten haben derzeit zollfreien Zugang zu lediglich 3,5 Prozent des kanadischen Marktes. Gleichzeitig ist Kanada bereits ein wichtiger Käufer amerikanischer Milchprodukte. Nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums importierte Kanada 2025 Milchprodukte im Wert von rund 1,3 Milliarden US-Dollar aus den Vereinigten Staaten.

Amerikanische Landwirte drängen dennoch seit Langem auf mehr Marktzugang. Hintergrund ist auch eine hohe Milchproduktion in den USA, die den heimischen Verbrauch übersteigt. Der Markt nördlich der Grenze mit rund 40 Millionen Verbrauchern ist für US-Produzenten deshalb besonders attraktiv.

Kritik an Kanadas System kommt nicht nur von Trump. Auch die Regierung von Joe Biden hatte Kanadas Milchquotenregelungen im Rahmen des nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA angefochten. Großbritannien brach 2024 Handelsgespräche mit Kanada ab, unter anderem wegen Streitigkeiten über zollfreien Zugang für britische Käsehersteller. Zudem kritisiert die OECD das System, weil es Produktion und Handel verzerre.

Auch innerhalb Kanadas gibt es Gegner. Einige Ökonomen und Kommentatoren halten das System für überholt. Sie argumentieren, es verteuere Grundnahrungsmittel wie Milch und Eier künstlich und belaste Verbraucher in einer Zeit, in der die Lebenshaltungskosten ohnehin stark gestiegen sind. Nach aktuellen Daten kostete ein Liter Milch in Kanada im Mai durchschnittlich 3,19 kanadische Dollar. In den USA lag der vergleichbare Preis bei umgerechnet 1,95 kanadischen Dollar.

Befürworter widersprechen. Sie sehen im Supply Management einen Schutz vor Preisschwankungen und internationalen Krisen. David Wiens, Milchbauer in dritter Generation und Präsident der Dairy Farmers of Canada, verweist darauf, dass die Preise für Milchprodukte in Kanada stabiler seien als viele andere Lebensmittelpreise. Das System schütze die Ernährungssouveränität des Landes und sichere die Existenz heimischer Betriebe.

Zudem genießt das Modell in der Bevölkerung breite Unterstützung. Umfragen zufolge sprechen sich rund 77 Prozent der Kanadier dafür aus, das System beizubehalten. Viele Verbraucher wollen lokale Landwirte schützen und keine billigeren amerikanischen Milchprodukte kaufen. In Leserbriefen und öffentlichen Debatten wird immer wieder deutlich, dass die Verteidigung der heimischen Landwirtschaft für viele Kanadier auch eine Frage nationaler Selbstbestimmung ist.

Für die Politik ist das Thema deshalb hochriskant. Milchbauern gelten als eine der einflussreichsten Agrarlobbys des Landes. Sie haben in der Vergangenheit bereits mit Traktoren und Vieh vor dem Parlament demonstriert, wenn Handelszugeständnisse drohten. Experten halten es daher für unwahrscheinlich, dass eine kanadische Regierung das System kurzfristig grundlegend verändert.

Hinzu kämen hohe Kosten. Sollte Kanada das Supply Management abschaffen, müsste die Regierung die Milchbauern voraussichtlich mit Milliardenbeträgen entschädigen. Andere Länder sind ähnliche Wege gegangen: Australien finanzierte den Übergang mit einer zeitlich begrenzten Milchabgabe für Verbraucher, die Europäische Union erhöhte ihre Quoten schrittweise, bevor sie sie 2015 abschaffte.

In Kanada jedoch scheint eine solche Reform derzeit politisch kaum durchsetzbar. Der Streit mit Trump bringt zwar neuen Druck auf das System, doch er stärkt zugleich jene Kräfte, die es als Symbol kanadischer Eigenständigkeit verteidigen. Damit wird die Milchpolitik einmal mehr zu einem Prüfstein für das Verhältnis zwischen Kanada und den USA – und für die Frage, wie weit ein Land gehen will, um seine Bauern vor dem Weltmarkt zu schützen.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Schalke04 braucht keine Rentner-Romantik – Schalke braucht Kämpfer!

Glück auf, Schalker! Edin Džeko hat uns mit seinen Toren beim Aufstieg...

Allgemeines

Burnham stellt sich auf Konfrontation mit Trump ein: „Britanniens Interessen stehen an erster Stelle“

Der neue britische Premierminister Andy Burnham schlägt gegenüber US-Präsident Donald Trump einen...

Allgemeines

US-Gericht wirft Trumps Briefwahl-Erlass vorerst in den falschen Briefkasten

Ein US-Berufungsgericht hat einen Erlass von Präsident Donald Trump zur Verschärfung der...

Allgemeines

Social-Media-Verbot: Gute Absicht, schwierige Umsetzung

Der geplante stärkere Schutz von Kindern und Jugendlichen vor den schädlichen Auswirkungen...