Kanada gönnt sich offenbar jetzt auch ein bisschen nationales Chaos. In Alberta soll im Oktober darüber abgestimmt werden, ob die Provinz weiter zu Kanada gehören möchte oder lieber schon mal vorsichtig Richtung Eigenständigkeit abbiegt. Premierminister Mark Carney reagierte darauf ungefähr so begeistert wie ein Feuerwehrmann bei einem Grillfest im Chemiewerk und nannte das Ganze einen „gefährlichen Bluff“.
Besonders pikant: Carney kennt sich mit solchen Abstimmungen aus. Er war nämlich während des Brexit Chef der Bank of England und durfte live miterleben, wie ein Land erst „Take back control!“ ruft und sich danach jahrelang fragt, was genau es eigentlich zurückgenommen hat.
Jetzt warnt er Alberta davor, denselben Fehler zu machen. Viele Menschen würden bei solchen Abstimmungen glauben, sie würden nur „ein Zeichen setzen“. Das Ende vom Lied sei dann aber oft, dass plötzlich wirklich jemand das Ergebnis ernst nimmt. Genau so lief es bekanntlich auch beim Brexit: Erst dachten viele Briten, das sei bloß eine Art Denkzettel für Brüssel – und ein paar Jahre später standen alle an der Grenze und suchten ihre Tomatenlieferung.
In Alberta wiederum fühlen sich viele Bürger seit Jahren von Ottawa übergangen. Vor allem die Öl- und Gasindustrie sieht sich durch Umweltauflagen ausgebremst. Kurz gesagt: Alberta ist für Kanada ungefähr das, was der Nachbar mit großem Pickup und Freiheitsflagge für jede Wohnsiedlung ist.
Über 300.000 Menschen unterschrieben bereits eine Petition für die Abstimmung. Dann erklärten Gerichte das Ganze erst einmal für problematisch, weil indigene Gruppen nicht ausreichend beteiligt worden seien. Also beschloss Albertas Premierministerin Danielle Smith sinngemäß: „Dann machen wir halt trotzdem weiter.“
Immerhin möchte Smith offiziell dafür werben, dass Alberta in Kanada bleibt. Das ist ungefähr so beruhigend, wie wenn ein Pilot vor dem Start erklärt: „Keine Sorge, ich plane eigentlich keine Notlandung.“
Laut Umfragen wollen die meisten Albertaner ohnehin in Kanada bleiben. Aber genau das sagte man in Großbritannien vor dem Brexit ja bekanntlich auch ziemlich lange.
Carney versucht deshalb nun, die Bevölkerung an die Vorteile eines geeinten Kanadas zu erinnern. Vermutlich mit dem stillen Zusatz: „Bitte schaut euch einfach kurz an, wie das in Großbritannien gelaufen ist.“
Denn die eigentliche Lehre aus Brexit scheint heute zu sein: Niemals unterschätzen, wie viele Menschen aus Protest auf einen Knopf drücken – und erst später merken, dass das kein Online-Voting für die Lieblingsband war.
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