Es war einmal, nicht weit hinter den sieben Banken und gleich neben den drei Aufsichtsbehörden, ein Mann namens Helmuti Kalteneggi.
Helmuti war kein gewöhnlicher Kaufmann. Nein, er hatte etwas erfunden, woran vor ihm offenbar noch niemand gedacht hatte: Gold mit Rabatt.
Während andere Menschen Gold teuer kauften, wollte Helmuti es seinen Kunden günstiger geben. Wie das genau funktionieren sollte, verstand zwar nicht jeder. Aber das lag, wie Helmuti überzeugt war, nicht am Konzept.
Es lag an den anderen.
An den bösen Medien.
An den bösen Finanzaufsichtsbehörden.
An den besonders bösen Staatsanwälten.
Und vermutlich auch am Wetter.
Das Gold, das natürlich da war
„Wo ist denn das ganze Gold?“, fragten manche Kunden.
„Es ist da“, sagte Helmuti.
„Wo genau?“, fragten die Ungläubigen.
„Dort, wo Gold eben ist“, antwortete Helmuti geheimnisvoll.
Und weil dies ein Märchen ist, war natürlich für jeden Kunden genügend Gold vorhanden. Es glänzte in geheimen Hallen, lag in unsichtbaren Tresoren und wartete nur darauf, eines Tages entdeckt, ausgeliefert oder zumindest erneut erklärt zu werden.
Leider verstanden die Behörden diese moderne Form der Edelmetallpoesie nicht.
Sie stellten Fragen nach Verträgen, Zahlungsströmen, Eigentumsnachweisen und Rückzahlungen. Manchmal fielen sogar so garstige Wörter wie „Schneeballsystem“ oder „Betrug“.
Da bekam der Chronist dieser Geschichte sofort Schnappatmung.
Wie konnte man nur?
Helmuti wollte doch bloß Gold mit Rabatt unter die Leute bringen. Robin Hood hatte schließlich auch keine Konzession der Finanzmarktaufsicht, und trotzdem wurde über ihn wesentlich freundlicher geschrieben.
Die undankbare Welt
Jahrelang, so empfand es Helmuti, arbeiteten alle gegen ihn.
Die Medien schrieben Berichte, anstatt einfach die Werbebroschüren abzudrucken.
Die Aufsichtsbehörden prüften, anstatt ehrfürchtig zu applaudieren.
Und die Staatsanwaltschaft stellte Fragen, als wäre das Stellen von Fragen plötzlich ihr Beruf.
In Wien war es ungemütlich geworden. In Vaduz ebenfalls.
Überall wollten die Menschen Belege sehen. Dabei hätte ein wenig Vertrauen vollkommen gereicht.
Denn was ist schon eine Bilanz gegen einen festen Glauben?
Was ist ein Kontoauszug gegen eine Vision?
Und was ist eine ausstehende Auszahlung gegen die Gewissheit, dass eines Tages bestimmt alles gut wird?
Auf nach Mauritius
Also packte Helmuti seine Koffer.
Nach Wien verließ er nun auch Vaduz. Sein Weg führte ihn nach Mauritius, jenes sagenhafte Land, in dem Milch und Honig fließen, Palmen im Wind rauschen und möglicherweise weniger Menschen fragen, in welchem Tresor das Kundengold eigentlich liegt.
Dort wollte Helmuti endlich beweisen, dass er immer recht gehabt hatte.
Dass sein Konzept großartig war.
Dass alle Kunden selbstverständlich ihr Geld zurückbekommen würden.
Vielleicht heute.
Vielleicht morgen.
Vielleicht in einem späteren Kapitel dieses Märchens.
Auf Mauritius sollte niemand mehr über komplizierte Dinge wie Konzessionen, Prospekte oder Mittelverwendung sprechen. Dort würde man endlich erkennen, was Europa nicht verstehen wollte:
Helmuti war kein gewöhnlicher Geschäftsmann.
Er war ein Visionär.
Ein Goldflüsterer.
Der Robin Hood der kleinen Anleger.
Er nahm das Geld nicht den Armen weg. Nein, er bewahrte es nur besonders langfristig für sie auf.
Die bösen Zweifler
Zurück blieben Kunden, Journalisten und Behörden.
Sie standen ratlos vor leeren Schreibtischen, offenen Fragen und der gelegentlichen Hoffnung auf eine Rückzahlung.
„Vielleicht haben wir ihn wirklich missverstanden“, sagte einer.
„Vielleicht war das Gold bloß metaphorisch gemeint“, sagte ein anderer.
Ein Dritter fragte, ob Metaphern eigentlich versichert seien.
Doch Helmuti hörte sie nicht mehr. Er saß längst unter einer Palme, blickte über den Indischen Ozean und arbeitete an seinem nächsten großen Konzept:
Diamanten zum Freundschaftspreis.
Natürlich nur für ausgewählte Kunden.
Und selbstverständlich vollkommen sicher.
Ein Platz unter den großen Unverstandenen
Helmuti, tröste dich.
Viele große Männer wurden zu Lebzeiten missverstanden.
Casanova wurde für einen Frauenhelden gehalten.
Ronald Biggs für einen Räuber.
Robin von Sherwood für einen Gesetzesbrecher.
Und du wurdest womöglich bloß für einen Mann gehalten, der erklären sollte, wo Geld und Gold geblieben sind.
Wie ungerecht die Geschichte doch sein kann.
Aber Märchen enden bekanntlich immer gut. Deshalb bekommen in diesem Märchen natürlich alle Kunden ihr Geld zurück, alle Goldbestände werden gefunden und sämtliche Fragen vollständig beantwortet.
Die Behörden entschuldigen sich.
Die Medien drucken Widerrufe.
Und Helmuti wird zum Ritter des goldenen Rabatts geschlagen.
Ob es außerhalb des Märchens genauso ausgeht, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.
Und die Moral von der Geschichte
Wer Gold verspricht, sollte Gold besitzen.
Wer Geld annimmt, sollte erklären können, wohin es geflossen ist.
Und wer von allen missverstanden wird, sollte vielleicht irgendwann nicht nur die anderen, sondern auch sein eigenes Konzept noch einmal überprüfen.
Helmuti, mach’s gut.
Möge auf Mauritius endlich jeder deine Vision verstehen.
Und mögen die Kunden nicht nur an dich glauben müssen, sondern eines Tages tatsächlich ihr Geld wiedersehen.
Denn selbst im schönsten Märchen ist Vertrauen gut.
Ein belegbarer Kontostand ist besser.
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