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Jürgen Klopp als Bundestrainer? Begeisterung allein löst das deutsche Fußballproblem nicht

salazar24875 (CC0), Pixabay
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Jürgen Klopp kann Pressekonferenz. Das hat er bei seiner Vorstellung als neuer Bundestrainer wieder einmal gezeigt. Er redet frei, emotional, bildhaft, mit Wucht. Er kann Menschen mitnehmen. Er kann Sätze sagen, die hängen bleiben. Und natürlich kann er Begeisterung erzeugen. Genau deshalb dürfte beim DFB jetzt erst einmal Erleichterung herrschen.

Aber Begeisterung ist noch kein Konzept.

Der DFB hat Jürgen Klopp als Wunschlösung präsentiert. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sprach von einem einstimmigen Votum der Gremien, Klopp soll mit seinem Trainerteam bis 2030 arbeiten. Peter Krawiec, Pep Leijnders und Sven Bender gehören zu seiner Co-Trainer-Riege. Gleichzeitig wurde Per Mertesacker als künftiger Geschäftsführer Sport ab dem 1. Januar 2027 bestätigt.

Und genau hier beginnt für mich die entscheidende Unterscheidung: Per Mertesacker halte ich für eine sehr gute Lösung. Jürgen Klopp in dieser Position dagegen nicht.

Mertesacker kommt nicht als Lautsprecher, nicht als Heilsbringer und nicht als Motivationsrakete. Er kommt als jemand, der Struktur kennt. Beim DFB soll es künftig nicht nur um die A-Nationalmannschaft gehen, sondern auch um die Frauen-Nationalmannschaft, die U-Teams und vor allem um Nachwuchs, Talentförderung und den Bereich von Hannes Wolf. Genau dieser umfassende sportliche Zuständigkeitsbereich soll unter Mertesackers Federführung gebündelt werden.

Das ist der richtige Ansatz. Denn das Problem des deutschen Fußballs sitzt tiefer als auf der Trainerbank der A-Nationalmannschaft.

Jürgen Klopp hat in Mainz, Dortmund und Liverpool Großartiges geleistet. Das muss man gar nicht kleinreden. Aber er war dort Vereinstrainer. Und als Vereinstrainer konnte er mitentscheiden, welche Spieler kommen, welche Spieler gehen und welche Mannschaft nach seinen Vorstellungen zusammengestellt wird. Wenn ein Spielertyp fehlte, konnte man ihn suchen. Wenn eine Position schwach besetzt war, konnte man auf dem Transfermarkt reagieren. Wenn eine Idee neue Spieler brauchte, konnte man versuchen, diese Spieler zu verpflichten – egal, ob sie aus Deutschland, Frankreich, England, Holland, Afrika oder Südamerika kamen.

Als Bundestrainer geht das nicht.

Jürgen Klopp kann sich keine neuen deutschen Flügelspieler kaufen. Er kann keinen Kylian Mbappé einbürgern, keinen Ousmane Dembélé verpflichten und keinen Erling Haaland aus Versehen zum Deutschen machen. Er muss mit dem arbeiten, was der deutsche Fußball hergibt. Und genau dort liegt das Problem.

Klopp selbst hat in der Pressekonferenz den entscheidenden Punkt angesprochen. Auf die Frage, ob Deutschland so gut sei wie Frankreich, stellte er sinngemäß klar, dass Deutschland nicht dieselbe Anzahl an Spielern wie Dembélé, Mbappé, Doué oder Barcola habe. Natürlich könne man Frankreich trotzdem schlagen, aber man müsse auf eigene Art spielen.

Das klingt ehrlich. Aber es bestätigt auch die Sorge: Deutschland hat nicht das Talentreservoir der ganz großen Fußballnationen. Nicht in der Breite. Nicht auf allen Schlüsselpositionen. Und erst recht nicht automatisch auf Weltklasse-Niveau.

Genau daran sind schon Hansi Flick und Julian Nagelsmann gescheitert. Beide hatten Ideen. Beide wollten etwas verändern. Beide wollten Tempo, Struktur, Intensität, Dominanz. Am Ende stießen beide an die Grenzen eines Systems, das seit Jahren zu wenig absolute Unterschiedsspieler hervorbringt.

Der deutsche Fußball redet gerne über Mentalität, Haltung, Leidenschaft und Turniergeist. Das klingt gut, ersetzt aber keine Außenverteidiger, keine echten Eins-gegen-eins-Spieler, keine kreativen Flügelspieler, keine Weltklasse-Mittelstürmer und keine verlässliche Achse. Wer international dauerhaft ganz oben mitspielen will, braucht nicht nur Stimmung. Er braucht Spieler.

Klopp sagte, er wolle mit Flügeln spielen, weil dort im modernen Fußball oft die Spielmacher seien. Genau dieser Satz ist richtig – und gleichzeitig brutal für Deutschland. Denn wo sind sie denn, die deutschen Flügelspieler, die auf höchstem internationalen Niveau regelmäßig Spiele entscheiden? Wo ist die Breite, aus der man schöpfen kann? Wo ist die Selbstverständlichkeit, mit der Frankreich, Spanien oder England Offensivtalente nachschieben?

Natürlich wird Klopp die Nationalmannschaft emotionalisieren. Natürlich wird er die Kabine erreichen. Natürlich wird er die Öffentlichkeit besser abholen als viele andere. Aber die entscheidende Frage lautet: Reicht das?

Ich glaube: nein.

Klopp ist ein großartiger Vereinstrainer. Vielleicht einer der besten seiner Generation. Aber der Job des Bundestrainers ist ein anderer. Hier geht es nicht darum, über Jahre hinweg täglich mit einer Mannschaft zu arbeiten, Automatismen einzuschleifen und den Kader durch Transfers zu formen. Hier geht es um wenige Lehrgänge, kurze Vorbereitungszeit, komplizierte Belastungssteuerung, verletzte Spieler, Vereinsinteressen und einen Pool, der nun einmal begrenzt ist.

Klopp selbst räumte ein, dass er den Alltag als Bundestrainer noch gar nicht genau kenne und sich erst vollständig in diese Aufgabe hineinfinden müsse. Er werde Spiele schauen, Spieler treffen und Kontakte aufbauen. Das ist sympathisch ehrlich, aber eben auch ein Hinweis darauf, dass hier ein Mann eine Rolle übernimmt, die mit seinem bisherigen Berufsleben nur begrenzt vergleichbar ist.

Was mich stört, ist der Reflex, Klopp nun als große Erlösungsfigur zu feiern. Als könnte der DFB ein jahrzehntelanges Strukturproblem einfach mit Charisma zukleistern. Als müsse nur der richtige Mann mit Basecap auftreten, und plötzlich wachsen wieder Weltklassespieler auf Bäumen.

So funktioniert Fußball nicht.

Gerade deshalb halte ich Per Mertesacker für die spannendere Personalie. Mertesacker hat bei Arsenal jahrelang im Nachwuchsbereich gearbeitet. Er weiß, wie Talententwicklung modern organisiert werden muss. Er kennt den internationalen Vergleich. Er steht weniger für große Worte, sondern eher für Aufbauarbeit. Und genau die braucht der deutsche Fußball dringender als die nächste emotionale Aufbruchsrhetorik.

Die Nationalmannschaft ist nur das Schaufenster. Wenn hinten im Laden nichts mehr produziert wird, hilft auch die schönste Beleuchtung im Schaufenster nicht.

Klopp kann kurzfristig Energie bringen. Mertesacker kann langfristig Strukturen verändern. Und wenn der DFB wirklich klug ist, macht er nicht Klopp zum alleinigen Mittelpunkt dieser neuen Ära, sondern gibt Mertesacker die Macht, den Nachwuchs, die Ausbildung, die Spielidee und die Talentförderung grundlegend neu zu ordnen.

Denn die bittere Wahrheit lautet: Deutschland fehlt es nicht an Trainernamen. Deutschland fehlt es an Talenten, die im Erwachsenenfußball regelmäßig auf höchstem Niveau prägen. Klopp wird daran dieselben Schwierigkeiten haben wie Nagelsmann und Flick. Er kann motivieren, er kann organisieren, er kann emotionalisieren. Aber er kann keine Spieler herbeizaubern, die das System nicht hervorgebracht hat.

Deshalb bleibe ich skeptisch.

Jürgen Klopp ist der lautere Name. Per Mertesacker könnte die wichtigere Lösung sein.

Wenn der DFB das versteht, kann aus dieser Personalentscheidung vielleicht doch etwas entstehen. Wenn nicht, erleben wir nur das nächste deutsche Fußballmärchen: großer Auftritt, schöne Worte, volle Pressekonferenz – und am Ende wieder die Erkenntnis, dass man Weltklasse nicht herbeireden kann.

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