Deutschland hat Finnland mit 4:0 geschlagen – und ganz Fußball-Deutschland befindet sich bereits wieder in der traditionellen WM-Phase zwischen „vorsichtiger Hoffnung“ und „wir holen das Ding“.
Nach zwei Weltmeisterschaften mit historischem Vorrunden-Tourismus reicht inzwischen offenbar schon ein überzeugender Sieg gegen Finnland, damit irgendwo in Deutschland heimlich wieder Autokorsos geplant werden.
Besonders begeistert zeigte sich Deniz Undav, der gleich doppelt traf und zusätzlich noch einen Assist lieferte. Der Stuttgarter wirkte dabei zeitweise so spielfreudig, als hätte ihm jemand vor dem Spiel gesagt:
„Du bist heute kurzzeitig Gerd Müller.“
Auch Florian Wirtz traf nach einem finnischen Abwehrfehler, der ungefähr so stabil wirkte wie deutsches WLAN im ICE.
Und dann kam natürlich noch Jamal Musiala zurück. Nach 14 Monaten Länderspielpause betrat der Bayern-Star den Platz, traf prompt zum 4:0 – und sofort begann deutschlandweit wieder die gefährlichste Phase jedes Turniers:
der kollektive Größenwahn.
Plötzlich klingt alles wieder möglich:
„Mit Musiala kann uns jeder schlagen.“
„Undav ist eigentlich Weltklasse.“
„Nagelsmann hat da wirklich was entwickelt.“
„Diesmal fliegen wir garantiert nicht in der Vorrunde raus.“
Man kennt das Ritual inzwischen.
Noch vor wenigen Monaten diskutierte das Land darüber, ob die Nationalmannschaft überhaupt noch irgendeine Identität besitzt. Jetzt reichen 15 gute Minuten gegen Finnland und halb Deutschland sucht schon wieder vorsorglich nach günstigen Flügen fürs WM-Finale.
Trainer Julian Nagelsmann dürfte das freuen. Acht Siege in Serie lesen sich schließlich deutlich besser als „historische Krise“. Selbst Manuel Neuer durfte entspannt zuschauen und vermutlich innerlich denken:
„Vielleicht muss ich die nächste WM-Katastrophe diesmal wenigstens nicht alleine erklären.“
Natürlich sollte man das Ergebnis trotzdem leicht einordnen. Finnland war defensiv ungefähr so widerstandsfähig wie ein Pappkarton im Monsunregen. Aber genau solche Kleinigkeiten ignoriert man in Deutschland traditionell gern, sobald die Nationalelf mal mehr als zwei Pässe hintereinander spielt.
Jetzt wartet noch ein Testspiel gegen die USA, bevor es bei der WM gegen Curaçao, Ecuador und die Elfenbeinküste ernst wird. Also genau die Art von Gruppe, bei der Deutschland normalerweise entweder souverän durchmarschiert – oder in drei Wochen wieder Grundsatzdebatten über Nachwuchsarbeit, Mentalität und die Bundesliga führt.
Aber bis dahin gilt selbstverständlich:
Jetzt werden wir Weltmeister. Wieder einmal.
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