Die Bank of Japan (BOJ) hat ihren Leitzins erneut angehoben und damit den höchsten Stand seit 1995 erreicht. Der Zinssatz steigt von 0,75 auf 1,0 Prozent. Hintergrund sind vor allem die gestiegenen Energiepreise infolge des Krieges mit dem Iran sowie die anhaltenden Inflationssorgen.
Es ist ein weiterer Schritt in einer geldpolitischen Kehrtwende, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schien. Über zwei Jahrzehnte lang hatte Japan nahezu Nullzinsen beibehalten, um Deflation und schwaches Wirtschaftswachstum zu bekämpfen.
Ende einer Ära der Nullzinsen
Nach dem Platzen der japanischen Immobilien- und Aktienblase in den 1990er-Jahren senkte die Notenbank die Zinsen drastisch. Jahrzehntelang kämpfte das Land mit fallenden Preisen, schwacher Nachfrage und stagnierender Wirtschaft.
Erst im März 2024 leitete die Zentralbank eine Wende ein und erhöhte erstmals seit 17 Jahren wieder die Zinsen. Mit der jetzigen Entscheidung setzt sie diesen Kurs fort.
Der Japan-Experte Jesper Koll sieht darin eine Rückkehr zur Normalität. Nach mehr als 20 Jahren Deflation befinde sich Japan inzwischen wieder in einem Umfeld steigender Preise. Die außergewöhnlichen Krisenmaßnahmen der Vergangenheit seien daher nicht länger notwendig.
Energiepreise treiben Inflation
Besonders die stark gestiegenen Öl- und Gaspreise belasten die japanische Wirtschaft. Das rohstoffarme Land ist in hohem Maße auf Energieimporte aus dem Nahen Osten angewiesen.
Die Großhandelspreise lagen im Mai mehr als sechs Prozent über dem Vorjahresniveau und stiegen damit so stark wie seit drei Jahren nicht mehr. Die allgemeine Inflationsrate lag zuletzt bei 1,4 Prozent und damit zwar noch unter dem offiziellen Zielwert der Notenbank von zwei Prozent, dennoch wächst der Druck auf die Währungshüter.
Schwieriger Balanceakt für die Notenbank
Die Zentralbank steht vor einer komplexen Aufgabe. Höhere Zinsen können helfen, die Inflation einzudämmen und den japanischen Yen zu stärken. Gleichzeitig verteuern sie Kredite für Unternehmen, Verbraucher und den Staat.
Hinzu kommt, dass Japans Staatsverschuldung zu den höchsten weltweit zählt. Steigende Finanzierungskosten könnten deshalb langfristig neue Herausforderungen mit sich bringen.
Zentralbankchef fehlt wegen Krankheit
Bemerkenswert ist, dass Zentralbankchef Kazuo Ueda an der entscheidenden Sitzung nicht persönlich teilnehmen konnte. Er befindet sich derzeit wegen einer Leberzyste in medizinischer Behandlung.
Dennoch hatte Ueda in den vergangenen Wochen mehrfach signalisiert, dass weitere Zinserhöhungen möglich seien, falls die Risiken steigender Preise die Gefahren für die Wirtschaft überwiegen.
Regierung hält sich zurück
Ministerpräsidentin Sanae Takaichi hatte Zinserhöhungen in der Vergangenheit eher skeptisch gesehen und stattdessen auf höhere Staatsausgaben gesetzt. Seit ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr hat sie die geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank jedoch nicht öffentlich kritisiert.
Die aktuelle Anhebung war von vielen Beobachtern bereits erwartet worden, nachdem die BOJ den Leitzins im Dezember auf rund 0,75 Prozent angehoben hatte.
Yen soll stabilisiert werden
Ein weiteres Ziel der Zinserhöhung ist die Stärkung des Yen. Die japanische Währung stand zuletzt gegenüber dem US-Dollar und dem Euro unter Druck.
Wirtschaftsexpertin Ulrike Schaede von der University of California sieht in der Maßnahme auch einen Versuch, den Yen wieder attraktiver zu machen. Viele Marktteilnehmer hätten zuletzt den Eindruck gewonnen, dass die japanische Währung deutlich unterbewertet sei.
Im internationalen Vergleich weiterhin niedrige Zinsen
Trotz der jüngsten Anhebung bleibt das Zinsniveau in Japan im Vergleich zu anderen großen Volkswirtschaften niedrig. In den USA und Großbritannien liegen die Leitzinsen derzeit bei über drei Prozent.
Dennoch könnte die Entscheidung der Bank of Japan nach Ansicht von Experten ein Hinweis auf eine breitere Veränderung der weltweiten Geldpolitik sein. Nach Jahren extrem lockerer Maßnahmen kehren immer mehr Notenbanken schrittweise zu höheren Zinsen zurück.
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