In London wächst das Interesse an Investitionen in die venezolanische Ölindustrie. Bei einer Veranstaltung mit rund 200 Vertretern aus der Energiebranche wurde deutlich, dass zahlreiche Unternehmen und Investmentgesellschaften neue Geschäftsmöglichkeiten in dem südamerikanischen Land prüfen.
Noch vor wenigen Monaten wäre ein solcher Schritt kaum vorstellbar gewesen. Nach der Absetzung des damaligen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar änderten sich jedoch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ausländische Investoren hoffen nun auf einen leichteren Zugang zu den gewaltigen venezolanischen Ölvorkommen.
Greig Gilbert, Geschäftsführer der Investmentgesellschaft Apertura Energy, sprach von einem sich öffnenden Zeitfenster. Sein Unternehmen plant größere Investitionen in die stark geschwächte Ölindustrie des Landes. Apertura änderte nach dem politischen Umbruch seinen Namen und richtete seine Geschäftsstrategie neu auf Venezuela aus.
Das Treffen in London galt zugleich als Vorbereitung auf eine größere Energiekonferenz, die im Oktober in Caracas stattfinden soll. Neben Investmentfirmen nahmen auch Rohstoffhändler sowie Öl- und Gasunternehmen teil.
Venezuela verfügt nach Angaben im Ausgangstext über rund 300 Milliarden Barrel nachgewiesene Erdölreserven. Damit besitzt das Land die größten bekannten Reserven der Welt. Gleichzeitig befindet sich die Infrastruktur vieler Förderanlagen und Raffinerien in einem schlechten Zustand.
Unter der amtierenden Präsidentin Delcy Rodríguez wurden offenbar Reformen eingeleitet, die ausländischen Unternehmen mehr Einfluss ermöglichen. Die bisherige Vorgabe, wonach der staatliche Ölkonzern PDVSA bei Gemeinschaftsprojekten grundsätzlich die Mehrheit halten musste, wurde gelockert.
Private Unternehmen können dadurch Ölfelder direkter betreiben, größere Anteile an Projekten übernehmen und einen höheren Teil der Gewinne behalten. Für internationale Investoren erhöht dies die wirtschaftliche Attraktivität.
Auch die USA haben einige Sanktionen gelockert. Dadurch wurde es amerikanischen Unternehmen erleichtert, venezolanisches Rohöl zu handeln und zu exportieren. Nach Angaben des Energieanalyseunternehmens Vortexa exportierte Venezuela im vergangenen Monat rund 28 Millionen Barrel Rohöl. Das entsprach einem Anstieg von fast 69 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Mehr als die Hälfte der venezolanischen Ölexporte ging demnach zuletzt in die Vereinigten Staaten. Raffinerien an der US-Golfküste sind besonders gut für die Verarbeitung des schweren venezolanischen Rohöls geeignet.
Vor dem politischen Umbruch war China der wichtigste Abnehmer. Inzwischen spielt auch Indien eine bedeutende Rolle und soll ungefähr ein Viertel der Exporte beziehen. Weitere Lieferungen gehen unter anderem nach Spanien und in die Niederlande.
US-Präsident Donald Trump erklärte, seine Regierung habe seit der Festnahme Maduros mehr als 13 Milliarden US-Dollar durch den Verkauf venezolanischen Öls eingenommen. Die Erlöse sollen nach Angaben der US-Regierung auf von den Vereinigten Staaten kontrollierten Konten verwahrt und später an Venezuela zurückgegeben werden. Demokratische Abgeordnete fordern jedoch mehr Transparenz über die Verwaltung dieser Gelder.
Trotz des wachsenden Interesses bleiben die Risiken für Investoren erheblich. Jahrzehntelange Wirtschaftskrisen, Sanktionen und fehlende Wartung haben die Ölindustrie stark geschwächt. Viele Anlagen müssen umfassend modernisiert oder vollständig erneuert werden.
Auch frühere Enteignungen belasten das Vertrauen internationaler Unternehmen. Der US-Ölkonzern ExxonMobil gehörte zu mehreren ausländischen Firmen, deren Vermögenswerte im Jahr 2007 vom venezolanischen Staat übernommen wurden.
ExxonMobil-Chef Darren Woods bezeichnete Venezuela deshalb zu Jahresbeginn als praktisch nicht investierbar. Die Erinnerung an frühere Enteignungen dürfte für viele Konzerne eine zentrale Rolle bei ihren Entscheidungen spielen.
Hinzu kommt die politische Unsicherheit. Obwohl die derzeitige Regierung ausländischen Unternehmen entgegenkommt, könnten spätere politische Veränderungen neue Regeln, höhere Abgaben oder erneute staatliche Eingriffe mit sich bringen.
Auch die Folgen eines schweren Erdbebens im Juni erschweren nach Darstellung des Ausgangstextes die wirtschaftliche Erholung und erhöhen die Unsicherheit für Unternehmen.
Der Wiederaufbau der Ölindustrie dürfte enorme Summen erfordern. Homayoun Falakshahi vom Analyseunternehmen Kpler schätzt, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren Investitionen von 50 bis 100 Milliarden US-Dollar notwendig sein könnten.
Neue Projekte würden zudem wahrscheinlich erst nach mehreren Jahren messbare Ergebnisse liefern. Ölunternehmen müssten deshalb langfristig investieren und bereit sein, politische, rechtliche und wirtschaftliche Risiken zu tragen.
Trotz aller Schwierigkeiten sehen einige Investoren eine seltene Chance. Venezuelas große Ölreserven, gelockerte Sanktionen und neue Beteiligungsmöglichkeiten könnten erhebliche Gewinne ermöglichen.
Ob sich diese Hoffnungen erfüllen, hängt jedoch davon ab, ob das Land stabile rechtliche Bedingungen schafft, die Infrastruktur modernisiert und ausländischen Unternehmen langfristige Sicherheit bietet. Der venezolanische Ölsektor eröffnet große Chancen – bleibt aber eines der riskantesten Investitionsfelder der internationalen Energiewirtschaft.
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