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Der Krieg hinterlässt ein gläsernes Spinnennetz über der Ukraine

TheDigitalArtist (CC0), Pixabay
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Über Feldern, in Baumkronen und zwischen zerstörten Häusern ziehen sich hauchdünne Fäden durch die ukrainische Landschaft. Im Sonnenlicht wirken sie beinahe harmlos. Doch sie sind die Hinterlassenschaft einer neuen Form der Kriegsführung – und möglicherweise der Beginn eines Umweltproblems, dessen wahres Ausmaß erst Jahre später sichtbar werden wird.

Es handelt sich um Leitungen glasfaser- oder kunststofffasergeführter Drohnen. Anders als herkömmliche Drohnen werden diese Fluggeräte nicht ausschließlich per Funk gesteuert. Während ihres Einsatzes rollen sie kilometerlange, extrem dünne Kabel ab, über die Bild- und Steuerungssignale übertragen werden. Dadurch sind sie weitgehend gegen elektronische Störmaßnahmen geschützt.

Was militärisch einen Vorteil bietet, bleibt anschließend in der Natur zurück.

Die Fäden hängen in Sträuchern, wickeln sich um Äste, liegen auf Äckern und verschwinden langsam in Böden und Gewässern. Einzelne Drohnen können Kabel von zehn oder 20 Kilometern Länge mitführen. Entlang der Front sind dadurch ausgedehnte, kaum sichtbare Netze entstanden. Reuters berichtete aus den Frontregionen Donezk, Charkiw und Saporischschja von Kabeln, die sich über Felder, Bäume und Dächer ziehen.

Wenn Vogelnester zu Kriegsdokumenten werden

Ein besonders verstörendes Bild zeigt, wie tief der Krieg bereits in die Natur eingedrungen ist: Vögel verwenden die zurückgelassenen Fasern inzwischen zum Nestbau.

Forscher untersuchen Nester, die aus Gras und Drohnenkabeln geflochten wurden. Eines davon soll als Zeugnis des Krieges in einem Museum in Kyjiw aufbewahrt werden. Was zunächst wie eine erstaunliche Anpassungsleistung der Tiere wirkt, ist zugleich ein Warnsignal.

Die Fäden können sich um Beine, Flügel und Hälse wickeln. Tiere könnten sich verletzen, bewegungsunfähig werden oder verenden. Wissenschaftler weisen zugleich darauf hin, dass noch nicht ausreichend untersucht ist, welche Arten besonders gefährdet sind und wie häufig solche Fälle tatsächlich auftreten.

Aus einem Gegenstand der Telekommunikation ist ein nahezu unsichtbares Fangnetz geworden.

Gefahr für Tiere und Landwirtschaft

Auch für Säugetiere, Weidetiere und bodennah lebende Arten können die Fasern zum Problem werden. Erste Berichte und vorläufige Untersuchungen nennen Verhedderungen sowie die mögliche Aufnahme von Kabelteilen durch Nutztiere. Dichte Ansammlungen könnten außerdem Bewegungswege von Wildtieren beeinträchtigen.

Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen drohen weitere Schwierigkeiten. Die dünnen Leitungen können sich in Maschinen, Reifen und Achsen verfangen. Für Bauern bedeutet das nicht nur ein technisches Problem. In ehemaligen Kampfgebieten lässt sich häufig nicht sofort erkennen, ob ein Faden lediglich von einer Drohne stammt oder ob er in der Nähe von Minen und nicht explodierter Munition liegt.

Die Kabel werden dadurch auch zu einer Herausforderung für die spätere Räumung und Wiederbewirtschaftung des Landes. Fachleute warnen, dass die Fäden humanitäre Minenräumarbeiten erschweren könnten. Sie können Einsatzgeräte behindern und den ohnehin gefährlichen Zugang zu kontaminierten Flächen weiter verkomplizieren.

Die ukrainische Erde muss nach dem Krieg deshalb nicht nur von Minen, Granaten, Treibstoff und Metallschrott befreit werden. Sie muss möglicherweise auch von Millionen Kilometern kaum sichtbarer Fasern gereinigt werden.

Glas, Kunststoff und eine ungeklärte Langzeitgefahr

Der Begriff Glasfaserkabel kann täuschen. Nicht jede verwendete Drohnenleitung besteht ausschließlich aus Glas. Je nach Bauart kommen auch Kunststofffasern, Ummantelungen und verschiedene Polymerbeschichtungen zum Einsatz.

Genau darin liegt eine weitere Sorge. Unter Sonne, Frost, Regen, landwirtschaftlicher Bearbeitung und mechanischer Belastung können die Materialien mit der Zeit zerbrechen und in immer kleinere Bestandteile zerfallen. Wissenschaftler untersuchen, ob daraus Mikro- und Nanoplastik sowie langlebige Polymerfasern entstehen können.

Eine 2026 veröffentlichte Vorabstudie versucht erstmals, die mögliche Materialmenge und die langfristige Freisetzung von Mikrofasern abzuschätzen. Die dort genannten Zahlen sind jedoch mit erheblichen Unsicherheiten verbunden und noch nicht abschließend wissenschaftlich überprüft.

Gesichert ist bislang vor allem: Die Leitungen sind auf Langlebigkeit ausgelegt, bauen sich nur langsam ab und verteilen sich über sehr große Flächen. Die genauen Folgen für Bodenorganismen, Pflanzenwachstum, Grundwasser und Nahrungsketten sind dagegen noch nicht ausreichend erforscht.

Diese Ungewissheit darf kein Grund zur Entwarnung sein.

Sie ist ein Grund, jetzt zu handeln.

Eine Landschaft, die zweimal verwundet wird

Der Krieg zerstört die Natur nicht nur durch Explosionen und Brände. Er verändert Flussläufe, verseucht Böden, zerstört Wälder und zwingt Tiere aus ihren Lebensräumen.

Die Glasfaserfäden stehen für eine zweite, leisere Verwundung.

Eine Rakete schlägt sichtbar ein. Ein Waldbrand ist aus der Ferne zu erkennen. Ein Ölteppich lässt sich fotografieren. Die dünnen Leitungen dagegen sind fast unsichtbar. Sie können noch vorhanden sein, wenn die Waffen längst schweigen und die Aufmerksamkeit der Welt weitergezogen ist.

Dann werden Bauern auf ihre Felder zurückkehren. Kinder werden wieder in Wäldern spielen. Tiere werden ihre alten Lebensräume aufsuchen. Minenräumer werden Zentimeter für Zentimeter prüfen müssen, was unter Gras und Erde verborgen liegt.

Zwischen all dem werden die Fäden bleiben.

Umweltschutz darf nicht erst nach dem Frieden beginnen

Es wäre realitätsfern zu verlangen, dass sich eine angegriffene Ukraine aus Umweltschutzgründen gegen militärisch wirksame Technologien entscheidet. Für die Verteidiger des Landes geht es um das Überleben von Menschen und um die Abwehr eines Angriffs.

Doch gerade deshalb muss die ökologische Folge dieser Technik schon heute dokumentiert werden.

Benötigt werden Karten belasteter Gebiete, Angaben zu den verwendeten Materialien, einheitliche Erfassungsmethoden und sichere Verfahren zur Entfernung. Hersteller sollten verpflichtet werden, die genaue Zusammensetzung ihrer Spulen offenzulegen. Wo technisch möglich, müssen besser auffindbare, weniger langlebige oder leichter wiederverwertbare Materialien entwickelt werden.

Auch die Kostenfrage darf nicht verdrängt werden. Die Beseitigung der Hinterlassenschaften muss Teil künftiger Wiederaufbau- und Entschädigungsprogramme sein. Die Ukraine darf mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden.

Das unsichtbare Erbe des Drohnenkrieges

Vielleicht werden spätere Generationen auf diese Landschaften blicken und sich fragen, warum niemand früher gehandelt hat.

Warum man zugelassen hat, dass Felder und Wälder mit kaum sichtbaren Fasern überzogen wurden.

Warum man erst aufräumte, als sich Tiere darin verfingen, Maschinen beschädigt wurden und die Leitungen längst in kleinere Partikel zerfallen waren.

Die Glasfaserfäden sind nur ein kleiner Teil der gewaltigen Umweltzerstörung dieses Krieges. Doch gerade ihre Unsichtbarkeit macht sie gefährlich.

Sie zeigen, dass moderne Kriege nicht enden, wenn der letzte Schuss gefallen ist.

Sie bleiben in der Erde.

In den Bäumen.

In den Nestern der Vögel.

Und möglicherweise über Jahrzehnte in den Ökosystemen eines Landes, das noch lange nach dem Frieden mit den Folgen dieses Krieges leben muss.

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