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Die Union am Scheideweg: Was ein Ende der Brandmauer bedeuten würde – und wie CDU/CSU wieder Volkspartei werden könnten

Tumisu (CC0), Pixabay
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Die Diskussion über Friedrich Merz greift zu kurz. Ein Kanzlerwechsel könnte der CDU kurzfristig neue Aufmerksamkeit verschaffen. Er würde aber das grundlegende Problem nicht beseitigen.

Denn die Krise der Union ist inzwischen größer als die Frage, wer im Kanzleramt sitzt.

Bei der Bundestagswahl 2025 erreichten CDU und CSU zusammen noch 28,6 Prozent. Die AfD kam auf 20,8 Prozent. Im ARD-DeutschlandTrend von Anfang September 2026 liegt die AfD bundesweit bei 27 Prozent, CDU/CSU nur noch bei 21 Prozent. Gleichzeitig waren lediglich 15 Prozent mit der Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung zufrieden. Friedrich Merz erreichte bei der Bewertung seiner Arbeit nur 13 Prozent Zustimmung.

Noch dramatischer ist das Ergebnis in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026: Die AfD erreichte 43,8 Prozent, die CDU 17,2 Prozent. Es war das schlechteste CDU-Ergebnis in der Geschichte des Landes.

Das ist kein gewöhnliches Personalproblem mehr.

Es ist eine Krise des politischen Geschäftsmodells der Union.

Die eigentliche Frage lautet nicht: Merz oder ein anderer?

Ein neuer Parteivorsitzender oder Bundeskanzler könnte vielleicht für sechs oder zwölf Monate einen Neustart erzeugen. Aber sobald der neue Kanzler dieselben Konflikte, dieselben Koalitionszwänge, dieselben ungelösten Probleme und dieselbe politische Kommunikation vorfindet, würde auch seine Popularität wahrscheinlich sinken.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Welche gesellschaftliche Funktion soll CDU/CSU in Deutschland künftig erfüllen?

Jahrzehntelang war die Antwort relativ klar.

Die Union war gleichzeitig Partei der Unternehmer und der Facharbeiter, der Bauern und der Angestellten, der Kirchenverbundenen und des bürgerlichen Mittelstands, der Städte und des ländlichen Raums.

Genau das bedeutete Volkspartei.

Eine Volkspartei versucht nicht, eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe maximal zu mobilisieren. Sie verbindet unterschiedliche Interessen zu einem gesellschaftlichen Kompromiss.

Genau diese Integrationsfähigkeit ist verloren gegangen.

Meine Theorie: Deutschland hat kein Veränderungsproblem, sondern ein Verlustproblem

Die These, die Deutschen seien inzwischen reine Besitzstandswahrer, enthält einen wichtigen Punkt. Ich würde sie aber etwas verändern.

Deutschland ist weniger eine Gesellschaft geworden, die Veränderungen grundsätzlich ablehnt, als eine Gesellschaft, die Verluste außerordentlich stark fürchtet.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Eine aktuelle Befragung nach der Sachsen-Anhalt-Wahl illustriert das sehr gut. Nur gut ein Fünftel der Befragten wollte auf Sozialreformen grundsätzlich verzichten. 59 Prozent wollten jedoch Änderungen an den geplanten Reformen. Gleichzeitig wollten drei Viertel den abschlagsfreien Renteneintritt nach 45 Versicherungsjahren erhalten.

Das bedeutet:

Die Bevölkerung sagt nicht unbedingt: „Verändert nichts.“

Sie sagt eher:

„Verändert etwas – aber sorgt dafür, dass ich anschließend nicht schlechter dastehe.“

Diese Haltung ist politisch enorm wichtig.

Ein 58-Jähriger mit Eigenheim und Arbeitsplatz hat andere Ängste als ein 28-Jähriger ohne Wohnungseigentum.

Aber beide können Verlustängste haben.

Der eine fürchtet um Rente, Arbeitsplatz, Sicherheit und Wert seines Hauses.

Der andere fürchtet, niemals denselben Lebensstandard erreichen zu können wie die Generation seiner Eltern.

Eine Volkspartei müsste beide Perspektiven zusammenbringen.

Genau hier könnte eigentlich die historische Stärke der CDU liegen

Konservatismus muss nicht bedeuten, Veränderungen zu verhindern.

Ein moderner konservativer Gedanke könnte vielmehr lauten:

Wir verändern das Land, damit das erhalten werden kann, was erhaltenswert ist.

Das wäre etwas völlig anderes als politische Immobilität.

Die Rentenversicherung muss reformiert werden, gerade damit es weiterhin eine verlässliche Rente gibt.

Die Industrie muss modernisiert werden, gerade damit Deutschland Industrieland bleibt.

Migration muss gesteuert werden, damit gesellschaftliche Akzeptanz für notwendige Einwanderung erhalten bleibt.

Der Sozialstaat muss verändert werden, damit er finanzierbar bleibt.

Verwaltung muss digitalisiert werden, damit ein handlungsfähiger Staat erhalten bleibt.

Energiepolitik muss wirtschaftlicher werden, damit Klimaschutz politisch und industriell durchgehalten werden kann.

Das wäre eine Form von bewahrender Modernisierung.

Und genau darin könnte ein neues Alleinstellungsmerkmal der Union liegen.

Was würde passieren, wenn CDU und CSU die Brandmauer zur AfD einreißen?

Zunächst muss man den Begriff „Brandmauer“ auseinandernehmen.

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob CDU-Politiker mit AfD-Politikern sprechen, ob parlamentarische Anträge unabhängig voneinander gleich abgestimmt werden, ob eine Minderheitsregierung von AfD-Stimmen abhängig wird oder ob CDU und AfD gemeinsam eine Regierung bilden.

Der CDU-Parteitagsbeschluss von 2018 lehnt „Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit“ mit der AfD ab. Friedrich Merz hält an dieser grundsätzlichen Position bislang fest.

Markus Söder bezeichnete die bisherige Brandmauer-Strategie nach dem Ergebnis in Sachsen-Anhalt zwar als gescheitert, hält aber ebenfalls am Nein zu einer Kooperation mit der AfD fest.

Damit beginnt das eigentliche Dilemma.

Theorie 1: Ein Abriss der Brandmauer könnte kurzfristig Druck von der CDU nehmen

Besonders im Osten könnte ein Teil der Wähler einen Kurswechsel als Anerkennung der politischen Realität betrachten.

Wenn eine Partei 30, 35 oder sogar mehr als 40 Prozent erreicht, entsteht zwangsläufig die Frage, wie dauerhaft Mehrheiten gegen sie organisiert werden können.

Nach der Sachsen-Anhalt-Wahl sprach sich ungefähr die Hälfte der bundesweit Befragten dafür aus, die AfD stärker in die politische Arbeit einzubeziehen.

Das ist ein wichtiges Signal.

Es bedeutet allerdings nicht automatisch, dass diese Menschen eine CDU-AfD-Koalition wünschen.

„Einbeziehen“ kann auch heißen: Ausschussvorsitze akzeptieren, parlamentarische Verfahren normal behandeln, mit gewählten Abgeordneten sprechen oder Anträge nach ihrem Inhalt bewerten.

Hier liegt vermutlich die erste Veränderung, die ohnehin stattfinden wird: Die politische Isolation wird bei einer Partei mit 30 oder 40 Prozent Stimmenanteil immer schwerer organisatorisch aufrechtzuerhalten sein.

Theorie 2: Eine CDU-AfD-Koalition wäre eine wesentlich größere Zäsur

Eine echte Regierungskoalition hätte dagegen völlig andere Folgen.

Ein Teil der konservativen Wähler könnte sagen: Endlich entsteht eine rechte beziehungsweise bürgerlich-konservative Mehrheit.

Damit könnte die CDU möglicherweise einige Wähler zurückgewinnen, die in den vergangenen Jahren zur AfD gewechselt sind.

Aber gleichzeitig würde die CDU ein enormes Risiko eingehen.

Sie könnte Wähler der politischen Mitte verlieren, insbesondere jene, die wirtschaftlich konservativ oder gesellschaftlich moderat sind, aber eine Regierungsbeteiligung der AfD ablehnen.

Noch im Juni 2026 hielten 63 Prozent der Befragten die Ablehnung einer politischen Zusammenarbeit zwischen CDU und AfD für richtig. Unter den Anhängern der Union waren es sogar 79 Prozent.

Genau deshalb wäre ein vollständiges Einreißen der Brandmauer für die CDU keine einfache mathematische Addition von CDU- und AfD-Stimmen.

Es könnte gleichzeitig neue Stimmen rechts gewinnen und Stimmen in der Mitte verlieren.

Das noch größere Risiko: Die CDU könnte die AfD damit nicht schwächen, sondern legitimieren

Hier liegt meiner Ansicht nach der strategisch interessanteste Punkt.

Viele Befürworter einer Öffnung argumentieren:

Wenn die AfD einmal mitregieren müsse, könne sie nicht mehr einfach protestieren. Dann müsse sie Verantwortung übernehmen und werde entzaubert.

Das ist möglich.

Aber das Gegenteil ist genauso möglich.

Wenn eine CDU-AfD-Regierung einigermaßen funktioniert, könnte ein AfD-Wähler anschließend sagen:

„Seht ihr, die Warnungen waren übertrieben. Die AfD kann regieren.“

Damit hätte die CDU ihren wichtigsten Konkurrenten rechts von sich selbst regierungsfähig gemacht.

Wenn die Regierung dagegen scheitert, ist ebenfalls nicht garantiert, dass die CDU profitiert.

Die AfD könnte behaupten, die CDU habe echte Veränderungen verhindert.

Die CDU wäre dann Juniorpartner bei der Normalisierung der AfD und gleichzeitig wieder ihr Gegner.

Das ist eine asymmetrische Gefahr.

Deshalb könnte der Abriss der Brandmauer paradoxerweise die CDU stärker gefährden als die AfD

Solange eine klare Trennung besteht, kann die Union argumentieren:

Wir sind die konservative Regierungsalternative innerhalb des bestehenden demokratischen und europäischen Ordnungsmodells.

Fällt diese Trennung vollständig weg, muss ein konservativer Wähler irgendwann fragen:

Warum soll ich die CDU wählen, wenn ich das Original rechts daneben wählen kann?

Dieses Problem kennt man aus anderen Parteiensystemen.

Wenn eine etablierte Partei versucht, eine populistische Konkurrenz hauptsächlich dadurch zu bekämpfen, dass sie deren Themen, Sprache und Positionierung übernimmt, kann sie deren Themen gleichzeitig legitimieren.

Die Union muss deshalb Wähler der AfD zurückgewinnen, ohne selbst zur AfD zu werden.

Das ist wesentlich schwieriger als einfach die Brandmauer abzureißen.

Sachsen-Anhalt zeigt das eigentliche Problem

Vor der Wahl hatte die CDU dort nicht nur Stimmen verloren.

Sie hatte vor allem Problemlösungskompetenz verloren.

2021 trauten noch rund 40 Prozent der Sachsen-Anhalter der CDU am ehesten zu, die wichtigsten Probleme des Landes zu lösen. Im Juli 2026 waren es nur noch 16 Prozent. Der AfD trauten es dagegen 36 Prozent zu.

Das ist entscheidend.

Menschen wählen nicht dauerhaft eine Volkspartei, weil sie eine andere Partei ausgrenzt.

Sie wählen sie, weil sie glauben:

Diese Partei kann das Land regieren.

Wenn dieses Vertrauen verschwindet, hilft weder ein neuer Vorsitzender noch eine neue Brandmauer-Debatte.

Genau deshalb wäre ein Austausch des Kanzlers allein tatsächlich zu wenig

Auch die aktuellen Bundeszahlen zeigen das.

Die Union besitzt zwar beim Thema Wirtschaft weiterhin den höchsten Kompetenzwert, aber nur noch 24 Prozent schreiben ihr dort die größte Kompetenz zu. Bei Asyl und Flüchtlingspolitik liegt die AfD inzwischen mit 26 Prozent vor der Union. Im Osten wird der AfD bei fast allen abgefragten Politikfeldern mehr Kompetenz zugeschrieben als jeder anderen Partei; die Ausnahme ist Klima und Umwelt.

Das ist für eine ehemalige Volkspartei wesentlich gefährlicher als schlechte persönliche Umfragewerte eines Kanzlers.

Ein Vorsitzender lässt sich austauschen.

Verlorenes Kompetenzvertrauen muss über Jahre zurückgewonnen werden.

Wie könnte CDU/CSU wieder Volkspartei werden?

Der Ausgangspunkt müsste sein, nicht mehr zuerst darüber nachzudenken, welche Partei rechts oder links Stimmen verliert, sondern welche gesellschaftlichen Gruppen die Union wieder miteinander verbinden will.

Eine Volkspartei benötigt meiner Ansicht nach fünf gleichzeitig glaubwürdige Versprechen: wirtschaftliche Sicherheit, einen funktionierenden Staat, kontrollierte Migration, soziale Verlässlichkeit und Zukunftschancen.

Diese Punkte funktionieren nur zusammen.

Eine reine Wirtschaftspartei wäre keine Volkspartei.

Eine reine Anti-Migrationspartei ebenfalls nicht.

Eine Partei der Rentner wäre keine Volkspartei.

Eine reine Unternehmerpartei auch nicht.

Die Kunst der alten CDU bestand gerade darin, diese Interessen zusammenzuführen.

Die CDU müsste Wirtschaftspolitik wieder mit dem Alltag verbinden

Unternehmenssteuern, Abschreibungsregeln und Bürokratieabbau sind wichtig.

Aber die meisten Menschen erleben Wirtschaftspolitik anders.

Sie fragen:

Ist mein Arbeitsplatz in fünf Jahren noch da?

Kann mein Kind eine Wohnung bezahlen?

Kann ich mein Haus energetisch sanieren?

Kann ich mir ein Auto leisten?

Was kostet Strom?

Wie hoch sind Sozialabgaben?

Was bleibt netto übrig?

Bekomme ich einen Handwerker?

Kann mein Mittelständler investieren?

Werde ich im Alter meinen Lebensstandard halten können?

Eine Volkspartei muss makroökonomische Reformen in konkrete persönliche Sicherheit übersetzen.

Die CDU selbst beruft sich programmatisch weiterhin auf die Soziale Marktwirtschaft, Vermögensbildung, einen funktionierenden Staat, Begrenzung irregulärer Migration und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Das Problem ist daher weniger das Fehlen entsprechender Programmpunkte als die mangelnde Wahrnehmung ihrer Umsetzung.

Migration müsste von einem Wahlkampfthema zu einem Verwaltungsproblem werden

Seit Jahren wird über Migration gesprochen.

Irgendwann zählt aber nicht mehr, wer die härteste Formulierung benutzt.

Entscheidend wird, ob ein Staat tatsächlich unterscheiden kann zwischen Menschen, die bleiben dürfen, Menschen, die als Fachkräfte gebraucht werden, Schutzbedürftigen und Menschen ohne Aufenthaltsrecht.

Wenn Abschiebungen angekündigt, aber nicht umgesetzt werden, wenn Verfahren Jahre dauern, wenn Kommunen überfordert sind und gleichzeitig Unternehmen keine Fachkräfte bekommen, entsteht der Eindruck eines Kontrollverlusts.

Eine Volkspartei müsste gerade dort beweisen:

Der Staat kann Regeln formulieren und sie anschließend auch durchsetzen.

Das wäre wesentlich wirksamer als immer neue sprachliche Verschärfungen.

Die Union müsste wieder Partei des funktionierenden Staates werden

Hier liegt möglicherweise sogar das größte politische Potenzial.

Menschen erleben Politik nicht hauptsächlich über Bundestagsreden.

Sie erleben sie beim Bürgeramt, in der Schule ihrer Kinder, im Krankenhaus, im Zug, beim Bauantrag, bei der Steuererklärung, bei der Polizei, bei der Pflege ihrer Eltern und bei der Suche nach einer Wohnung.

Wenn diese Dinge nicht funktionieren, entsteht irgendwann ein generelles Gefühl:

Der Staat bekommt nichts mehr hin.

Dieses Gefühl zerstört Vertrauen in etablierte Parteien.

Deshalb wäre Verwaltungsmodernisierung keine technokratische Nebensache. Sie könnte zu einem zentralen politischen Projekt einer Volkspartei werden.

Die CDU müsste den Generationenkonflikt offen ansprechen

Hier wird die Besitzstandswahrung besonders schwierig.

Deutschland altert.

Gleichzeitig steigen Ausgaben für Rente, Pflege und Gesundheit.

Eine Politik, die jeder bestehenden Gruppe garantiert, dass sich für sie niemals etwas verschlechtert, wird mathematisch irgendwann unmöglich.

Aber eine Reformpolitik, die lediglich Kürzungen ankündigt, erzeugt massiven Widerstand.

Die politische Aufgabe besteht deshalb darin, Besitzstandsschutz und Generationengerechtigkeit miteinander zu verbinden.

Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, braucht Verlässlichkeit.

Ein 25-Jähriger braucht aber ebenfalls die Gewissheit, dass ihm nach Steuern, Abgaben und Miete genügend bleibt, um selbst Vermögen aufzubauen.

Eine Volkspartei darf nicht ausschließlich diejenigen schützen, die bereits etwas besitzen.

Sie muss Besitzstandswahrung für die Älteren mit Besitzstandsaufbau für die Jüngeren verbinden.

Das wäre ein wesentlich moderneres Verständnis konservativer Politik.

Eigentum könnte dabei wieder ein zentrales Thema werden

Die soziale Marktwirtschaft war politisch besonders erfolgreich, als breite Bevölkerungsschichten glaubten, durch Arbeit gesellschaftlich aufsteigen zu können.

Eigentum spielt dabei eine enorme Rolle.

Wer eine Wohnung oder ein Haus kaufen kann, Kapital aufbauen kann, einen sicheren Arbeitsplatz hat und eine verlässliche Altersvorsorge besitzt, entwickelt ein anderes Verhältnis zum Wirtschaftssystem als jemand, der trotz Vollzeitarbeit das Gefühl hat, dauerhaft Mieter ohne Vermögen zu bleiben.

Eine moderne Volkspartei müsste deshalb weniger darüber diskutieren, wie bestehender Wohlstand verteilt wird, und stärker darüber, wie deutlich mehr Menschen überhaupt Vermögen aufbauen können.

Damit könnte die Union klassische konservative Eigentumspolitik mit einer sozialen Aufstiegspolitik verbinden.

Im Osten braucht die CDU mehr als eine andere Kommunikation

Das Ergebnis von Sachsen-Anhalt mit 17,2 Prozent CDU und 43,8 Prozent AfD lässt sich nicht durch bessere Social-Media-Videos korrigieren.

Wenn große Teile einer Region einer Partei nicht mehr zutrauen, ihre Interessen zu vertreten, besteht ein Repräsentationsproblem.

Die Union müsste deshalb ostdeutsche Landesverbände stärker als eigenständige politische Kräfte behandeln.

Michael Kretschmer hat bereits gefordert, mit allen parlamentarischen Kräften gesprächsfähig zu bleiben, während er gleichzeitig erklärt, die AfD schade dem Land. Diese Differenzierung zeigt, wohin sich die innerparteiliche Debatte bewegen könnte.

Gesprächsfähigkeit und Koalitionsfähigkeit sind nicht dasselbe.

Diese Unterscheidung dürfte für die Union immer wichtiger werden.

Eine mögliche neue Linie zur AfD

Die langfristig stabilste Position könnte deshalb weder lauten:

„Wir behandeln 30 oder 40 Prozent der Wähler, als existierten sie politisch nicht.“

noch:

„Dann regieren wir eben mit der AfD.“

Sondern:

Die Union konkurriert kompromisslos mit der AfD um Wähler, akzeptiert gleichzeitig parlamentarische Realität und behandelt gewählte Abgeordnete nach den Regeln des Parlaments, ohne deshalb automatisch gemeinsame Regierungen oder politische Abhängigkeiten einzugehen.

Vor allem müsste sie zwischen AfD-Wählern und AfD-Partei unterscheiden.

Wer 2026 AfD wählt, ist damit nicht automatisch für alle Positionen dieser Partei gewonnen.

Diese Wähler können wieder wechseln.

Wenn die CDU sie aber entweder moralisch abschreibt oder lediglich versucht, die AfD sprachlich zu kopieren, macht sie es sich unnötig schwer.

Das größte Missverständnis wäre: Die CDU muss einfach weiter nach rechts

Sie muss in bestimmten Bereichen möglicherweise konservativer und konsequenter werden.

Aber das allein reicht nicht.

Um wieder 30 oder 35 Prozent und möglicherweise darüber hinaus zu erreichen, braucht sie zusätzlich Wähler aus der Mitte.

Sie braucht Angestellte.

Arbeiter.

Selbstständige.

Rentner.

Familien.

Junge Menschen.

Stadtbewohner.

Menschen auf dem Land.

Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte.

Genau deshalb heißt es Volkspartei.

Eine Partei, die lediglich versucht, AfD-Wähler zurückzuholen, kann vielleicht eine starke konservative Partei werden.

Aber keine echte Volkspartei.

Die eigentliche Chance der Union könnte deshalb in einem neuen Konservatismus liegen

Nicht Stillstand.

Nicht permanente Revolution.

Sondern Veränderung mit Sicherheitsnetz.

Deutschland steht vor realen Umbrüchen: künstliche Intelligenz, Automatisierung, demografischer Wandel, Energieversorgung, geopolitische Unsicherheit, Migration, Verteidigung und internationale Konkurrenz.

Diese Veränderungen lassen sich nicht verhindern.

Die entscheidende politische Frage lautet deshalb:

Wer vermittelt den Menschen das Gefühl, dass dieser Wandel beherrschbar ist?

Genau dort könnte eine erneuerte CDU ihre Rolle finden.

Nicht:

„Alles bleibt, wie es ist.“

Auch nicht:

„Alles muss anders werden.“

Sondern:

„Wir verändern, was verändert werden muss, damit Sicherheit, Wohlstand, Freiheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt erhalten bleiben.“

Das wäre eine politische Philosophie, die sowohl konservativ als auch reformorientiert wäre.

Meine zentrale Theorie

Die AfD ist nicht deshalb so stark geworden, weil Deutschland plötzlich zu fast einem Drittel ideologisch rechtsradikal geworden wäre.

Ein erheblicher Teil ihres Erfolges dürfte vielmehr aus dem Eindruck entstehen, dass der bestehende politische Betrieb Probleme erkennt, darüber diskutiert, aber sie nicht ausreichend löst.

Genau deshalb würde auch ein bloßer Kanzlerwechsel wenig verändern.

Wenn nach Merz ein neuer CDU-Kanzler kommt, aber Bürger weiterhin den Eindruck haben, dass Wirtschaft, Migration, Rente, Verwaltung, Infrastruktur und innere Sicherheit nicht funktionieren, wird auch der nächste Kanzler sehr schnell Popularität verlieren.

Die entscheidende Währung heißt deshalb nicht Sympathie.

Sie heißt Wirksamkeit.

Die CDU war historisch besonders stark, wenn große Bevölkerungsteile ihr nicht unbedingt Begeisterung, aber Regierungsfähigkeit zuschrieben.

Genau dieses Vertrauen muss sie wiederherstellen.

Und darin liegt möglicherweise auch die Antwort auf die Brandmauer-Frage.

Die Union muss die AfD weniger durch organisatorische Ausgrenzung bekämpfen als durch bessere Problemlösung.

Wenn Bürger wieder glauben, dass CDU und CSU Wirtschaftswachstum ermöglichen, Migration kontrollieren, den Sozialstaat erhalten, Verwaltung funktionsfähig machen und gleichzeitig gesellschaftliche Stabilität garantieren können, verliert die AfD einen wesentlichen Teil ihres politischen Treibstoffs.

Wenn dieses Vertrauen nicht zurückkehrt, wird auch eine Brandmauer die AfD langfristig nicht kleinhalten.

Und wenn CDU und CSU stattdessen einfach die Brandmauer einreißen, ohne vorher ihre eigene politische Identität und Problemlösungskompetenz wiederherzustellen, könnten sie am Ende nicht die AfD zurückdrängen.

Sie könnten ihr vielmehr den Weg zur dauerhaften Regierungspartei öffnen.

Deshalb ist die entscheidende Frage für die Union nicht „Wer kommt nach Merz?“ und auch nicht zuerst „Brandmauer ja oder nein?“.

Die entscheidende Frage lautet:

Warum sollte ein Arbeiter, ein Unternehmer, eine Krankenschwester, ein Rentner, eine junge Familie und ein 25-jähriger Gründer gleichzeitig überzeugt sein, dass die CDU ihre Interessen vertreten kann?

Wenn CDU und CSU darauf wieder eine glaubwürdige Antwort finden, können sie wieder Volkspartei werden.

Wenn sie diese Antwort nicht finden, wird auch der nächste Kanzler nur das Personal eines strukturellen Problems austauschen.

Recherche- und Analyse-Stand: 12. September 2026.

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