Startseite Allgemeines Großer Gipfel, kleine Teilnehmerliste – und plötzlich spricht Konrad Adenauer
Allgemeines

Großer Gipfel, kleine Teilnehmerliste – und plötzlich spricht Konrad Adenauer

JaimeEstuardoColElias (CC0), Pixabay
Teilen

Es sollte der Ludwig‑Erhard‑Gipfel werden. Wurde er auch. Zumindest auf dem Papier. Im echten Leben entwickelte sich das Treffen jedoch eher zum großen politischen Polterabend mit anschließender Massenabsage. Und bei WELT TV? Da wurde er kurzerhand zum Konrad‑Adenauer‑Gipfel erklärt. Aber dazu später.

Zunächst die Fakten: Der Gipfel wird von der Weimer Media Group veranstaltet – gegründet von niemand Geringerem als Wolfram Weimer, mittlerweile Kulturstaatsminister. Eine Konstellation, die bei genauerem Hinsehen ungefähr so elegant wirkt wie eine Drehtür zwischen Regierung und Verlagshaus.

Söder macht den Anfang – und dann kommt: nichts

Markus Söder, sonst gern überall Schirmherr, erklärte öffentlich seinen Rückzug. Begründung: Man müsse „ökonomische und politische Dinge klar trennen“. Übersetzung: Bevor das Wort „Geschmäckle“ noch öfter fällt, bleibe ich lieber zuhause.

Danach setzte ein politisches Domino ein, wie man es sonst nur von kurzfristig abgesagten Kindergeburtstagen kennt.
Dorothee Bär? Leider verhindert – Norwegen ruft.
Thorsten Frei? Dienstliche Verpflichtungen.
Lars Klingbeil? Schon vorher abgesagt, ganz zufällig.
Katherina Reiche? Keine Zusage, aber viele Gedanken.
Alois Rainer? Prüft noch, ob er lieber die Kühe füttert.

Zurück blieb: der Gipfel. Und viel frische Bergluft.

Geld weg, Compliance her

Auch finanziell wird auf Abstand gegangen. Das bayerische Wirtschaftsministerium zieht sich voraussichtlich zurück, nachdem in den vergangenen Jahren noch sechsstellige Beträge geflossen waren. Jetzt wird geprüft. Sehr gründlich. Mit dem Wort Compliance auf jeder zweiten Seite.

Parallel dazu trennt sich Kulturstaatsminister Weimer vorsorglich von seinen Firmenanteilen – zumindest temporär und über einen Treuhänder. Die Geschäftsführung hatte er ja schon vorher verlassen. Das wirkt ein bisschen wie: Ich bin nicht mehr da, aber mein Mantel hängt noch.

Die Weimer Media Group weist derweil alle Vorwürfe zurück, man habe gegen Geld exklusiven Zugang zu Bundesministern verkauft. Einfluss? Nein, nein. Das sei nur… Netzwerken. Mit Aussicht.

Und dann kam Norbert Bolz

Während sich Politiker reihenweise vom Tegernsee verabschieden, sorgt Norbert Bolz bei WELT TV für den eigentlichen Höhepunkt:
Er macht aus dem Ludwig‑Erhard‑Gipfel kurzerhand einen Konrad‑Adenauer‑Gipfel.

Ein Moment, in dem selbst der Altkanzler im Grab vermutlich kurz die Augenbrauen hob.

Man weiß nicht, was peinlicher war: der Versprecher selbst oder die Selbstverständlichkeit, mit der er vorgetragen wurde. Ein Gipfel, zwei Kanzler, null Fakten – live im Fernsehen. Chapeau, Herr Bolz. Geschichtsunterricht als Improvisationstheater.

Fazit

Was bleibt, ist ein Gipfel ohne Gipfelstürmer, eine Teilnehmerliste mit vielen Konjunktiven und ein Fernsehbeitrag, der beweist:
👉 Politische Distanz ist das neue Nähe‑Bekenntnis
👉 Compliance das neue Alibi
👉 Und Ludwig Erhard jederzeit durch Konrad Adenauer ersetzbar – zumindest bei WELT TV

Ein peinlicher Abend? Vielleicht.
Ein lehrreicher? Auf jeden Fall.
Denn man hat wieder einmal gelernt:
Nicht jeder Gipfel braucht Teilnehmer – manche brauchen nur gute Ausreden.

 

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Neue Spur in Großbritannien: Polizei prüft mögliche Epstein-Flüge über London-Stansted

Jahre nach dem Tod des US-Sexualstraftäters Jeffrey Epstein werfen neu veröffentlichte Dokumente...

Allgemeines

Pionier der Autismusforschung: Hans Asperger vor 120 Jahren geboren

Vor 120 Jahren wurde Hans Asperger geboren – ein Mediziner, dessen Name...

Allgemeines

Wahrheitskommission für Epsteins Zorro Ranch: New Mexico will dunkle Kapitel endlich aufklären

Santa Fe. Mehr als fünf Jahre nach dem Tod des verurteilten Sexualstraftäters...

Allgemeines

Goldman Sachs streicht Diversitätskriterien für Vorstandsbesetzung

Die US-Investmentbank Goldman Sachs will künftig bei der Auswahl von Kandidatinnen und...