Der künftige britische Premierminister Andy Burnham hat offenbar beschlossen, dass Großbritannien auch weiterhin ohne digitalen Personalausweis durchs Leben stolpern darf. Nach seinem Amtsantritt morgen will er die umstrittenen Pläne für eine digitale ID beerdigen – und zwar vermutlich nicht in der Cloud, sondern ganz traditionell: politisch, geräuschvoll und mit viel britischem Schulterzucken.
Das Geld, das für das Projekt vorgesehen war, soll stattdessen für andere Dinge verwendet werden. Etwa für die Entlastung bei den Lebenshaltungskosten. Also für etwas, das Bürgerinnen und Bürger möglicherweise etwas stärker interessiert als eine App, die ihnen digital bestätigt, dass sie tatsächlich sie selbst sind.
Der bisherige Premier Keir Starmer hatte den digitalen Ausweis im September vorgestellt. Ziel war es, illegale Migration einzudämmen und zugleich der rechtspopulistischen Partei Reform UK den Wind aus den Segeln zu nehmen. Kurz gesagt: Ein digitales Ausweissystem sollte politische Probleme lösen, bei denen Großbritannien normalerweise erst einmal einen Ausschuss, drei Talkshows und eine sehr ernste Pressekonferenz braucht.
Nach öffentlicher Kritik hatte Starmer die Pflicht zum digitalen Ausweis im Jänner allerdings wieder verworfen. Offenbar war die Begeisterung im Land überschaubar. In Großbritannien klingt „Personalausweis“ für viele Bürger schließlich ungefähr so charmant wie „freiwillige Warteschlange mit staatlicher Gesichtserkennung“.
Die Kosten wurden auf rund 1,8 Milliarden Pfund geschätzt – also etwa 2,1 Milliarden Euro. Für diese Summe kann man entweder ein digitales Ausweissystem bauen oder sehr viele Briten kurz davon überzeugen, dass die Heizung im Winter vielleicht doch wieder angeschaltet werden darf.
Burnham, der am Freitag zum Parteichef gewählt wurde, löst Starmer nun als bereits siebenter britischer Premierminister binnen eines Jahrzehnts ab. In anderen Ländern nennt man so etwas politische Instabilität. In Großbritannien ist es inzwischen fast schon ein Rotationsprinzip mit Downing-Street-Schlüsselübergabe.
Besonders pikant: Großbritannien hat seit dem Zweiten Weltkrieg keine Personalausweise mehr. Die Menschen weisen sich dort üblicherweise mit Reisepass oder Führerschein aus. Oder, je nach Situation, mit sehr überzeugendem Auftreten, einer Postleitzahl und dem Satz: „I’m terribly sorry, but this is completely unnecessary.“
Burnhams Botschaft ist daher klar: Keine digitale ID, kein neues Milliardenprojekt, keine staatliche Ausweis-App. Die Briten bleiben sich treu – analog, skeptisch und im Zweifel lieber mit einem zerknitterten Führerschein in der Tasche als mit einem QR-Code im Regierungsserver.
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