Der Goldpreis ist zu Jahresbeginn auf mehr als 5.500 Dollar je Feinunze gestiegen. Experten sprechen von einem historischen Warnsignal. Die Finanzmärkte reagierten besonnen: Sie kauften noch mehr Gold und hofften, dass das Warnsignal dadurch leiser wird.
Gold gilt seit Jahrhunderten als sicherer Hafen. Besonders beliebt ist dieser Hafen immer dann, wenn draußen Inflation, Kriege, Staatsschulden und politische Unsicherheit gemeinsam Sturmwarnung auslösen. Während gewöhnliche Menschen in solchen Situationen Konserven kaufen oder ihre Ausgaben reduzieren, bestellen Zentralbanken tonnenweise Edelmetall und nennen das Geldpolitik.
Ende 2025 hielten die Notenbanken der Welt erstmals seit den 1990er-Jahren mehr Gold als US-Staatsanleihen. Das ist ungefähr so, als würden Banken kollektiv erklären: „Wir vertrauen dem internationalen Finanzsystem vollkommen – möchten unser Vermögen aber lieber in einem schweren Metall lagern.“
Das Fieberthermometer zeigt Gold
Der ehemalige Deutsche-Bank-Trader Sebastian Müller bezeichnet Gold als „Fieberthermometer für die Märkte“. In seinem Arbeitszimmer sitzt er vor sechs Monitoren, auf denen Kurse in Rot und Grün blinken. Für Außenstehende sieht das aus wie die Kommandozentrale eines Raumschiffs. Tatsächlich versucht dort nur jemand herauszufinden, ob die Weltwirtschaft morgen noch existiert.
Anfang des Jahres zeigte das finanzielle Fieberthermometer mehr als 5.500 Dollar an. Inzwischen ist der Preis auf etwa 4.000 Dollar gefallen. Ist der Patient also wieder gesund?
Müllers Antwort lautet sinngemäß: nein.
Das Finanzsystem hat demnach noch immer Fieber. Es schwitzt, zittert und redet gelegentlich wirr über Zinssenkungen. Weil es aber weiterhin Anleihen ausgeben kann, gilt es offiziell als arbeitsfähig.
Schon 1979 war alles kurz vor dem Ende
Auch 1979 stieg der Goldpreis rasant – von 220 auf 850 Dollar. Damals sorgten Inflation, Ölkrise und geopolitische Spannungen für Nervosität. Es waren also völlig andere Zeiten, abgesehen von Inflation, Ölkrise und geopolitischen Spannungen.
Danach folgte ein sogenannter Goldwinter. Der Preis brach ein und erholte sich erst viele Jahre später. Einen vergleichbaren Absturz erwartet Müller diesmal nicht. Der Grund: Die Zentralbanken kaufen selbst kräftig Gold und dürften den Preis dadurch stützen.
Das ist praktisch. Die Institutionen, die vor einer Krise schützen sollen, kaufen also das Metall, dessen steigender Preis als Zeichen einer Krise gilt. Anschließend erklären Experten den gestiegenen Preis zum Beweis dafür, dass eine Krise droht. Ein nahezu perfekter Kreislauf – nur leider ohne Pfand.
Die USA entdecken die Schuldenflatrate
Besondere Sorgen bereitet Experten die Staatsverschuldung der USA. Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff beziffert sie – je nach Berechnung – auf etwa 100 bis 120 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung.
Allein für Zinsen geben die Vereinigten Staaten inzwischen mehr Geld aus als für ihren Verteidigungshaushalt. Das ist bemerkenswert, weil der amerikanische Verteidigungshaushalt normalerweise als Maßeinheit für „unvorstellbar viel Geld“ verwendet wird.
Rogoff rechnet innerhalb der kommenden zehn Jahre mit einer schweren Krise. Sparmaßnahmen seien politisch kaum durchsetzbar. Regierungen müssten den Bürgern dafür mitteilen, dass nicht jeder Wunsch finanzierbar ist. Diese Kommunikationsform gilt in der Politik als äußerst riskant und wird deshalb nur selten angewendet.
Stattdessen werden neue Schulden aufgenommen, um die Folgen der alten Schulden zu bewältigen. Sollten dabei Probleme entstehen, kann man zusätzliche Schulden aufnehmen. Wirtschaftsexperten nennen das je nach Stimmung „Konjunkturpolitik“, „Sondervermögen“ oder „Dienstag“.
Auch Europa hat einen Elefanten
Der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück warnt ebenfalls vor der wachsenden Staatsverschuldung. Sie könne zum Auslöser einer neuen Finanzkrise werden.
Steinbrück nennt die Schulden einen „Elefanten im Raum“. Dieser Elefant steht allerdings nicht einfach nur herum. Er frisst Zinsen, setzt sich auf die öffentlichen Haushalte und wird von der Politik regelmäßig mit neuen Kreditlinien gefüttert.
Trotzdem spricht kaum jemand gern über ihn. Das liegt laut Steinbrück daran, dass Bürger immer mehr staatliche Leistungen erwarten, während Politiker Schwierigkeiten haben, Nein zu sagen.
„Nein, machen wir nicht“ wäre nach seiner Einschätzung eine starke politische Aussage. Sie wäre allerdings auch geeignet, Wahlen zu verlieren. Deshalb sagen Politiker lieber: „Wir prüfen das“, „Wir schaffen ein Förderprogramm“ oder „Die Finanzierung erfolgt außerhalb des Kernhaushalts“.
Der Elefant nickt dazu zufrieden.
Glänzende Aussichten für schlechte Zeiten
Schulden, ein schwacher Dollar, geopolitische Konflikte, der Iran-Krieg und die Gefahr steigender Ölpreise könnten den Goldpreis weiter antreiben. Für Goldanleger sind das erfreuliche Nachrichten. Für nahezu alle anderen eher weniger.
Denn Gold steigt häufig dann besonders stark, wenn das Vertrauen in Währungen, Staaten und Finanzmärkte sinkt. Ein neuer Rekord wäre deshalb zwar eine gute Nachricht für Besitzer von Goldbarren – aber möglicherweise eine schlechte Nachricht für alle, die ihre Altersvorsorge nicht im Keller unter Kartoffelkisten lagern.
Festlegen wollen sich die Experten dennoch nicht. Das gehört zur seriösen Finanzanalyse: Zunächst wird ausführlich erklärt, warum eine Entwicklung höchstwahrscheinlich eintreten könnte. Anschließend folgt der Hinweis, dass natürlich auch das Gegenteil möglich ist.
So bleibt am Ende nur eine sichere Erkenntnis: Gold glänzt besonders hell, wenn es ringsherum dunkel wird.
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