Wieder einmal steht Galeria vor dem nächsten Sanierungsplan. Wieder einmal werden Filialschließungen diskutiert. Wieder einmal fehlen Mieten, fließen Kredite und hängen die Mitarbeiter in der Warteschleife, während das Management schweigt.
Man könnte fast meinen, bei Galeria sei die Insolvenz inzwischen Teil des Geschäftsmodells.
Dabei stellt sich inzwischen eine ketzerische Frage: Wer braucht eigentlich noch Galeria, wenn es Temu, Shein und Amazon gibt?
Gut, die Antwort lautet natürlich: Menschen, die gerne Dinge vor dem Kauf anfassen, anprobieren oder direkt mitnehmen möchten. Also eine Zielgruppe, die es tatsächlich noch gibt. Allerdings scheint diese Gruppe seit Jahren gegen den Strom der digitalen Bequemlichkeit anzuschwimmen.
Während Galeria noch über Mietstundungen verhandelt, liefert Amazon die neue Kaffeemaschine bis morgen früh. Während Kaufhausmanager an Sanierungskonzept Nummer 27 feilen, schickt Temu den gleichen Artikel direkt aus China zum halben Preis. Und während Galeria 25 Prozent Rabatt auf alles gibt, fragt Shein bereits, ob es nicht auch 40 Prozent sein dürfen.
Das große Kaufhaus-Dilemma
Eigentlich war das Warenhaus einmal eine geniale Idee. Alles unter einem Dach: Hemden, Handtaschen, Bettwäsche, Spielzeug, Kochtöpfe und zur Belohnung noch ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte im Restaurant.
Heute nennt man das „einen Suchvorgang bei Amazon“.
Der Unterschied: Früher traf man im Kaufhaus noch Menschen. Heute trifft man Algorithmen.
Die ewige Sanierung
Die eigentliche Konstante bei Galeria ist ohnehin nicht das Sortiment, sondern die Sanierung. Kaum ist ein Rettungsplan abgeschlossen, wird der nächste vorgestellt. Kredite kommen, Kredite gehen. Investoren wechseln. Filialen schließen. Filialen bleiben offen. Mieten werden gestundet. Dann wieder verhandelt.
Wer die letzten Jahre verfolgt hat, könnte den Eindruck gewinnen, dass Galeria weniger ein Handelsunternehmen als vielmehr ein fortlaufendes Restrukturierungsseminar ist.
Besonders bemerkenswert: Während Vermieter von ausbleibenden Mietzahlungen berichten und neue Kredite mit angeblich 15 Prozent Zinsen diskutiert werden, erfahren selbst Betriebsräte offenbar nur das Nötigste über die aktuelle Lage.
Transparenz scheint inzwischen ebenso selten geworden zu sein wie ein voller Kassenbereich am Samstagmittag.
Das eigentliche Problem
Dabei liegt das Problem vermutlich tiefer als hohe Mieten oder zu wenig Rabatte.
Galeria kämpft gegen einen Gegner, den man nicht sanieren kann: das veränderte Einkaufsverhalten.
Der Kunde von heute bestellt nachts um 23.47 Uhr auf dem Sofa, vergleicht Preise in Sekunden und erwartet Lieferung spätestens morgen. Das klassische Warenhaus dagegen lebt von Schaufenstern, Laufkundschaft und der Hoffnung, dass jemand beim Kauf einer Socke spontan noch einen Wasserkocher mitnimmt.
Das funktionierte 1995 hervorragend.
Heute eher nicht.
Nostalgie allein zahlt keine Rechnungen
Natürlich wäre es schade, wenn weitere Traditionshäuser verschwinden. Viele Innenstädte würden dadurch noch leerer wirken. Und es gibt durchaus Menschen, die lieber durch echte Geschäfte bummeln als durch digitale Warenkörbe.
Aber Nostalgie zahlt keine Mieten.
Und solange Galeria vor allem mit Sanierungsplänen, Rettungskrediten und Schließungsgerüchten Schlagzeilen macht, bleibt die unangenehme Frage im Raum:
Ist Galeria noch ein Handelskonzern mit Problemen – oder inzwischen vor allem ein Problem mit Handelskonzern?
Die Antwort dürfte darüber entscheiden, ob künftig noch 83, 40 oder irgendwann gar keine Galeria-Filialen mehr übrig bleiben.
Temu, Shein und Amazon würden es vermutlich gelassen zur Kenntnis nehmen. Sie haben schließlich keine Warenhäuser. Nur Kunden.
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