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Frankreich verschläft Bronze-Spiel – und wacht erst auf, als England schon fast gefeiert hat

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Kylian Mbappé hatte sich seinen Abschied von dieser Weltmeisterschaft vermutlich etwas anders vorgestellt. Vielleicht mit einem Tor, einer Medaille und einem eleganten Abgang. Bekommen hat er stattdessen ein 4:6 gegen England, eine erste Halbzeit zum Fremdschämen und ein Spiel, das zwischen französischem Totalausfall und komplettem Wahnsinn pendelte.

Vor fast 65.000 Zuschauern in Miami lieferten beide Mannschaften am Ende zwar ein Zehn-Tore-Spektakel. Doch bevor Frankreich überhaupt bemerkte, dass noch ein Spiel stattfand, hatte England bereits begonnen, Bronze einzupacken.

Die Franzosen wirkten in den ersten 45 Minuten, als hätten sie den Sommerurlaub versehentlich einen Tag zu früh angetreten. Bereits nach gut zwei Minuten spielte Désiré Doué den Ball im Mittelfeld derart einladend zum Gegner, dass Declan Rice praktisch nur noch „Merci“ sagen musste.

Der englische Mittelfeldmann marschierte rund 30 Meter, wurde nicht ernsthaft gestört und schlenzte den Ball von der Strafraumkante ins lange Eck. 1:0 für England – und die französische Defensive befand sich noch immer im Flugmodus.

Danach wurde es nicht besser. Bukayo Sakas vermeintliches 2:0 wurde zunächst wegen Abseits aberkannt. Das war für Frankreich allerdings nur eine kurze Gnadenfrist. Wenig später köpfte Ezri Konsa eine Ecke von Rice ins Tor.

2:0 nach 18 Minuten. England spielte Fußball, Frankreich betrieb überwiegend Platzpflege.

Mbappé rennt, hadert und bleibt irgendwann einfach stehen

Mbappé war anzumerken, dass er sein persönliches WM-Konto unbedingt noch erweitern wollte. Das Problem: Häufig wollte er offenbar gleichzeitig durch drei englische Verteidiger hindurchlaufen.

Das funktionierte ungefähr so gut, wie es klingt.

Der französische Superstar verlor zahlreiche Bälle, blieb nach gescheiterten Aktionen stehen und wirkte zunehmend genervt. England hatte sich unter Thomas Tuchel perfekt auf ihn eingestellt. Räume wurden zugestellt, Laufwege zugemacht und Mbappé immer wieder dorthin gelenkt, wo bereits genügend Gegenspieler warteten.

Tuchel hatte Jude Bellingham und Harry Kane zunächst überraschend auf die Bank gesetzt. Trotzdem funktionierte sein Plan nahezu perfekt. England brauchte in der ersten Halbzeit weder den Kapitän noch den großen Mittelfeldstar. Frankreich half schließlich großzügig mit.

Nach der Trinkpause versuchte die Mannschaft von Didier Deschamps zwar, etwas mehr Ernsthaftigkeit auszustrahlen. Gleichzeitig öffnete sie England aber noch mehr Räume für schnelle Gegenangriffe.

Saka bedankte sich doppelt.

Der Arsenal-Star traf in der 37. Minute und noch einmal in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Zur Pause stand es 4:0 für England.

Vier zu null.

In einem Spiel um Platz drei.

Für Frankreich war das keine Halbzeit, sondern eine öffentliche Fehlersammlung mit musikalischer Begleitung.

Trikottausch zur Pause – offenbar war der Arbeitstag schon beendet

Mbappé verließ den Platz sichtbar frustriert. Kurz darauf wurde er in den Katakomben im Gespräch mit Thomas Tuchel gesehen – offenbar wieder deutlich besser gelaunt.

Sein Trikot hatte er angeblich bereits mit Declan Rice getauscht. Das kam bei einigen französischen Fans nicht besonders gut an. Schließlich war das Spiel zu diesem Zeitpunkt nur halb vorbei, auch wenn Frankreich zuvor überzeugend den Eindruck vermittelt hatte, es sei längst beendet.

In den sozialen Netzwerken wurde entsprechend heftig diskutiert. Viele Anhänger störten sich weniger am Trikottausch selbst als am Zeitpunkt und an der katastrophalen Leistung der Mannschaft.

Didier Deschamps dürfte sich sein Abschiedsspiel als französischer Nationaltrainer ebenfalls anders vorgestellt haben. Nach einer derart desaströsen ersten Hälfte sah es zunächst so aus, als würde seine Ära mit einem sportlichen Totalschaden enden.

Doch dann begann die zweite Halbzeit.

Und plötzlich erinnerte sich Frankreich daran, dass es tatsächlich Fußball spielen kann.

Frankreich startet die Aufholjagd

Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff traf Mbappé nach Vorarbeit von Michael Olise zum 1:4. Zunächst wirkte der Treffer wie reine Ergebniskosmetik. Doch Frankreich hatte offenbar beschlossen, aus dem ruhigen Bronze-Spiel noch einen kompletten Nervenzusammenbruch für beide Fanlager zu machen.

In der 54. Minute schickte Mbappé den eingewechselten Bradley Barcola in die Tiefe. Barcola traf zum 2:4.

England wurde unruhiger. Frankreich wurde schneller. Und Tuchel dürfte sich gefragt haben, ob seine Mannschaft in der Kabine versehentlich französischen Beruhigungstee getrunken hatte.

In der 66. Minute traf Mbappé erneut. Nur noch 3:4.

Aus einem scheinbar entschiedenen Spiel war innerhalb von 20 Minuten wieder ein echter Wettbewerb geworden. Die englische Führung, die zur Pause noch wie ein komfortables Sofa gewirkt hatte, verwandelte sich plötzlich in einen wackeligen Klappstuhl.

Für Mbappé war es zugleich ein historischer Treffer. Mit seinem insgesamt 22. Tor bei Weltmeisterschaften übernahm er allein die Spitze der ewigen WM-Torschützenliste.

Persönlicher Rekord, sportliches Chaos – für Mbappé war an diesem Nachmittag wirklich alles dabei.

Saka trifft dreimal, Bellingham beendet den Wahnsinn

Tuchel reagierte und brachte Bellingham. Der Mittelfeldstar stabilisierte das englische Spiel zumindest so weit, dass nicht jeder französische Angriff unmittelbar nach dem Ausgleich roch.

Saka machte anschließend seinen Dreierpack perfekt und erhöhte auf 5:3. Doch selbst das war noch nicht die Entscheidung. Ousmane Dembélé verkürzte erneut auf 5:4.

England zitterte. Frankreich drängte. Das Spiel hatte inzwischen jede taktische Ordnung abgelegt und war zu einer offenen Einladung an alle Offensivspieler geworden.

Erst in der Nachspielzeit sorgte Bellingham für Klarheit. Nach einem spektakulären Solo traf er zum 6:4-Endstand und beendete damit die französischen Hoffnungen auf eine vollständige Rückkehr.

Nach fast 100 Minuten stand fest: England gewinnt Bronze.

Bronze für Tuchel, Rekord für Mbappé und Kopfschmerzen für Deschamps

Für Thomas Tuchel endete die Weltmeisterschaft damit immerhin mit einer Medaille. Seine Mannschaft zeigte zunächst eine nahezu perfekte erste Halbzeit, verlor anschließend aber zeitweise vollkommen die Kontrolle.

Frankreich bewies wiederum, dass es innerhalb eines Spiels sowohl erschreckend schlecht als auch spektakulär gefährlich auftreten kann.

Mbappé verabschiedete sich mit zwei Toren und einem WM-Rekord. Trotzdem dürfte ihm vor allem die erste Halbzeit in Erinnerung bleiben – jene Phase, in der England Frankreich nicht nur besiegte, sondern zeitweise vorführte.

Am Ende gewann England 6:4 und holte Bronze.

Frankreich bekam immerhin noch zehn Tore, eine wilde Aufholjagd und die Erkenntnis, dass man bei einem WM-Spiel besser nicht erst nach der Pause erscheinen sollte.

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