Zwei Siege in Folge, vier Spiele ungeschlagen und plötzlich sieht das alles wieder nach Fußball aus – ein erleichterter Fortuna-Fan versucht, mit der ungewohnten Situation umzugehen
Ich muss etwas gestehen.
Ich habe gestern Abend nach dem Schlusspfiff auf die Tabelle geschaut.
Freiwillig.
Ohne dass mich jemand gezwungen hätte.
Und – jetzt wird es wirklich bedenklich – ich habe dabei sogar ein bisschen gelächelt.
Fortuna Düsseldorf gewinnt 2:1 bei Jahn Regensburg.
Zweiter Sieg in Folge. Vier Spiele hintereinander ungeschlagen. Zehn Punkte auf dem Konto. Nach dem vermurksten Saisonstart plötzlich wieder in der erweiterten Spitzengruppe der 3. Liga.
Liebe Fortunen, ich möchte nichts beschreien.
Aber:
Könnte es tatsächlich sein, dass unsere Fortuna gerade in der Saison angekommen ist?
Natürlich erst einmal Rückstand – wir sind schließlich Fortuna
Man hätte das Spiel natürlich auch einfacher gestalten können.
Hinfahren. Führung erzielen. Zweites Tor machen. Spiel kontrollieren. Abpfiff. Drei Punkte. Danke. Wiedersehen.
Aber dann wäre es ja nicht Fortuna Düsseldorf.
Also durfte Nassim Boujellab in der 18. Minute erst einmal das 1:0 für Regensburg erzielen.
Da saß man als Fortuna-Fan wieder da und dachte:
Aha. Natürlich. Warum sollte es auch einmal einfach gehen?
Die Saison war schließlich bislang emotional ungefähr so entspannend wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung.
Aber dann geschah etwas, das mir inzwischen beinahe noch mehr Hoffnung macht als die drei Punkte.
Fortuna fiel nicht auseinander.
Keine kollektive Schnappatmung.
Kein „Oh Gott, wir liegen hinten“.
Kein 20-minütiger Orientierungslauf über den Rasen.
Stattdessen dauerte es gerade einmal vier Minuten.
Flanke Steven van der Sloot.
Und ausgerechnet Erik Wekesser, der ehemalige Regensburger, steht völlig frei und köpft das Ding zum 1:1 rein.
So geht das also.
Gegentor bekommen.
Kurz ärgern.
Weiterspielen.
Tor machen.
Manchmal kann Fußball wirklich verblüffend einfach sein.
Schönheitspreis? Geschenkt!
Wer allerdings gestern einen fußballerischen Galaabend erwartet hatte, der dürfte anschließend leichte Probleme gehabt haben, seine Begeisterung in Worte zu fassen.
Das Spiel war über weite Strecken ungefähr so elegant wie ein Möbeltransport durch ein enges Treppenhaus.
Fehlpässe.
Zweikämpfe.
Ballverluste.
Wieder Fehlpässe.
Zwischendurch wurde auch Fußball gespielt.
Aber eher versehentlich.
Die Sportschau bezeichnete die Partie ziemlich zutreffend als schwach beziehungsweise highlightarm.
Und wissen Sie was?
Mir völlig egal.
Ich habe in den vergangenen Monaten genug Spiele unserer Fortuna gesehen, in denen wir hinterher erklären konnten, dass wir eigentlich ganz ordentlich gespielt hätten.
Wir hatten gute Phasen.
Wir hatten Möglichkeiten.
Wir hatten Ballbesitz.
Wir hatten Ansätze.
Wir hatten Pech.
Wir hatten wahrscheinlich auch die schönere Eckballstatistik.
Nur eines hatten wir manchmal nicht:
Punkte.
Deshalb nehme ich aktuell lieber ein hässliches 2:1 als ein wunderschön herausgespieltes 1:1.
Die Tabelle vergibt nämlich keine Haltungspunkte.
Und dann kommt Eixler
Die zweite Halbzeit plätscherte lange dahin.
Regensburg versuchte es.
Fortuna versuchte es.
Die Zuschauer versuchten vermutlich, wach zu bleiben.
Dann kamen endlich die besseren Düsseldorfer Möglichkeiten.
Jomaine Consbruch hätte uns bereits erlösen können, vergab aber zunächst.
Und dann kam die 79. Minute.
Lukas Eixler.
Eingewechselt.
Steilpass.
Durch.
Torwart Hannes Hermann kommt heraus.
Eixler geht vorbei.
Ball ins Tor.
1:2.
Jaaaaaaaa!
Das sind genau diese Tore, bei denen der gemeine Fortuna-Fan für einige Sekunden sämtliche vorherigen 79 Minuten vergisst.
Plötzlich war das kein mäßiges Drittligaspiel mehr.
Plötzlich war das ein taktisch hochinteressanter Auswärtsauftritt einer charakterstarken Spitzenmannschaft.
So schnell kann sich Fußballanalyse verändern.
Noch wichtiger: Fortuna brachte das Ding nach Hause
Und jetzt kommt für mich der eigentlich entscheidende Punkt.
Fortuna gewann dieses Spiel anschließend tatsächlich.
Keine wilde Schlussphase.
Kein völlig unnötiger Elfmeter.
Kein abgefälschter Ball in der 94. Minute.
Kein Regensburger Innenverteidiger, der seit sieben Jahren nicht getroffen hat und ausgerechnet gegen uns einen 28-Meter-Schuss in den Winkel hämmert.
Nein.
Fortuna brachte die Führung nach Hause.
Die Sportschau beschreibt die Schlussphase als souverän kontrolliert.
Als Fortuna-Fan kennt man für diesen Zustand normalerweise nur Geschichten aus alten Familienalben.
„Opa, erzähl noch einmal von damals, als Fortuna eine knappe Führung einfach über die Zeit gebracht hat.“
Jetzt haben wir es selbst erlebt.
Duisburg geschlagen – Regensburg geschlagen
Und deshalb gefällt mir die Entwicklung.
Vor wenigen Tagen kam der MSV Duisburg nach Düsseldorf.
Tabellenführer.
Vier Spiele.
Vier Siege.
Der MSV war bis dahin praktisch der FC Bayern der 3. Liga.
Und Fortuna?
Gewinnt 2:1.
Dann geht es nach Regensburg.
Das klassische Spiel, bei dem man nach einem Sieg gegen den Tabellenführer eigentlich schon vorher weiß, was passiert.
Großer Sieg am Wochenende.
Alle schöpfen Hoffnung.
Dann Dienstagabend gegen einen Gegner aus dem Tabellenkeller.
Und normalerweise würde Fortuna genau dort wieder alles einreißen.
Aber diesmal nicht.
Wieder 2:1.
Wieder drei Punkte.
Das gefällt mir fast noch besser als der Sieg gegen Duisburg.
Denn gegen einen Tabellenführer bist du automatisch wach.
Aber wenn du wirklich oben mitspielen willst, musst du anschließend auch solche Spiele gewinnen.
Nicht schön.
Nicht spektakulär.
Einfach gewinnen.
Vier Spiele ohne Niederlage
Schauen wir uns das tatsächlich einmal an.
Fortuna ist jetzt seit vier Ligaspielen ungeschlagen.
Und aus den vergangenen beiden Partien wurden sechs Punkte geholt.
Nach dem schwachen Saisonstart steht Düsseldorf jetzt bei zehn Punkten nach sechs Spielen und hat sich wieder an die Spitzengruppe herangeschoben.
Das ist noch keine Aufstiegssaison.
Das ist noch kein Durchmarsch.
Und selbstverständlich bestellen wir noch keine Aufstiegs-T-Shirts.
Wir sind Fortuna-Fans.
Wir wissen, was passiert, sobald jemand anfängt, Tabellenrechner herauszuholen.
Aber:
Es ist wieder eine Entwicklung zu erkennen.
Und das ist verdammt viel wert.
Alexander Ende scheint die Mannschaft zu erreichen
Auch Trainer Alexander Ende darf sich langsam ein bisschen entspannen.
Nach dem Saisonstart konnte man durchaus fragen, wohin diese Reise eigentlich gehen soll.
Jetzt bekommt die Mannschaft zunehmend Struktur.
Fortuna verteidigt stabiler.
Sie wirkt weniger hektisch.
Und vor allem scheint da langsam wieder etwas zu entstehen, was man im Fußball nur schwer messen kann:
Selbstvertrauen.
Das sieht man besonders nach Rückschlägen.
Regensburg geht 1:0 in Führung – und Fortuna antwortet vier Minuten später.
Das ist Mentalität.
Und wenn ein Spiel in der Schlussphase auf der Kippe steht, kommt ein eingewechselter Spieler und entscheidet es.
Das ist genau das, was eine funktionierende Mannschaft braucht.
Und plötzlich träumt der Fortuna-Fan wieder
Natürlich passiert jetzt das Unvermeidliche.
Wir rechnen.
Das wollten wir eigentlich nicht mehr.
Nach dem Saisonstart hatten wir uns geschworen:
„Diese Saison schauen wir einfach von Spiel zu Spiel.“
Klar.
Das hält bei einem Fortuna-Fan ungefähr bis zum zweiten Sieg hintereinander.
Dann sitzt man wieder da:
„Also wenn wir Samstag gewinnen und der da oben verliert und die anderen beiden nur unentschieden spielen …“
Schluss damit!
Noch.
Denn die Saison ist gerade einmal sechs Spieltage alt.
Aber wir dürfen uns zumindest darüber freuen, dass wir nicht mehr nach unten rechnen müssen, sondern vorsichtig wieder nach oben schielen können.
Und seien wir ehrlich:
Genau dafür sind wir doch Fußballfans.
Jetzt wartet Aachen
Am Samstag geht es zu Alemannia Aachen.
Und wissen Sie, was das bedeutet?
Genau.
Das nächste Spiel, bei dem man als Fortuna-Fan schon wieder denkt:
Wenn wir das jetzt auch noch gewinnen …
Nein.
Ich spreche den Satz nicht zu Ende.
Das Fußballuniversum hört schließlich mit.
Aber sechs Punkte aus Duisburg und Regensburg haben etwas verändert.
Ein weiterer Sieg – und aus einem kleinen Aufwärtstrend würde langsam etwas entstehen, das man tatsächlich Serie nennen dürfte.
Fortuna scheint endlich in der Spur zu sein
Nein, das 2:1 in Regensburg war kein Fußballfest.
Niemand wird dieses Spiel in 20 Jahren auf DVD herausbringen.
Vermutlich wird es nicht einmal jemand nächste Woche noch einmal komplett sehen wollen.
Aber genau solche Spiele musst du gewinnen, wenn du oben mitmischen möchtest.
Nach Rückstand zurückkommen.
Geduldig bleiben.
Joker bringen.
Tor machen.
Führung verteidigen.
Drei Punkte einpacken.
Ab nach Hause.
Das ist Erwachsenenfußball.
Und plötzlich wirkt diese Fortuna nicht mehr wie eine Mannschaft, die noch herausfinden muss, was sie in der 3. Liga eigentlich möchte.
Sie wirkt langsam wie eine Mannschaft, die verstanden hat, wie diese Liga funktioniert.
Nach dem schwachen Saisonstart haben wir jetzt zehn Punkte.
Wir sind vier Spiele ungeschlagen.
Wir haben den bis dahin makellosen Tabellenführer geschlagen.
Wir haben anschließend auswärts in Regensburg gewonnen.
Und wir haben plötzlich wieder das Gefühl:
Da könnte etwas gehen.
Mehr möchte ich im Moment gar nicht sagen.
Schließlich sind wir Fortuna Düsseldorf.
Wir wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass zwischen „jetzt läuft’s“ und „was zum Teufel war das denn?“ manchmal nur 90 Minuten liegen.
Aber heute wird nicht gemeckert.
Heute wird die Tabelle angeschaut.
Heute freuen wir uns.
Und vielleicht – wirklich nur ganz vorsichtig – dürfen wir feststellen:
Die Fortuna ist endlich in der Spur.
Bitte jetzt einfach drinbleiben.
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