Die Debatte um Gerhard Schröder zeigt vor allem eines: In Europa scheint inzwischen oft wichtiger zu sein, wer vermittelt, als überhaupt wieder ernsthaft über Verhandlungen zu sprechen. Dabei sollte doch jedem klar sein: Über Krieg und Frieden entscheiden am Ende nicht Vermittler, sondern Russland und die Ukraine selbst.
Natürlich kann man Schröder kritisch sehen. Seine Nähe zu Russland, seine Tätigkeiten für russische Staatskonzerne und seine politischen Entscheidungen der Vergangenheit machen ihn für viele in Europa schwer akzeptabel. Das ist legitim. Aber ebenso legitim ist die Frage, ob man wirklich jede Gesprächsoption reflexartig ablehnen sollte, nur weil sie politisch unbequem ist.
Denn eines muss man nüchtern feststellen: Jeder Vermittler wird von irgendeiner Seite kritisch gesehen werden. Schlägt die EU jemanden vor, wird Moskau protestieren. Kommt ein Vorschlag aus Russland, lehnt ihn Brüssel ab. So dreht sich die Diskussion im Kreis, während an der Front weiter Menschen sterben.
Kaja Kallas argumentiert, Schröder würde „auf beiden Seiten des Tisches sitzen“. Mag sein. Gleichzeitig könnte man aber auch argumentieren, dass genau solche Kontakte und persönliche Zugänge in festgefahrenen Konflikten manchmal hilfreich sein können. Diplomatie war noch nie ein Wettbewerb moralischer Reinheit, sondern immer die Kunst, selbst mit schwierigen Akteuren Gesprächskanäle offen zu halten.
Der Eindruck entsteht inzwischen zunehmend, dass Teile Europas zwar permanent von Frieden sprechen, aber kaum noch bereit sind, unkonventionelle Wege dorthin überhaupt zu diskutieren. Stattdessen dominieren Sanktionen, Eskalationsdebatten und gegenseitige Schuldzuweisungen die politische Bühne.
Dabei wäre gerade jetzt ein pragmatischer Ansatz notwendig. Niemand verlangt, dass Europa Schröder feiern oder ihm blind vertrauen soll. Aber jede ernsthafte Chance auf Gespräche sollte zumindest geprüft werden, bevor sie öffentlich zerredet wird.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob Gerhard Schröder der perfekte Vermittler wäre. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Will man überhaupt aus der Logik der Dauereskalation herauskommen – oder hat man sich längst daran gewöhnt, dass dieser Krieg noch viele Jahre weitergeht?
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