Washington erlebt dieser Tage wieder einmal politische Unterhaltung der besonderen Art. Vor dem US-Kongress erschien Lesley Groff, jahrzehntelang die rechte Hand des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein – und erklärte mit bemerkenswerter Überzeugung, sie habe von alledem nichts gewusst.
Gar nichts.
Wirklich überhaupt nichts.
Die Frau, die Epsteins Termine koordinierte, Reisen organisierte, Kontakte zu Prominenten pflegte und laut Ermittlungsakten zahlreiche „Massagetermine“ arrangierte, schilderte den Abgeordneten, sie sei davon ausgegangen, dass es sich dabei schlicht um ganz gewöhnliche Massagetherapeutinnen gehandelt habe.
Offenbar lebte Frau Groff jahrelang in einer Parallelwelt, in der ein Milliardär täglich junge Frauen ein- und ausfliegen lässt, unzählige Massagen bestellt und dabei zufällig nie Verdacht erregt.
„Jeffrey Epstein war ein Meistermanipulator“, erklärte sie. So meisterhaft offenbar, dass selbst seine engste Mitarbeiterin über zwei Jahrzehnte hinweg nichts bemerkte. Andere Menschen schaffen es kaum, einen Geburtstagskuchen vor ihren Kindern zu verstecken – Epstein soll dagegen ein gigantisches Missbrauchssystem vor den Augen seines eigenen Personals verborgen haben.
Groff betonte zudem, sie selbst sei niemals Opfer von Epstein geworden. Außerdem hätten Epstein und Ghislaine Maxwell ihr immer gesagt, sie solle sich nicht für deren Geschäfte interessieren.
Eine Anweisung, die sie offenbar mit bemerkenswerter Konsequenz befolgte.
„Nicht meine Angelegenheit“ scheint rückblickend die erfolgreichste Unternehmensphilosophie im gesamten Epstein-Imperium gewesen zu sein.
Bei den Opfern stößt diese Version der Geschichte naturgemäß auf wenig Begeisterung. Mehrere Überlebende äußerten erhebliche Zweifel daran, dass jemand, der praktisch jeden Termin koordinierte und als zentrale Ansprechpartnerin fungierte, tatsächlich keinerlei Ahnung gehabt haben soll.
Der Kongress hingegen sammelt weiter Aussagen und versucht Licht in einen Fall zu bringen, der auch Jahre nach Epsteins Tod immer neue Fragen aufwirft.
Die vielleicht erstaunlichste davon lautet inzwischen:
Wie viele Menschen können gleichzeitig behaupten, im Zentrum eines der größten Missbrauchsskandale der modernen Geschichte gestanden zu haben – und trotzdem absolut nichts bemerkt zu haben?
Sollte diese Fähigkeit offiziell anerkannt werden, dürfte Lesley Groff jedenfalls gute Chancen auf eine Ehrenmitgliedschaft im internationalen Verband der professionellen Wegschauer haben.
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