Startseite Allgemeines Einmal rund um Taiwan: Die 1.000-Kilometer-Tour als nationales Ritual
Allgemeines

Einmal rund um Taiwan: Die 1.000-Kilometer-Tour als nationales Ritual

MagicTV (CC0), Pixabay
Teilen

Taiwan lässt sich mit dem Zug, dem Auto oder dem Motorrad erkunden. Wer die Insel jedoch wirklich kennenlernen will, setzt sich aufs Fahrrad. Jedes Jahr umrunden Tausende Menschen Taiwan auf der sogenannten Huandao – einer fast 1.000 Kilometer langen Strecke, die für viele längst mehr ist als nur eine sportliche Herausforderung.

„Wer die Huandao nicht wenigstens einmal im Leben gefahren ist, ist nicht wirklich Taiwaner“, scherzt der in Taipeh lebende Radfahrer Ethan. Er selbst hat die Insel bereits vier- oder fünfmal umrundet – jedes Mal auf einer etwas anderen Route. Für viele Jugendliche gehört die Tour inzwischen zum Erwachsenwerden, häufig vor dem Beginn eines Studiums oder im Rahmen einer Schulreise.

Der Begriff Huandao bedeutet wörtlich „rund um die Insel“. Die klassische Route führt im Uhrzeigersinn von Taipeh entlang der Nordküste, durch Fischerdörfer und spektakuläre Felslandschaften, weiter über die dünn besiedelte Ostküste bis zu den tropischen Stränden im Süden. Anschließend geht es durch den dicht bebauten Westen zurück in die Hauptstadt.

Ein Film machte die Inselrunde berühmt

Fernradreisen haben in Taiwan eine lange Tradition. Zum nationalen Symbol wurde die Inselumrundung jedoch erst nach dem Kinofilm „Island Etude“ aus dem Jahr 2006. Darin fährt ein Student sieben Tage lang mit dem Fahrrad durch Taiwan, besucht historische Orte, hört indigene Lieder und begegnet Menschen, die ihm spontan Essen oder eine Unterkunft anbieten.

Der Film inspirierte zahlreiche junge Taiwaner dazu, selbst aufzubrechen und ihre Heimat aus einer neuen Perspektive zu entdecken. Im Jahr 2015 erklärte die Regierung die Rundstrecke offiziell zur „Taiwan Cycle Route No. 1“ und schuf damit ein landesweites Netz aus Radwegen und geeigneten Straßen.

Die stille Seite der Insel

Besonders eindrucksvoll ist die Ostküste. Während der Norden und Westen von Großstädten, Industrie und dichter Besiedlung geprägt sind, wirkt der Osten weitläufig und beinahe unberührt. Hohe Berge reichen bis an den Pazifik, Palmen säumen die Straßen und zwischen kleinen Ortschaften liegen lange, einsame Abschnitte.

Die geografische Abgeschiedenheit hat dazu beigetragen, dass dort viele indigene Traditionen erhalten geblieben sind. Amis, Truku und Puyuma lebten bereits auf Taiwan, lange bevor chinesische und japanische Siedler auf die Insel kamen. Totempfähle, geometrische Ornamente, lokale Speisen und traditionelle Musik erinnern bis heute an dieses kulturelle Erbe.

Wer langsam reist, bekommt davon mehr mit. In kleinen, familiengeführten Unterkünften treffen Radfahrer auf Gastgeber, die nicht nur ein Bett, sondern oft auch persönliche Einblicke in das Leben der Region bieten.

Die Betreiberin einer Pension in Dulan beschreibt die wichtigste Attraktion ihres Ortes nicht mit einer Landschaft oder Sehenswürdigkeit. Es seien die Menschen: freundlich, herzlich und hilfsbereit.

Gastfreundschaft gehört zur Strecke

Viele Reisende berichten von spontaner Hilfe unterwegs. Ein Radfahrer hält an, um einen platten Reifen zu flicken. Eine Hotelbesitzerin telefoniert sämtliche Unterkünfte im Ort ab, bis sie noch ein freies Zimmer findet. Eine Familie lädt einen erschöpften Fremden kurzerhand zum Abendessen ein.

Diese Begegnungen machen einen wesentlichen Teil der Huandao-Erfahrung aus. Die Tour ist nicht nur eine Reise durch Landschaften, sondern auch durch verschiedene regionale Identitäten und Lebensweisen.

Tropische Strände und lange Anstiege

Im Süden führt die Route durch den Kenting-Nationalpark, Taiwans ältesten Nationalpark und zugleich das einzige tropische Schutzgebiet der Insel. Weiße Sandstrände, immergrüne Wälder und wilde Hirsche machen die Region für viele zum Höhepunkt der Tour.

Eine besonders beliebte Passage ist ein rund zwölf Kilometer langer Anstieg nördlich des Nationalparks. Nach dem mühsamen Aufstieg folgt eine lange Abfahrt durch Graslandschaften mit Blick auf das Meer.

Nicht jeder Versuch endet erfolgreich. Taifune, Hitze, Monsunregen und steile Bergstraßen können selbst gut vorbereitete Radfahrer zum Abbruch zwingen. Viele kehren später zurück, um die noch fehlenden Kilometer nachzuholen.

Gute Infrastruktur für Radreisende

Taiwan gilt als eines der fahrradfreundlichsten Reiseziele Asiens. Der Fahrradhersteller Giant hat seinen Sitz auf der Insel und bietet Leihsysteme an, bei denen Räder an verschiedenen Standorten zurückgegeben werden können. Dichte Netze von Supermärkten und kleinen Geschäften sorgen unterwegs für Wasser, Verpflegung, Toiletten und Internetzugang.

Als beste Reisezeiten gelten März und April sowie Oktober und November. Dann sind die Temperaturen meist angenehmer und das Risiko extremer Sommerhitze oder starker Monsunregen ist geringer.

Eine Reise, die Zeit braucht

Die vollständige Umrundung dauert je nach Kondition und Planung etwa zehn bis 14 Tage. Manche Reisende fahren nur einzelne Abschnitte, andere umrunden die Insel sogar zu Fuß.

Am Ende bleibt bei vielen dieselbe Erkenntnis: Taiwan erschließt sich nicht durch Geschwindigkeit. Wer langsam unterwegs ist, sieht mehr, spricht häufiger mit Einheimischen und entdeckt Orte, die aus dem Zug oder Auto kaum wahrnehmbar wären.

Oder wie es eine Wanderin ausdrückte, die die gesamte Huandao zu Fuß zurückgelegt hatte: Taiwan sei schlicht zu schön, um sich dabei zu beeilen.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Vom Schulhacker zum IT-Profi: Polizei setzt auf „Hacker-Reha“

Lucas war 16, als er herausfand, dass die Computersicherheit seiner Schule ungefähr...

Allgemeines

Snapchat sagt dem KI-Müll den Kampf an – mit eigener KI

Snapchat hat genug von künstlich erzeugten Videos, die aussehen, als hätte ein...

Allgemeines

Hansa Rostock:Scheiß auf das Spiel – heute geht es nur um den Menschen

Hansa verliert den Test gegen Borussia Mönchengladbach mit 1:3. Na und? Ganz...

Allgemeines

Trump findet den Schuldigen: Minnesota war’s

In Minnesota werden Wasserversorger offenbar gezielt von Hackern angegriffen. Ermittler prüfen eine...