Lucas war 16, als er herausfand, dass die Computersicherheit seiner Schule ungefähr so stabil war wie ein Passwort auf einem Klebezettel.
Eigentlich wollte er nur Spiele spielen und gesperrte Internetseiten besuchen. Also begann er zu programmieren, Systeme auszutricksen und schraubte irgendwann sogar einen Schulcomputer auf, um einzelne Bauteile für weitere Experimente mit nach Hause zu nehmen.
Zweimal wurde er erwischt.
Für Lucas war das Hacken vor allem eine Herausforderung. Es sei ein gutes Gefühl, etwas zu überwinden, das mehrere ausgebildete Fachleute mit viel Aufwand verhindern wollten.
Die Fachleute dürften sich über dieses Kompliment nur bedingt gefreut haben.
Kurz vor dem Schulverweis griff seine Mutter zu einer ungewöhnlichen Erziehungsmaßnahme: Sie rief selbst die Polizei.
Wenig später saß Lucas am Fenster und wartete auf einen Ermittler. Vermutlich rechnete er mit Handschellen, Verhörlampe und lebenslangem Internetverbot.
Stattdessen kam Polizist Sam Cooper.
Cooper arbeitet für das britische Programm „Cyber Choices“, eine Art Aussteigerhilfe für Jugendliche, die ihre Freizeit damit verbringen, fremde Netzwerke interessanter zu finden als den eigenen Unterricht.
Das Konzept ist einfach: Zuerst erklärt die Polizei, welche digitalen Experimente legal sind und welche mit einer Hausdurchsuchung enden können. Danach versucht sie, das technische Talent der Jugendlichen in Ausbildung, Studium oder IT-Sicherheitsberufe umzuleiten.
Kurz gesagt: Die Polizei sagt nicht nur „Hör auf zu hacken“, sondern auch „Mach es später gegen gutes Gehalt und mit schriftlicher Genehmigung“.
Mehr als 1.150 Jugendliche wurden in den vergangenen acht Jahren an das Programm verwiesen. Fast 600 Fälle kamen allein in den letzten drei Jahren hinzu.
Die Behörden sehen darin ein wachsendes Problem. Junge englischsprachige Hacker werden inzwischen mit Angriffen auf große Unternehmen, Verkehrsbetriebe und Besitzer von Kryptowährungen in Verbindung gebracht.
Viele beginnen jedoch nicht mit dem Plan, internationale Cyberkriminelle zu werden. Sie wollen zunächst nur eine Sperre umgehen, einen Server testen oder beweisen, dass sie schlauer sind als der Schuladministrator.
Dann treffen sie online auf Gleichgesinnte.
Aus „Kann ich das?“ wird schnell „Was kann ich noch?“ und irgendwann möglicherweise „Warum steht die Polizei vor der Tür?“
Nach Angaben der Beamten sind viele der betreuten Jugendlichen neurodivergent oder autistisch. Manche könnten sich stark auf technische Ziele konzentrieren und hätten Schwierigkeiten, deren reale Folgen einzuschätzen.
Das Programm ist allerdings nicht unumstritten. Kritiker fragen, ob man Jugendlichen mit krimineller Hackerfahrung wirklich noch mehr Cyberkenntnisse vermitteln sollte.
Die Sorge ist verständlich. Schließlich könnte eine Ausbildung aus einem mittelmäßigen Hacker theoretisch einen ausgezeichneten Hacker machen.
Die Behörden halten dagegen: Ohne legale Perspektive würden sich die Jugendlichen ihr Wissen ohnehin beschaffen – nur möglicherweise bei Personen, deren Berufsberatung mit Erpressungssoftware und Lösegeldzahlungen endet.
Garantien gibt es trotzdem nicht. Einige Teilnehmer lehnten die Hilfe ab oder sollen später erneut Straftaten begangen haben.
Auch Lucas räumt ein, dass er ohne den Besuch des Polizisten vermutlich weitergemacht hätte. Nun soll er eine Universität besuchen und sich über ein Studium der Cybersicherheit informieren.
Damit könnte seine Geschichte doch noch gut ausgehen.
Früher versuchte er, die Schul-IT zu überwinden.
Bald könnte er dafür bezahlt werden, anderen zu erklären, warum das so einfach war.
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