Warum ich Tim Schreiber jetzt ganz sicher nicht vom Hof jage
Ich bin Dynamo-Fan. Das bedeutet: Ich kenne keine normalen Gefühlslagen.
Entweder wir steigen auf, marschieren durch und spielen bald wieder Europapokal – oder nach einer Niederlage muss mindestens die halbe Mannschaft ausgetauscht, der Trainer hinterfragt und der Rasen neu verlegt werden.
Nach dem 1:2 gegen Bochum ist nun Torwart Tim Schreiber an der Reihe. Drei Punkte aus vier Spielen, Fehlstart, schlechte Stimmung – da braucht die schwarz-gelbe Seele natürlich einen Verantwortlichen. Und weil der Torwart auf dem Platz am leichtesten zu erkennen ist, bekommt er den ganzen Frust frei Haus geliefert.
Dabei lautet der Vorwurf nicht einmal, dass Schreiber keine Bälle hält. Kritisiert wird sein Spiel mit dem Ball: zu riskant, zu ungenau, zu viel Klein-Klein vor dem eigenen Tor.
Oder, wie wir Fans es nennen: kontrollierter Spielaufbau bis zum ersten Beinahe-Herzinfarkt.
Wenn hinten kombiniert wird, beginnt bei mir die Schnappatmung
Ich gebe es zu: Sobald Schreiber den Ball kurz zum Innenverteidiger spielt, beginnt mein persönliches Fitnessprogramm.
Puls hoch. Hände vors Gesicht. Kurz hinsetzen. Sofort wieder aufspringen. Den Nebenmann fragen, warum der Ball nicht einfach nach vorn geschlagen wird. Anschließend laut „Ruhe!“ brüllen, obwohl ich selbst keinerlei Ruhe ausstrahle.
Das gehört bei Dynamo offenbar zur neuen Spieleröffnung.
Gegen Bochum ging es schief. Vor dem 0:1 kam Schreibers Zuspiel nicht sauber genug. Das sagt er selbst. Er versteckt sich nicht und räumt ein, dass der Ball besser gespielt werden muss.
Damit übernimmt er mehr Verantwortung als mancher Kommentator im Internet, der nach drei schlechten Pässen bereits die sofortige Ausweisung aus dem Freistaat fordert.
Zur Wahrheit gehört außerdem: Nicolai Rapp hätte aus dem Zuspiel trotzdem noch deutlich mehr machen können, als den Ball beim Gegner abzugeben. Der Pass war nicht gut. Der anschließende Umgang damit allerdings auch nicht gerade ein Lehrvideo für angehende Profifußballer.
Ein Fehler – und das Internet eröffnet den Prozess
Schreiber sagt sinngemäß: In 99 von 100 Fällen wird dieser Ball problemlos zum Innenverteidiger gespielt. Diesmal funktioniert es nicht, und plötzlich spricht jeder darüber.
Willkommen bei Dynamo, Tim.
Hier reichen keine 99 gelungenen Aktionen. Hier wird über die eine misslungene noch diskutiert, wenn längst drei neue Trainer, sieben Sportgeschäftsführer und zwei Aufsichtsräte im Amt waren.
Kritik gehört zum Fußball. Wer einen Fehler macht, muss sich damit auseinandersetzen. Aber was in den sozialen Netzwerken teilweise über Schreiber geschrieben wird, ist keine sachliche Kritik mehr. Persönliche Beleidigungen helfen weder dem Torwart noch der Mannschaft.
Man darf sagen, dass der Pass schlecht war. Man darf auch fragen, ob Dynamo in bestimmten Situationen einfacher spielen sollte. Aber man muss einen 24-jährigen Torhüter nicht behandeln, als hätte er persönlich das Flutlicht abgeschaltet und das Rudolf-Harbig-Stadion an Aue verkauft.
Dynamo ohne Risiko? Das wäre nicht Dynamo
Schreiber verteidigt den spielerischen Aufbau von hinten. Diese Art des Fußballs habe Dynamo bereits in der vergangenen Rückrunde stark gemacht. Außerdem sei sie vom Trainer ausdrücklich gewünscht.
Und da liegt das eigentliche Problem: Wir wollen mutigen Fußball – aber bitte ohne die Risiken mutigen Fußballs.
Wir wollen flach eröffnen, den Gegner herauslocken und uns spielerisch befreien. Sobald dabei allerdings etwas schiefgeht, verlangen wir einen 80-Meter-Abschlag Richtung gegnerischer Eckfahne.
Wir möchten Spektakel, aber ohne Spannung.
Wir wollen Eier, aber bitte hart gekocht und vollständig risikofrei.
So funktioniert Fußball leider nicht.
Wer sich spielerisch aus dem gegnerischen Pressing lösen will, wird gelegentlich einen Ball verlieren. Entscheidend ist, dass die Mannschaft aus solchen Situationen lernt und erkennt, wann ein kurzer Pass sinnvoll ist und wann die gute alte Methode „weit und weg“ völlig ausreicht.
Man muss nicht jeden Ball hinten herauskombinieren, als gäbe es für zehn Pässe im eigenen Strafraum einen zusätzlichen Tabellenpunkt.
Schreiber kennt das Dresdner Torwartwetter
Dass Torhüter in Dresden nicht jeden Tag Sonnenschein erleben, ist keine neue Erkenntnis. Schreiber erinnert selbst an Benny Kirsten und Marvin Schwäbe. Auch sie wurden nicht nach jedem Spiel mit Rosenblättern überschüttet.
Das Dynamo-Tor ist eben kein gewöhnlicher Arbeitsplatz. Es ist eine Mischung aus Hochsicherheitstrakt, Schleudersitz und öffentlicher Aussichtsplattform.
Wenn es läuft, wirst du zum Helden erklärt. Wenn es nicht läuft, diskutiert halb Sachsen darüber, ob du beim Herauslaufen den falschen Fuß zuerst auf den Rasen gesetzt hast.
Schreiber wusste, worauf er sich einlässt. Trotzdem wäre es gelogen zu behaupten, dass die Angriffe an ihm spurlos vorbeigehen. Entscheidend sei für ihn, damit umgehen zu können und seinem Weg treu zu bleiben.
Diese Haltung gefällt mir.
Nicht, weil Kritik grundsätzlich ignoriert werden sollte. Sondern weil ein Torwart, der nach jedem Fehler seine gesamte Spielweise ändert, bald überhaupt keine Entscheidung mehr mit Überzeugung trifft.
Jetzt alles umwerfen? Bitte nicht
Schreiber sagt, ein sofortiger taktischer Rückzug würde nicht gerade von Mut zeugen. Etwas kräftiger hat er es selbst formuliert.
Damit hat er recht.
Nach vier Spielen die komplette Idee über Bord zu werfen, wäre das falsche Signal. Dynamo muss nicht aufhören, Fußball zu spielen. Dynamo muss nur lernen, etwas genauer zu unterscheiden, wann spielerischer Aufbau mutig und wann er schlicht unnötig gefährlich ist.
Mut bedeutet nicht, jeden Ball mit verbundenen Augen durch den eigenen Strafraum zu kombinieren.
Mut bedeutet auch, nach einem Fehler erneut Verantwortung zu übernehmen – und beim nächsten Mal die bessere Entscheidung zu treffen.
In Braunschweig zählen keine Kommentare, sondern Punkte
Nun geht es nach Braunschweig. Drei Punkte aus vier Spielen sind zu wenig, da gibt es nichts schönzureden. Die Mannschaft braucht ein Erfolgserlebnis, bevor aus einem Fehlstart eine handfeste Krise wird und wir Fans anfangen, die Tabelle nur noch von unten nach oben zu lesen.
Schreiber fordert Ruhe, Zusammenhalt und Überzeugung.
Ruhe kann ich als Dynamo-Fan zwar nicht versprechen. Das wäre unseriös.
Zusammenhalt hingegen schon.
Deshalb bekommt Tim Schreiber von mir keine Freikarte. Fehler müssen angesprochen werden. Aber ich werde ihn nach einem misslungenen Zuspiel auch nicht zum alleinigen Schuldigen erklären.
In Braunschweig darf er gern wieder kurz eröffnen. Präzise wäre schön. Und wenn die Situation brenzlig wird, darf der Ball ausnahmsweise auch einmal in Richtung Harz fliegen.
Hauptsache, am Ende nehmen wir drei Punkte mit.
Dann war der Spielaufbau selbstverständlich genial, der Trainer ein Taktikfuchs und Tim Schreiber sowieso schon immer einer von uns.
Bis zur nächsten Niederlage jedenfalls.
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