Die Überraschung über Deutschlands gescheiterte Bewerbung für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat hält sich mittlerweile ungefähr auf dem Niveau der Verwunderung darüber, dass Wasser nass ist. Während in Berlin noch nach den Ursachen gesucht wird, scheinen viele Staaten die Antwort längst gefunden zu haben.
Besonders deutlich wurde Botswanas ehemaliger Präsident Mokgweetsi Masisi. Er erinnerte sich mit einem Schmunzeln an Begegnungen mit der damaligen Außenministerin Annalena Baerbock. Offenbar hatte man in Afrika gehofft, über gemeinsame Interessen, wirtschaftliche Zusammenarbeit oder geopolitische Herausforderungen sprechen zu können. Stattdessen fühlten sich manche Gesprächspartner eher wie Teilnehmer eines unangekündigten Volkshochschulkurses über Toilettenbau, Elefantenmanagement und westliche Moralvorstellungen.
Masisis Analyse fällt entsprechend nüchtern aus: Vielleicht hätte Deutschland mehr Stimmen bekommen, wenn man afrikanischen Staaten weniger erklärt hätte, wie sie ihre Angelegenheiten zu regeln haben.
Das klingt hart. Allerdings berichten verschiedene afrikanische Politiker seit Jahren von ähnlichen Erfahrungen. Einladungen blieben unbeantwortet, Briefe verschwanden offenbar in diplomatischen Schwarzen Löchern, und bei manchen Gesprächen entstand der Eindruck, dass Berlin vor allem daran interessiert war, anderen die Welt zu erklären.
Besonders bemerkenswert ist dabei, dass Deutschland Milliarden in Entwicklungszusammenarbeit investiert, aber offenbar überrascht ist, wenn die Empfänger dieser Hilfe nicht begeistert reagieren, nachdem man ihnen gleichzeitig erklärt hat, wie sie ihre Landwirtschaft, ihre Jagdpolitik, ihren Rohstoffabbau oder ihre kulturellen Traditionen gestalten sollen.
Die Wahl zum UN-Sicherheitsrat entwickelte sich damit zu einer Art diplomatischer Zeugnisvergabe. Während Österreich und Portugal Stimmen sammelten, durfte Deutschland feststellen, dass moralische Vorträge nicht automatisch in Wahlstimmen umgerechnet werden können.
Inzwischen fordert die deutsche Politik Aufklärung. Man möchte wissen, warum Deutschland gescheitert ist. Die Antwort könnte allerdings unangenehm sein: Vielleicht liegt zwischen „werteorientierter Außenpolitik“ und „wir erklären euch jetzt einmal die Welt“ ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Botswanas Ex-Präsident brachte die Stimmung vieler afrikanischer Staaten jedenfalls auf den Punkt. Heute fühle er sich deutlich zuversichtlicher in den Beziehungen zu Deutschland als noch zu Zeiten von Annalena Baerbock.
Ob Botswana bei der Abstimmung gegen Deutschland gestimmt hat, wollte er nicht verraten. Sein „Kein Kommentar“ dürfte allerdings zu den diplomatisch eindeutigsten Nicht-Antworten der vergangenen Jahre gehören.
Deutschland wird sich nun für den Sicherheitsrat 2035/36 erneut bewerben. Bis dahin bleibt ausreichend Zeit, die vielleicht wichtigste Lektion internationaler Diplomatie zu lernen: Wer Stimmen sammeln will, sollte Gesprächspartner behandeln wie Partner – und nicht wie Schüler.
Kommentar hinterlassen