Ein Berater des Weißen Hauses wirft dem chinesischen Unternehmen Moonshot AI vor, in großem Stil Fähigkeiten führender amerikanischer KI-Modelle übernommen zu haben. Der Vorwurf lautet: Moonshot habe nicht einfach nur von der Konkurrenz gelernt, sondern sich offenbar besonders gründlich bei ihr bedient.
Michael Kratsios, Wissenschafts- und Technologieberater von US-Präsident Donald Trump, erklärte, das Unternehmen habe eine sogenannte Destillation eingesetzt. Dabei nutzt ein schwächeres KI-Modell die Antworten eines leistungsfähigeren Systems, um die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. In der Schule hätte man dafür vermutlich einen weniger eleganten Begriff verwendet.
Nach Angaben von Kratsios soll Moonshot Funktionen von Anthropics Modell Fable AI für die Entwicklung seines neuen Modells Kimi K3 übernommen haben. Belege für die Anschuldigungen wurden bislang nicht öffentlich vorgelegt. Die Behauptung stammt damit vorerst von der US-Regierung – einer Institution, die im Technologiekonflikt mit China bekanntermaßen vollkommen ohne eigene Interessen handelt.
Zusätzlich soll Moonshot Zugang zu leistungsfähigen Nvidia-Servern erhalten haben, deren Export nach China von Washington eingeschränkt wurde. Kratsios vermutet, dass dabei Systeme mit Nvidias GB300-Grace-Blackwell-Plattform eingesetzt worden sein könnten.
Die USA hatten bereits 2022 Exportbeschränkungen für besonders fortschrittliche Nvidia-Chips eingeführt. Offiziell soll dadurch verhindert werden, dass die chinesische Armee modernste amerikanische Technologie nutzt. Seitdem versuchen Regierungen weltweit, den Schmuggel solcher Chips zu unterbinden – bislang offenbar mit dem üblichen Erfolg internationaler Handelsverbote.
Die BBC bat Moonshot AI, die chinesische Botschaft in Washington, Anthropic, Nvidia und das Weiße Haus um Stellungnahmen. Öffentliche Antworten lagen zunächst nicht vor. Damit bleibt genügend Raum für Anschuldigungen, Dementis und eine anschließende Debatte darüber, wer eigentlich von wem gelernt hat.
Kimi K3 wurde erst in der vergangenen Woche vorgestellt und sorgte international für Aufmerksamkeit. Beobachter sehen darin ein Zeichen, dass chinesische KI-Unternehmen den technologischen Abstand zu amerikanischen Spitzenmodellen weiter verkleinern.
Moonshot selbst erklärte, Kimi K3 könne mit führenden US-Systemen konkurrieren. Eine solche Behauptung ist in der KI-Branche inzwischen fast schon Pflicht. Schließlich gilt ein Modell offenbar erst dann als veröffentlicht, wenn es mindestens einmal als ebenbürtig mit OpenAI, Anthropic oder sämtlicher menschlicher Intelligenz bezeichnet wurde.
Die Vorwürfe gegen Moonshot wurden nur einen Tag laut, nachdem US-Finanzminister Scott Bessent angekündigt hatte, die Regierung werde untersuchen, ob chinesische KI-Unternehmen Fähigkeiten amerikanischer Konkurrenten gestohlen hätten.
Bessent erklärte zudem, Sanktionen seien möglich, falls chinesische Firmen durch „industrielle Destillationsangriffe“ geistiges Eigentum verletzten. Die USA unterstützten zwar offene KI-Modelle, doch Open Source bedeute keinen Freibrief für den Zugriff auf amerikanisches Eigentum.
Die Botschaft lautet damit ungefähr: Offene Technologie ist willkommen, solange niemand sie so erfolgreich nutzt, dass amerikanische Unternehmen anschließend schlechter aussehen.
Die chinesische Regierung hat auf die aktuellen Anschuldigungen bislang nicht öffentlich reagiert. In früheren Stellungnahmen erklärte Peking, die Fortschritte des Landes im Bereich künstlicher Intelligenz seien das Ergebnis eigener Anstrengungen und internationaler Zusammenarbeit. Auch hier zeigt sich, wie flexibel der Begriff „Zusammenarbeit“ ausgelegt werden kann.
Die verschärfte Kontrolle chinesischer KI-Unternehmen erfolgt wenige Wochen vor einem erwarteten Treffen zwischen Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping im September. Der Vorwurf des Technologiediebstahls dürfte damit zufällig genau rechtzeitig auf der diplomatischen Tagesordnung erscheinen.
Moonshot will Kimi K3 am 27. Juli als Open-Source-Modell veröffentlichen. Entwickler und Privatpersonen sollen es kostenlos herunterladen und anpassen können. Damit wäre es eines der leistungsfähigsten Modelle dieser Größenordnung, das frei verfügbar ist.
Für die USA könnte das besonders unangenehm werden: Selbst wenn Moonshot tatsächlich Wissen amerikanischer Modelle übernommen haben sollte, würde das Ergebnis anschließend weltweit kostenlos verteilt. Das wäre gewissermaßen die maximal effiziente Form technologischer Weiterverwertung.
Bereits im Juni hatte Anthropic dem chinesischen Technologiekonzern Alibaba vorgeworfen, Fähigkeiten seiner Claude-Modelle durch unerlaubte Destillation extrahiert zu haben. Das Unternehmen forderte den US-Kongress auf, die Verantwortlichen zu bestrafen und strengere Schutzmaßnahmen einzuführen.
Das Weiße Haus hatte schon im April angekündigt, enger mit amerikanischen KI-Unternehmen zusammenzuarbeiten, um groß angelegte ausländische Kampagnen zum Technologiediebstahl abzuwehren. Kratsios erklärte damals, diese Aktivitäten sollten amerikanische Forschung systematisch untergraben und Zugang zu geschützten Informationen ermöglichen.
So entwickelt sich der globale KI-Wettbewerb immer stärker zu einer Mischung aus Wettrüsten, Urheberrechtsstreit und gegenseitigen Betrugsvorwürfen. Amerikanische Unternehmen trainieren ihre Systeme mit gewaltigen Datenmengen aus dem Internet, chinesische Unternehmen sollen anschließend von den amerikanischen Modellen lernen – und am Ende erklärt jede Seite, ausschließlich die andere habe etwas gestohlen.
Ob Moonshot tatsächlich unrechtmäßig auf Anthropics Technologie zugegriffen hat, ist bislang nicht unabhängig bestätigt. Sicher ist nur: Kimi K3 scheint leistungsfähig genug zu sein, um Washington nervös zu machen. Und im internationalen Technologiewettbewerb ist das mittlerweile oft der schnellste Weg, unter Spionageverdacht zu geraten.
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