Vorwürfe von Folter, sexueller Gewalt und systematischer Misshandlung
Eine neue Recherche des BBC World Service wirft ein Schlaglicht auf ein kaum zugängliches Haftsystem in den von Russland kontrollierten Gebieten der Ukraine. Im Zentrum stehen frühere Gefangene, die von Folter, sexueller Gewalt, Misshandlungen und jahrelanger willkürlicher Haft berichten. Die BBC identifizierte mehrere Männer, die nach Aussagen von Überlebenden an Misshandlungen beteiligt gewesen sein sollen.
Die Vorwürfe betreffen unter anderem das berüchtigte Haftzentrum Izolyatsia in Donezk. Der frühere Kunst- und Fabrikkomplex wurde nach der Besetzung durch prorussische Kräfte zu einem gefürchteten Gefängnis. Menschenrechtsorganisationen und ehemalige Gefangene berichten seit Jahren von Schlägen, Elektroschocks, Scheinhinrichtungen, sexueller Gewalt und psychischer Folter.
Der Fall Liudmyla Huseinova
Eine zentrale Zeugin der BBC-Recherche ist Liudmyla Huseinova. Sie wurde 2019 im damals besetzten Gebiet in der Region Donezk festgenommen. Nach ihrer Darstellung wurde sie von Männern verschleppt und in das Haftzentrum Izolyatsia gebracht. Dort habe sie unmenschliche Bedingungen, Demütigungen und Gewalt erlebt.
Huseinova berichtet, sie sei über drei Jahre festgehalten worden. Die Zeit in Haft habe ihren Körper und ihre Seele schwer beschädigt. In ihren ersten Tagen in Izolyatsia habe sie Schreie anderer Gefangener gehört, wie sie sie zuvor nie erlebt habe. Gefangene seien gezwungen worden, stundenlang zu stehen. Nachts hätten grelle Lichter den Schlaf verhindert.
Besonders schwer wiegt ihr Vorwurf, sie sei in dem Haftzentrum sexuell angegriffen worden. Nach ihrer Aussage war dabei auch ein Mann anwesend, den sie als Yurii Temerbek identifiziert.
Yurii Temerbek: Vom Verkehrspolizisten zum mutmaßlichen Funktionär der Separatisten
Die BBC identifizierte Yurii Temerbek als einen früheren ukrainischen Verkehrspolizisten, der sich später den russisch unterstützten Kräften angeschlossen haben soll. Ukrainische Behörden werfen ihm vor, für das sogenannte Ministerium für Staatssicherheit der selbsternannten „Volksrepublik Donezk“ tätig gewesen zu sein.
Gegen Temerbek laufen nach Angaben der BBC in der Ukraine Strafverfahren im Zusammenhang mit seiner mutmaßlichen Tätigkeit für eine terroristische Organisation. Die BBC berichtet, dass Temerbek heute offenbar in Russland oder in besetzten Gebieten lebt. Eine Stellungnahme zu den Vorwürfen erhielt die BBC nach eigenen Angaben nicht.
Für Huseinova ist die öffentliche Identifizierung mutmaßlicher Täter ein wichtiger Schritt. Wenn sie strafrechtlich nicht erreichbar seien, so ihre Aussage, müsse zumindest bekannt werden, wer sie seien und was ihnen vorgeworfen werde.
Weitere identifizierte Männer
Neben Temerbek nennt die BBC weitere Männer, die mit Misshandlungen in Verbindung gebracht werden. Einer von ihnen ist Ruslan Yeriomichev, der im Gefängnis unter dem Namen „Yermak“ bekannt gewesen sein soll. Huseinova wirft ihm vor, sie misshandelt und gedemütigt zu haben. Ukrainische Ermittler beschuldigen ihn nach BBC-Angaben mehrerer Verbrechen, darunter grausame Behandlung von Kriegsgefangenen und Zivilisten.
Ein weiterer Fall betrifft Andrey Spivak. Er soll nach Angaben ukrainischer Behörden ein Haftzentrum in Cherson geleitet haben, nachdem russische Kräfte die Stadt 2022 eingenommen hatten. Ein ehemaliger Gefangener berichtet gegenüber der BBC von schwerer Folter, darunter auch sexualisierte Gewalt mit Elektroschocks. Spivak soll früher im russischen Strafvollzug tätig gewesen sein.
Auch diese Beschuldigten antworteten der BBC nach deren Darstellung nicht auf Anfragen.
Ein Netz aus Haftorten in besetzten Gebieten und Russland
Die BBC-Recherche beschreibt nicht nur Einzelfälle, sondern ein weit verzweigtes System von Haftorten. Die Reporterinnen und Reporter werteten Aussagen von Betroffenen, Medienberichte, Ermittlungsunterlagen, Social-Media-Spuren und Informationen von Menschenrechtsgruppen aus.
Nach BBC-Angaben wurden 93 Orte identifiziert, an denen zwischen 2023 und 2025 Zivilisten und Kriegsgefangene in besetzten Teilen der Ukraine festgehalten worden sein sollen. Etwa ein Drittel dieser Orte soll inoffiziell betrieben worden sein, etwa in Verwaltungsgebäuden, Hotels, Garagen oder anderen zweckentfremdeten Einrichtungen. Zusätzlich identifizierte die BBC mehr als 100 weitere Haftorte in Russland.
Internationale Organisationen erhalten nach Darstellung der BBC keinen freien Zugang zu diesen Einrichtungen. Das erschwert unabhängige Kontrolle und Strafverfolgung erheblich.
UN spricht von systematischer und weitverbreiteter Folter
Das UN-Menschenrechtsbüro OHCHR beschreibt Folter und Misshandlung von Zivilisten in russisch kontrollierten Haftstrukturen als systematisch und weitverbreitet. Ehemalige Gefangene berichten von Schlägen, Elektroschocks, Scheinhinrichtungen und sexueller Gewalt.
Russland weist solche Vorwürfe regelmäßig zurück und bezeichnet sie als unbegründet oder politisch motiviert. Die russische Botschaft in Großbritannien erklärte auf Anfrage der BBC, Russland setze sich für internationales Recht und Rechtsstaatlichkeit ein. Vorwürfe über Verbrechen im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg würden dokumentiert und untersucht.
Zehntausende Vermisste und Gefangene
Ukrainische Behörden gehen davon aus, dass mehr als 16.000 Zivilisten verschleppt wurden, verschwunden sind oder sich in Gefangenschaft befinden. Manche Fälle reichen bis in das Jahr 2014 zurück, als Russland die Krim annektierte und Teile der Ostukraine unter russisch unterstützte Kontrolle gerieten. Viele weitere Fälle folgten nach Beginn der großflächigen Invasion im Februar 2022.
Nach Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft wurden seit 2022 mehr als 400 Fälle konfliktbezogener sexueller Gewalt gegen Zivilisten dokumentiert. In 85 Fällen seien Personen angeklagt worden. In mehreren Fällen kam es zu Urteilen, häufig jedoch in Abwesenheit der Beschuldigten.
Gerechtigkeit bleibt schwer erreichbar
Die BBC macht deutlich, wie schwierig die juristische Aufarbeitung ist. Viele mutmaßliche Täter leben in Russland oder in besetzten Gebieten und sind für ukrainische Ermittler kaum erreichbar. Zwar wurden in der Ukraine Verfahren gegen zahlreiche Beschuldigte eingeleitet, doch nur wenige konnten tatsächlich festgenommen werden.
Ein früherer Leiter von Izolyatsia wurde 2021 in Kiew festgenommen und später zu 15 Jahren Haft verurteilt. Das Haftzentrum selbst soll nach Angaben der ukrainischen Behörden jedoch weiterhin betrieben werden.
Für Überlebende wie Liudmyla Huseinova ist Gerechtigkeit mehr als persönliche Vergeltung. Sie fordert rechtliche Anerkennung dessen, was ihr und anderen widerfahren ist. Die Verantwortlichen müssten benannt, verfolgt und nach dem Gesetz bestraft werden.
Bedeutung der BBC-Recherche
Die Recherche zeigt, wie wichtig die Identifizierung mutmaßlicher Täter ist, wenn staatliche Strafverfolgung an Grenzen stößt. Namen, Funktionen, Fotos, frühere Tätigkeiten und Aufenthaltsorte können helfen, Verantwortlichkeiten zu dokumentieren und künftige Verfahren vorzubereiten.
Gleichzeitig gilt: Die genannten Männer sind nach öffentlich zugänglicher Darstellung Beschuldigte oder Verdächtige. Eine rechtskräftige Verurteilung liegt nach dem vorliegenden Material nicht in allen Fällen vor. Die Vorwürfe sind jedoch schwerwiegend und stützen sich auf Aussagen von Überlebenden, Ermittlungsunterlagen, Menschenrechtsberichten und journalistischer Recherche.
Der Fall steht exemplarisch für ein größeres Problem des Ukrainekriegs: Tausende Menschen verschwinden in Haftsystemen, die weitgehend außerhalb internationaler Kontrolle liegen. Für die Betroffenen beginnt Gerechtigkeit oft damit, dass ihre Geschichte öffentlich dokumentiert wird.
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