Beim Eurovision Song Contest ist endgültig alles möglich: Australien steht nach dem zweiten Halbfinale plötzlich kurz vor dem Sieg. Delta Goodrem sang sich mit ihrer dramatischen Powerballade „Eclipse“ ins Finale – und direkt in die Herzen von Millionen Menschen, die offenbar beschlossen haben, Geografie einfach als Gefühl zu betrachten.
Die Sängerin gilt jetzt als größte Konkurrenz für Finnland, das seit Monaten als Favorit gehandelt wird. Sollte Australien tatsächlich gewinnen, müsste Europa sich zum ersten Mal ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob Wien 2027 vielleicht doch in Sydney liegt.
Delta Goodrem selbst zeigte sich überwältigt. „Es ist überraschend schön“, sagte sie der BBC. Vermutlich auch überraschend für alle Europäer, die jedes Jahr vergessen, dass Australien überhaupt mitmacht.
Auf der Bühne verzichtete Goodrem weitgehend auf den üblichen ESC-Wahnsinn. Kein brennendes Klavier, keine schwebenden Einhörner, kein Mann im Hamsterkostüm. Stattdessen stand sie vor einem riesigen Halbmond und sang einfach sehr emotional. Schon das wirkte beim Song Contest beinahe avantgardistisch.
Mit ihr schafften es noch neun weitere Länder ins Finale. Bulgarien eröffnete den Abend mit „Bangaranga“, einer Mischung aus Fitnessstudio, Nervenzusammenbruch und TikTok-Choreografie. Rumänien schrie sich mit „Choke Me“ durch eine Neon-Seilperformance, bei der man nie ganz wusste, ob gerade Rocksong oder moderne Steuerprüfung dargestellt wird.
Norwegen schickte Jonas Lovv ins Rennen – oberkörperfrei, schnauzbärtig und mit einem Song namens „Ya Ya Ya“. Die ESC-Verantwortlichen hatten ihn zuvor gebeten, seine „zu sexualisierten Bewegungen“ herunterzufahren. Lovv reagierte professionell und ersetzte das Hüftkreisen kurzerhand durch demonstratives Po-Wackeln. Diplomatie auf Eurovision-Art.
Die Schweiz scheiterte trotz dramatischer Seil-Inszenierung, Azerbeidschan ebenfalls. Luxemburg tanzte barfuß mit Mutter Natur durchs Halbfinale und wurde dafür kollektiv von Europa ignoriert.
Großbritannien präsentierte außer Konkurrenz seinen Beitrag „Eins, Zwei, Drei“ von Look Mum No Computer – einem singenden Elektronikbastler, der auf der Bühne aussah, als wäre ein Computerladen explodiert. Die Reaktionen reichten von „endlich mal wieder Punkte für UK“ bis zu „ein Mann rennt hektisch durch eine Prüfungshalle“.
Doch weil Großbritannien zur sogenannten „Big Four“ gehört und genug Geld bezahlt, steht das Land ohnehin automatisch im Finale. Beim ESC gilt schließlich wie überall im Leben: Wer zahlt, darf bleiben.
Am Samstag kämpfen nun 25 Länder um den Sieg. Und Europa bereitet sich mental darauf vor, womöglich bald „Good evening Europe, this is Melbourne calling“ hören zu müssen.
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