Leipzig entdeckt nach der Amokfahrt plötzlich das revolutionäre Konzept, Fußgängerzonen tatsächlich vor Autos zu schützen. Jahrelang reichte es offenbar völlig aus, Poller zu haben, die vor allem dekorativ im Boden stecken oder aus technischen Gründen gerade mal wieder nicht funktionieren.
Jetzt soll die Innenstadt mit einer „nächsten Generation von Pollern“ abgesichert werden. Also nicht mehr nur gegen falsch parkende Lieferwagen oder den aggressiven DHL-Fahrer, sondern gegen Menschen, die mit einem Auto absichtlich durch Menschenmengen rasen. Auf diese Idee musste man in Deutschland natürlich erst kommen, nachdem genau das passiert ist.
Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal kündigte an, künftig Anlagen einzusetzen, wie sie sonst vor Botschaften, Militärstützpunkten oder Hochsicherheitsanlagen stehen. Leipzigs Innenstadt wird also bald behandelt wie eine Mischung aus NATO-Gelände und Hochsicherheitstrakt – nachdem man vorher nicht einmal die Einfahrt zur Fußgängerzone abgesperrt hatte.
Besonders bitter: Genau an jener Stelle, an der der Täter ungehindert in die Grimmaische Straße fahren konnte, gab es bislang überhaupt keine Sperre. Dafür aber nun hektisch hingestellte mobile Betonpoller für 1,4 Millionen Euro – vermutlich dieselben Dinger, die sonst Weihnachtsmärkte vor Glühweinrasern schützen sollen.
Natürlich kommt die Erkenntnis zur Unzeit. Die Stadt steckt mitten in einer Haushaltskrise, Brücken werden teurer, Budgets eingefroren – aber für Hochsicherheitspoller findet sich plötzlich doch Motivation. Kostenpunkt: mehrere Hunderttausend Euro pro Anlage plus laufende Wartung. Sicherheit ist eben unbezahlbar. Vor allem, wenn man sie erst nach einer Katastrophe entdeckt.
Nun diskutieren Stadtrat, Gutachter, Sicherheitsbehörden und Ämter darüber, wie man „nachsteuern“ könne. Ein sehr deutsches Wort dafür, dass man vorher offenbar dachte: „Wird schon nichts passieren.“
Immerhin soll alles „sehr schnell gehen“. Also vermutlich noch bevor die nächste Großveranstaltung beginnt. Vielleicht. Wenn kein Poller klemmt.
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