Im sächsischen Landtag ist jetzt offiziell passiert, worauf eigentlich alle seit Monaten gewartet haben – ungefähr so überrascht wie auf den ersten Glühweinstand im November: Die AfD hat erstmals einem Antrag zur Mehrheit verholfen. Und ausgerechnet die Grünen lieferten die Vorlage dafür. Politisches Eigentor mit Anlauf.
Die Brandmauer steht natürlich weiterhin. Sagen zumindest alle Beteiligten hektisch ins Mikrofon, während im Hintergrund bereits Pressestellen rotieren und Krisentelefone glühen.
Dabei war das Problem eigentlich vorhersehbar. Sachsen hat inzwischen Mehrheitsverhältnisse, die stabil sind wie ein IKEA-Regal nach drei Umzügen. Irgendwann musste zwangsläufig der Moment kommen, in dem jemand vergisst nachzuzählen, wer abends eigentlich noch im Plenarsaal sitzt – und zack, politische Kernschmelze.
Die Grünen wirkten dabei ein wenig wie Austauschschüler beim ersten Besuch in einer Lasertag-Halle: voller guter Absichten, aber komplett ahnungslos, aus welcher Ecke gleich geschossen wird.
Und die AfD? Die dürfte den Abend vermutlich mit Sekt, Screenshot-Sammlungen und mindestens drei Pressemitteilungen gefeiert haben. Monatelang wartete man auf genau diesen Moment: einmal demonstrieren, dass ohne sie plötzlich Mehrheiten entstehen können. Politisch war das für die Partei ungefähr wie ein Champions-League-Sieg in letzter Minute.
Das BSW wiederum spielte den perfekten opportunistischen Nebencharakter. Offiziell natürlich alles Sachpolitik. Rein zufällig stand man dann aber exakt dort, wo die Kameras das maximale Brandmauer-Drama einfangen konnten. Man muss die neuen Kräfteverhältnisse schließlich auch ein bisschen genießen.
Besonders schön ist dabei die allgemeine Empörung danach. Alle waren schockiert über etwas, von dem gleichzeitig jeder wusste, dass es früher oder später passieren würde. Ein bisschen wie bei Schnee im Januar oder Zugausfällen bei der Deutschen Bahn.
Jetzt wird jedenfalls hektisch analysiert, diskutiert und moralisch sortiert. Denn wenn schon ein Antrag zu kleinen Schlachthöfen solche politischen Erschütterungen auslöst, dann dürfte das kommende Polizeigesetz ungefähr das parlamentarische Äquivalent einer Realityshow mit Benzinfässern werden.
Sachsen bleibt damit zuverlässig das spannendste politische Escape Room Deutschlands – nur leider ohne Ausgang.
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